Attentate verhindern

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Marten Pauls und Daniel Schlatter
Im Sicherheitsdenken hat eine Zeitenwende eingesetzt. Marten Pauls, Geschäftsführer der Marten Pauls Beratung GmbH & Co. KG, und Daniel Schlatter, Inhaber von IVVM Schlatter, haben sich Gedanken um Konzepte gemacht.
Die Überfahrtaten der vergangenen Zeit haben eindrücklich gezeigt: Fahrzeuge können binnen Sekunden zu Waffen werden. Ob aus terroristischer, krimineller oder psychischer Motivation heraus – das Ergebnis ist stets dasselbe: Schwerverletzte und Tote mitten in unseren Innenstädten. Was früher als undenkbares Szenario galt, ist längst Teil unserer urbanen Realität geworden. Der Schutz so genannter weicher Ziele wie belebte Plätze, Veranstaltungsflächen und Einkaufszonen ist damit nicht mehr nur Aufgabe der Polizei, sondern wird zur gemeinsamen Herausforderung für Kommunen, Eigentümer, Veranstalter und Sicherheitsbehörden.
Erwartungshaltung ist gestiegen
Hinzu kommt: Die Erwartungshaltung der Bevölkerung an die Sicherheit von öffentlichen Räumen ist deutlich gestiegen. Kommunale Entscheidungsträger, Veranstalter und Betreiber müssen sich zunehmend an der Frage messen lassen, ob sie ihrer Verantwortung gerecht werden. Dabei zeigt sich: Sicherheit im öffentlichen Raum ist keine Einzeldisziplin mehr, sondern eine Querschnittsaufgabe mit Wechselwirkungen zu Stadtentwicklung, Mobilitätsplanung und Immobilienwirtschaft.
Erkenntnisse aus Taten
Die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit zeigen die Relevanz des Themas auf: In mehreren Fällen gelang es den Tätern, mit überfahrenden Fahrzeugen in zentrale, belebte Stadtbereiche vorzudringen. Die Täter nutzten dabei Schwachstellen in der Raumstruktur, fehlende bauliche Trennungen oder zeitweilig auftretenden Lücken in der Sperrstruktur. Diese Ereignisse waren nicht allein terroristisch motiviert. Gerade das macht sie so gefährlich: Die Täter handelten spontan, ohne größere Vorbereitung, und nutzten unter Verwendung einfach verfügbarer Tatmittel die Alltagsstruktur der Stadt als Tatkulisse. Mit weitreichenden Folgen. Von schweren Personenschäden bis hin zu massiven Beeinträchtigungen des Sicherheitsgefühls – auch über die jeweiligen Kommunen hinaus. In der Folge wurden in den vergangenen Monaten landesweit der Schutz im öffentlichen Raum an stark bevölkerten Plätzen und bei Veranstaltungen teilweise massiv erhöht, an manchen Orten wird die Lage anders eingeschätzt, und die Schutzmaßnahmen bleiben aus. Auffällig dabei: Gleichwie, eine einheitliche schutzzielorientierte und risikoanalysebasierte konzeptionelle Vorgehensweise kann dabei oft nicht beobachtet werden.
Neue Dynamik der Bedrohung
Das Fahrzeug ist nicht nur ein alltägliches Verkehrsmittel, sondern längst auch ein potenzielles Tatmittel: Überfahrtaten benötigen kaum Vorbereitungszeit, die Tatmittel sind nahezu überall verfügbar, und die Hemmschwelle zur Tatausführung sinkt. Es ist festzustellen, dass nicht nur terroristische Gruppierungen entsprechende Taten propagieren, sondern auch psychisch instabile Einzeltäter Fahrzeuge als vermeintlich effektives Mittel zur Ausübung von Gewalt entdecken. Das Risiko ist dadurch schwerer vorhersehbar. Schutzkonzepte müssen daher weniger auf konkrete Bedrohungslagen als vielmehr auf abstrakte Gefahrenlagen vorbereitet sein. Dieses Ziel kann sinnvoll nur als Ergebnis einer ganzheitlichen und methodisch anerkannten systematisch-konzeptionellen Vorgehensweise sein.
Was Zufahrtsschutz leisten muss
Ein zeitgemäßer Zufahrtsschutz unterscheidet nicht mehr zwischen temporärer Veranstaltung und Alltagsbetrieb. Vielmehr gilt es, den öffentlichen Raum in seiner dynamischen Nutzung zu erfassen und mit passenden Schutzstrategien vorausschauend und nutzungsadäquat zu reagieren. Der Schutz vor Überfahrtaten basiert dabei auf einem ganzheitlichen Ansatz, der folgende Bausteine umfasst.
- Gefährdungsanalyse: Welche Orte, Zeiten und Situationen sind besonders risikobehaftet? Wer oder was könnte Ziel einer Tat werden?
- Definition der Schutzziele: Was soll konkret erreicht werden? Ausschluss jeglicher Fahrzeuge? Ausschluss nur bestimmter Gewichtsklassen? Ausschluss nur zu bestimmten Zeiten?
- Auswahl geeigneter Sperrpositionen: Die Anprallenergie eines Fahrzeugs - und damit sein Schadenspotenzial – wird zwar auch von seiner Masse bestimmt, einen viel größeren Effekt hat aber die Geschwindigkeit. Oft ist die geeignete Sperrposition nicht direkt am zu schützenden Raum zu wählen, sondern vorgelagert und teilweise als mehrstufiges System.
- Auswahl geeigneter Sperrsysteme: Je nach Bedarf kommen fest verbaute, mobile oder hybride Sperren zum Einsatz. Stadtbildverträglichkeit, Zertifizierung und Bedienbarkeit sind dabei zentrale Auswahlkriterien.
- Klärung von Betrieb und Verantwortlichkeiten: Wer installiert, wer betreibt, wer reagiert bei Ausfällen oder Manipulationen?
Dabei erscheint gerade im Kontext Zufahrtsschutz die Berücksichtigung langfristiger und nachhaltiger Faktoren von entscheidender Bedeutung.
- Stadtplanerische Integration: Sperrkonzepte für Innenstädte und stark frequentierte Bereiche müssen unbedingt eine stadtplanerische Integration erfahren. Nur so können mit vertretbarem Aufwand langfristig sichere Lebensräume erhalten oder geschaffen werden.
- Städtebauliche Berücksichtigung: Moderne Sperrelemente und die städtebaulichen Gestaltungsmittel erlauben die Bildung von geschützten Räumen, ohne Plätze und Straßen oder gar ganze Teile von Städten als Bollwerke erscheinen zu lassen.
- Beachtung von Wechselwirkungen zur Erschließung: Die bauliche und technische Sicherung des öffentlichen Raums steht stets in einem Spannungsfeld zur Verkehrs- und Erschließungsfunktion von Straßen und Plätzen für die Öffentlichkeit, aber insbesondere auch für Einsatz- und Rettungskräfte. Die Beachtung dieser Wechselwirkungen und die Bewältigung der daraus entstehenden Zielkonflikte ist nur durch die Etablierung eines umfassenden Planungs- und Abstimmungsprozesses unter Einbeziehung der relevanten Stakeholder möglich.
Wichtig ist: Die Sperre selbst ist nie die alleinige Lösung, sondern nur ein Baustein. Optimal ist ihre Einbettung in ein kommunales Sicherheitskonzept sowie die Betriebs-, Sicherheits- und Verkehrskonzepte der jeweiligen Vorhaben, Einrichtungen und Veranstaltungen mit verbindlichen Standards zur Abstimmung und Umsetzung.
Kommunale Handlungsempfehlungen
Auf Grundlage aktueller Normen und Richtlinien (unter anderem DIN SPEC 91414-1 & -2) sowie der technischen Richtlinie „Mobile Fahrzeugsperren" der Polizei ergeben sich folgende Empfehlungen für Kommunen, Stadtentwickler und Veranstalter.
- Multidisziplinäre Zusammenarbeit etablieren: Sicherheitsplanung braucht Expertise aus Stadtplanung, Ordnungsrecht, Veranstaltungssicherheit, Verkehr und Bauwesen.
- Schutzkonzepte standardisieren: Wiederverwendbare Schutzkonzepte mit übertragbaren Grundelementen vereinfachen die behördliche Abstimmung und erhöhen die Rechtssicherheit.
- Dauerhafte und temporäre Lösungen kombinieren: Städtebauliche Schutzmöbel, zum Beispiel Pflanzkübel mit Anprallschutz, lassen sich mit mobilen Sperren sinnvoll kombinieren.
- Zertifizierte Produkte verwenden: Nur zertifizierte Sperrsysteme mit nachvollziehbarer Leistung (zum Beispiel nach DIN ISO 22343-1 oder DIN SPEC 91414-1) bieten den rechtssicheren Nachweis einer Schutzwirkung.
- Betrieb mitdenken: Auch die schönste Sperre hilft nichts, wenn sie nicht bedient, überwacht oder repariert wird. Durchdachte Betriebskonzepte und Wartungspläne sind essenziell.
Checkliste: Erste Schritte
- Sensibilisierung aller Beteiligten
- Definition der Schutzbereiche / Schutzziele
- Gefährdungsanalyse und Ermittlung der potenziellen Angriffsrichtungen
- Auswahl geeigneter Sperrpositionen
- Auswahl geeigneter Sperrsysteme (inklusive Prüfzertifikate)
- Erstellung eines Betriebskonzepts (Bedienung, Wartung, Notfälle)
- Integration in bestehende Stadtplanungs- und Veranstaltungskonzepte
- Dokumentation und Abstimmung mit zuständigen Behörden
Sicherheit als Zukunftsinvestition
Sicherheit im öffentlichen Raum ist keine Reaktion auf Bedrohung, sondern Ausdruck vorausschauender Planung. Wer Innenstädte attraktiv gestalten will, muss auch deren Schutz mitdenken. Der moderne Zufahrtsschutz ist dabei kein Fremdkörper, sondern integraler Bestandteil städtischer Resilienz. Er kann zur Aufwertung des Stadtraums beitragen, das Vertrauen der Bevölkerung stärken und langfristig zur Sicherung urbaner Vitalität beitragen.
Stadtverwaltungen, Veranstalter und Immobilieneigentümer sind gut beraten, sich nicht von der Komplexität des Themas abschrecken zu lassen, sondern schrittweise, systematisch und partnerschaftlich vorzugehen. Denn eines ist sicher: Die nächste Herausforderung kommt bestimmt.
Ein Gastbeitrag von
Marten Pauls und Daniel Schlatter,
ARGE KOSI