Architektur für den Einzelhandel

ALEJA
Das ALEJA Shopping Center in Ljubljana. © ATP / Pierer

Handel und Immobilien
Passion

Susanne Müller

Beim Spaziergang durch die Cities präsentieren sich Ladenzeilen oft uniform und wenig einfallsreich. Wie Schuhschachteln muten viele Stores an. Auch so manche Shopping Mall ist in die Jahre gekommen, und das Design früherer Jahrzehnte überzeugt nicht mehr. Wie kann Architektur den Retail aufwerten? Professor Christoph M. Achammer, Gründungsgesellschafter und CEO von ATP architekten ingenieure, hat Antworten.

Der Experte bring es ganz schlicht auf den Punkt: „Wir sollten Orte der Begegnung schaffen, und zwar in den einzelnen Stores, aber gerade auch Freiraum vor den Geschäften ist wichtig. Plätze, Plazas und Malls sind unabdingbar, wenn wir Menschen zum Verweile einladen möchten, sie fördern gleichzeitig die Freude an der Begegnung und am Flanieren. Durch solche Zonen werden die Schwellen zwischen offenen und privaten Räumen fließend.“ Der Handel sei vollumfänglich zum lebendigen Element der Stadt geworden, führt Professor Achammer aus. Und gerade die ebenerdigen Geschosse seien für den Retail immens wichtige Spielflächen. Diese in Szene zu setzen – auch durch Aufenthaltselemente im Außenbereich – ist demnach die logische Konsequenz.

Architektur ist wie Kleidung

Was qualitätsvolle Gestaltung von Handelsimmobilien ausmacht, erläutert Christoph M. Achammer an einem Beispiel. „Architektur ist vergleichbar mit der Kleidung eines Menschen. Wenn die Hülle gut gemacht ist, unterstützt das den gesamten Prozess. Die Bedürfnisbefriedigung der Kunden und ihre Erwartungshaltung sollten harmonisch in die Konzepte einfließen, und zwar sowohl in den Innenräumen als auch im Außenbereich. Doch die äußeren Flächen erfahren immer noch zu wenig Aufmerksamkeit. Auch bei Straßenzügen sehe ich oft keine wirklichen Qualitäten.“

Mehrwerte generieren

Der ganzheitliche Ansatz – Außen- und Innenarchitektur, Kommunikation und Grafikdesign – was kann er bewirken? Professor Achammer: „Der Kernprozess liegt bei der Funktion einer Handelsimmobilie, ergänzt durch Warenpräsentation und Dienstleistung. Begegnungsflächen zu schaffen, Mehrwerte zu generieren, ist unsere Aufgabe. Diese Merkmale unterscheiden den stationären vom Online-Handel. Wenn wir diese Anforderungen perfekt erfüllen, ist viel gewonnen.“

Nachhaltig und flexibel

Doch moderne Architektur geht noch einem Schritt weiter: „Handelsflächen müssen nachhaltig, flexibel und maximal ressourcenschonend sein. Der Einsatz von zirkulären, wiederverwertbaren Materialien ist nicht nur umweltfreundlich, sondern steht auch in direktem Zusammenhang mit der Wertigkeit der Immobilie. Nachhaltige Objekte steigen im Wert und sind leichter finanzierbar.“ Entwickler sollten bei der Planung auch die Betriebskosten so niedrig wie möglich halten - eine nach Süden ausgerichtete „Glaskiste“ zu bauen, mache beispielsweise keinen Sinn.

Hochwertige Ladenkonzepte

Stichwort Alleistellungsmerkmale – welche Rolle spielen sie in der Architektur? „Naja, sie können mitunter eine Wirkung wie eine zu stark geschminkte Frau haben“, sagt Christoph M. Achammer. „Worauf es ankommt, ist das gelungene Zusammenspiel von Marke, Ware und Architektur. Maßgeschneiderte Konzepte sind der Schlüssel zum Erfolg. Der allergrößte Teil der Filialisten hat heutzutage ein Corporate Design. Darunter sehr hochwertige Konzepte wie Prada. Aber auch so mancher Lebensmittler präsentiert sich inzwischen anspruchsvoll. Ich denke da zum Beispiel an die österreichische Supermarktkette MPreis, die echte Schmuckstücke und Begegnungsstätten erschafft. Die Läden liegen teils im hinteren Alpental, doch die Kunden ziehen sich so schön an, als wollten sie zur Biennale in Venedig.“

Nicht immer nur Lage?

Dass gelungene außen- und innenarchitektonische Umsetzung mehr Kundschaft in die Stores zieht, davon ist Christoph M. Achammer überzeugt. „Mit Sicherheit! Gute Lage, attraktive Architektur und ein gelungener Branchenmix wirken wie Magnete. Allerdings finden sich auch Center in A-Lagen, die einfach schlecht gebaut sind. Andere in B-Lagen laufen hingegen sehr gut.“

Alle an einem Strang

Wer den öffentlichen Raum attraktiv gestalten will, sollte mit allen Akteuren an einem Strang ziehen. „Im Business Improvement District in Hamburg läuft das zum Beispiel hervorragend. Dort arbeitet die Stadt zusammen mit rund 75 Prozent der Anrainer und privaten Initiativen an der Stadtteilentwicklung. Gemeinsam wollen sie den öffentlichen Raum besser machen – und irgendwann müssen die restlichen 25 Prozent halt mitziehen.“ Stadtverwaltungen hätten eine große Verantwortung für Immobilien, betont er. „Gerade geht’s vielerorts um die Revitalisierung der Kaufhäuser. Zur Belebung der Straßen sind natürlich auch die Städte gefordert. So kann zum Beispiel eine städtische Bibliothek ein Handelsobjekt ungemein befeuern.“

Mobilität Riesenthema

Zum Riesenthema beim Städtebau werde sich die Mobilität entwickeln, prophezeit der Experte. „ÖPNV, Parkflächen für den Individualverkehr, Park’n’Ride-Konzepte – darüber müssen wir uns verstärkt Gedanken machen. In einigen Jahren bevölkern selbstfahrende E-Autos die Cities – und zwar im Schritttempo. Komfortable Transporte müssen ebenso möglich sein.“

Center als Teil der Stadt

Dann schlägt er noch einmal den Bogen zur Architektur. „Wir bei ATP haben früh erkannt, dass Center ein Teil der Stadt sein sollten und kein in sich abgeschlossenes Objekt. Sehr hohe Aufenthaltsqualität ist gefragt.“ Best-Practice-Beispiele für gelungene Architektur finden sich im eigenen Haus: Sowohl das Atrio im österreichischen Villach mit seinem überdachten Stadtplatz als auch das Aleja im slowenischen Ljubljana sind preisgekrönt.

Plädoyer für Mixed-Use

Entwickler sollten den Schwerpunkt wieder stärker auf den nicht kommerziellen Raum setzen, dort, wo sich Menschen aufhalten und bewegen und Freude haben, meint Christoph M. Achammer. „Eine Stadt ohne Handel ist tot – diese Lehre müssen wir alle befolgen. Handel sollte sich aufs Erd- und Untergeschoss und bis maximal ins erste Obergeschoss beschränken, in höheren Etagen bieten sich verschiedene andere Nutzungsmöglichkeiten an. Mit Single-Use war natürlich alles einfacher zu handlen, doch vieles hat sich mittlerweile zum Besseren gewandt.“

Susanne Müller

 

ATP architekten ingenieure ist mit mehr als 1500 Mitarbeitern eines der größten Büros für Integrale Planung in Europa. Gegründet 1951 in Innsbruck als reines Architekturbüro, entwickelte ATP seit 1976 eine interdisziplinäre Partnerschaft, die Auftraggeber gesamthaft, also mit allen Architektur- und Ingenieurleistungen aus einer Hand, begleitet. CEO und Vorstandsvorsitzender Professor Christoph M. Achammer war Leiter des FORUMS ARCHITEKTUR des German Council of Shopping Centers.