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Die Weltordnung wankt.
Die bisher bekannte Weltordnung wankt. © nsit0108 – stock.adobe.com

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Björn Hawlitschka

Das erste Quartal ist noch nicht vollendet. Doch allein die Ereignisse der ersten beiden Monate bieten genug Stoff für einen Jahresrückblick: Der Angriff der USA auf Venezuela und die Entführung des Präsidenten Maduro, die Sabotage des Berliner Stromnetzes, die Niederschlagung der Proteste im Iran, die erneut tödlichen Schüsse von US-Beamten in Minneapolis, der Rückschlag russischer Truppen auf ukrainischen Gebieten nach Änderung der Starlink-Einstellungen, die Gewalt des Drogenkartells von „El Mencho“ in Mexiko nach dessen Tötung, die Angriffe auf den Iran und Tötung des Regimeführers Ali Chamenei durch die USA und Israel. 

Und das ist nur die Auswahl der Themen im Schlagzeilenlicht, in dessen Schatten sich die „Lost Places“ befinden – die eher vernachlässigten Konfliktherde, hier nur stichpunktartig ohne Anspruch auf Vollständigkeit erwähnt: Afghanistan-Pakistan, Syrien, Sudan, Kongo, die Sahelzone mit Mali, Burkina Faso und Niger, Myanmar, Haiti. Die Liste ließe sich weiter fort­setzen. 

Vergessen wir nicht, dass wir als Europäer 2026 selbst bereits mit US-Präsident Trump einen kritischen Streit hatten: Grönland. Die Rückweisung der Trumpschen Ansprüche mögen zwar vom Tisch sein, stehen aber weiterhin im Raum. Die Abräumung des Themas ist vor allem NATO-Generalsekretär Mark Rutte zu verdanken, der beim World Economic Forum in Davos den US-Präsidenten zum Umdenken brachte. Allein diese Episode kennzeichnet die aktuelle Weltordnung: Der höchste Repräsentant des transatlantischen Militärbündnisses macht sich für die Interessen der europäischen Staaten gegenüber dem amtierenden Mann im Weißen Haus stark, da dieser seinen Partnern mit Gebietsforderungen und Strafen droht. So eine Vision lieferte nicht einmal Nostradamus. 

Licht des Muts

Doch von Davos ging ein weiteres Licht des Muts aus, gesendet als Rede des kanadischen Premiers Mark Carney mit dem unscheinbaren Titel „Principled and Pragmatic: Canada's Path“. In einer immer lauter und eruptiver werdenden Welt lohnt es sich, diese leisen, aber klaren Töne des Premiers zu beherzigen, auch eingedenk des Leitspruchs „Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt“ (Nietzsche).

Die Leitunterscheidung für die neue Weltordnung zieht Carney zwischen Großmächten und Mittelmächten. Man merke: Die USA wird nicht als Supermacht benannt. Indem der kanadische Premier das oberste Treppchen ausspart, umgeht er die zwangsläufige Frage, wer aktuell dort den Platz inne hat: Ist es schon China oder noch die USA? Mit diesem höflichen Schweigen beginnt bereits ein Grundmotiv der weiteren Rede: Ehrlichkeit. Als angewandtes Mittel, um die „Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität“ zu vermindern, wird Ehrlichkeit laut Carney zum Machtfaktor der Mittelmächtigen.

Finaler Bruch

Für diese Erkenntnis unternimmt der Premier interessanterweise einen Rückgriff auf den tschechischen Dissidenten Václav Havel. Auf die Frage „Wie konnte sich das kommunistische System aufrechterhalten?“ sah er die Antwort in der menschlichen Neigung nach unterwürfiger Konformität, um dafür Bequemlichkeit in Sicherheit und Wohlstand zu tauschen, auch wenn dies ein „Leben in der Lüge“ (Havel) bedeute. Hier wird es spannend: Denn Carney zieht die Analogie vom real existierenden Sozialismus in Osteuropa nicht zur aktuellen Lüge als Tagesgeschäft von Donald Trump. Er bezieht sie auf die praktizierte Phase des Westens unter dem US-amerikanischen Hegemon, wie sie in den Dekaden zuvor prägend war. Mit Trump kam der finale Bruch dieser Weltordnung. Die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität bestand schon zuvor, sie ist nun endgültig unüberbrückbar. 
Carney nutzt hier ein Zitat, das jeweils den beiden US-Politikerinnen Ann Richards und Elizabeth Warren zugeschrieben wird. Bezeichnenderweise hat es seinen Ursprung in den neunziger Jahren des vergangenen Millenniums. Also der Dekade, in dem die Begriffe vom „Ende der Geschichte“ und der „Friedensdividende“ Konjunktur hatten und sich der Westen seines „Leben in der Lüge“ siegessicher sein konnte. Dabei waren, wie das Zitat zeigt, die Zeichen bereits zu einer Zeit da, als sich der noch politisch unverdächtige Hotelbesitzer Donald Trump einen Filmauftritt bei „Kevin allein in New York“ erzwang.

Platz am Tisch

Doch wie erhalten wir den für das eigene Überleben notwendigen Platz am Tisch? Verkürzt nach Carney: nicht allein. Einzelplätze können sich Großmächte leisten. Mittelmächte müssen miteinander kooperieren. Tun sie es nicht, konkurrieren sie miteinander in Unterbietungswettbewerben gegenüber Großmächten, die sie als Hegemonialmacht hofieren. Dabei begeben wir uns in Abhängigkeiten und hoffen auf einen Schutz, der nicht länger verlässlich ist. Um eigene Souveränität zu erlangen, ergeben sich unter anderem folgende Punkte für die Pflichtenhefte der Mittelmächte, die jetzt umzusetzen sind:

  • Koalitionen unter Mittelmächten aktiver ge­stalten
  • Prinzipientreue plus Pragmatismus bei Part­nern anwenden
  • Energie und Rohstoffsouveränität diversifizieren
  • Abhängigkeiten von Hyperscalern (USA und China) strategisch reduzieren
  • In Netzhärtung, Redundanzen und NotfallLastmanagement investieren.
  • Eigene Cloud- und Rechenzentrumskapazitäten als kritische Infrastruktur behandeln
  • Gemeinsame Standards und Kooperationsräume mit gleichgesinnten Partnern für sichere KI und Cyberabwehr schaffen

Übrigens – der erste Zitatengeber, den Carney in seiner Rede in den Zeugenstand bittet, ist der griechisch-antike Thukydides: „Dass die Starken tun, was sie können, und die Schwachen leiden, was sie müssen.“ Auch diese Zitatauswahl dürfte kein Zufall sein aufgrund der Assoziation zum 2017 erschienen Buch „Destined for War: Can America and China Escape the Thucydides’s Trap?“ von Graham Allison. Sowohl die im Buch Thukydides namentlich zugeschriebene Falle als auch sein Satz sollten wir nicht als Naturgesetze betrachten. Wir haben es in der Hand.


Ein Gastbeitrag von
Björn Hawlitschka
Business Development Manager 
für Kritische Infrastrukturen, 
Securitas