Blick aufs Luxus-Segment

Handel und Immobilien
Mission
Susanne Müller
Mehr als 300 Millionen neue Konsumenten könnten in den kommenden fünf Jahren zum Luxusmarkt hinzukommen. Gleichzeitig wird das Geschäft anspruchsvoller: Wirtschaftlicher Druck, veränderte Besucher-ströme und neue Erwartungen jüngerer Generationen zwingen Luxusmarken dazu, ihre Strategien neu auszurichten. Der „Luxury Retail Report 2026“ von SensorMatic Solutions beschreibt eine Branche, die zwischen Wachstumspotenzial und strukturellem Anpassungsdruck steht.
Der Luxusmarkt befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Geopolitische Unsicherheiten, gedämpftes globales Wachstum, die Nachwirkungen der Inflation und eine uneinheitliche Konsumstimmung haben die Dynamik in wichtigen Märkten gebremst. Nachdem China, Westeuropa und Nordamerika bereits 2024 deutliche Rückgänge verzeichneten, setzte 2025 zwar eine gewisse Stabilisierung ein – allerdings langsam und regional sehr unterschiedlich.
Auch 2026 bleibt das Marktumfeld herausfordernd. Regionale Spannungen im Nahen Osten beeinträchtigen unter anderem internationale Reiseströme und erschweren die Erholung der globalen Nachfrage. Für internationale Luxusunternehmen gewinnt deshalb die Frage an Bedeutung, wo künftig Wachstum entstehen kann und welche Kundengruppen dieses Wachstum tragen.
Wohlhabende Konsumenten
Besonders deutlich zeigt sich die veränderte Marktdynamik bei der Betrachtung der Kundengruppen. Während der so genannte aspirative Luxuskonsum unter dem wirtschaftlichen Druck leidet, bleiben vermögende Verbraucher eine wichtige Stütze des Marktes.
In Nord- und Südamerika lag das Wachstum des Luxussegments 2025 lediglich bei 0,5 Prozent. Wirtschaftliche Unsicherheiten und Zolldruck belasteten insbesondere die Nachfrage ambitionierter Käufer. Die Marktentwicklung wurde entsprechend stärker von wohlhabenden Konsumenten getragen.
Auch Europa verzeichnete mit 0,9 Prozent nur ein moderates Wachstum. Inflation belastete das aspirative Segment, während eine schwächere touristische Nachfrage – insbesondere aus China und den USA – zusätzliche Auswirkungen auf den Luxus-Retail hatte.
Der Trend verdeutlicht eine zunehmende Differenzierung des Marktes: Luxusmarken müssen nicht mehr nur zwischen Produkten und Preissegmenten unterscheiden, sondern ihre Strategien stärker an unterschiedlichen Konsumprofilen ausrichten.
HENRYs unter Druck
Eine besondere Rolle spielen dabei die sogenannten HENRYs („High Earners, Not Rich Yet“). Die einkommensstarke, aber noch nicht vermögende Zielgruppe gehört traditionell zu den wichtigen Abnehmern von Luxusgütern. Steigende Lebenshaltungskosten, Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit können jedoch dazu führen, dass diese Konsumenten ihre Ausgaben zurückstellen oder selektiver konsumieren.
Damit verändert sich auch die Dynamik des Marktes: Wo aspirativer Konsum an Grenzen stößt, gewinnen vermögende Kundengruppen für die Stabilisierung und das weitere Wachstum an Bedeutung. Für Marken stellt sich damit die Herausforderung, unterschiedliche Kundensegmente gleichzeitig anzusprechen, ohne die Exklusivität ihrer Positionierung zu verwässern.
Asien verliert Anteile
Die Region Asien-Pazifik bleibt trotz mehrjähriger Rückgänge der weltweit größte Luxusmarkt. Ihr Anteil am globalen Markt ist allerdings von 41,6 Prozent im Jahr 2020 auf 35,8 Prozent im Jahr 2025 gesunken.
Diese Entwicklung verdeutlicht die geografische Neuordnung des Luxusgeschäfts. Gleichzeitig richten internationale Marken ihren Blick verstärkt auf alternative Wachstumsmärkte. Unternehmen wie LVMH und Hermès reagieren damit auf die uneinheitliche Entwicklung der etablierten Luxusdestinationen.
Im Nahen Osten hatte das Luxussegment 2025 noch ein Wachstum von sechs Prozent verzeichnet. Zu Beginn des Jahres 2026 schwächte sich die Dynamik infolge regionaler Spannungen jedoch deutlich ab. Rückgänge bei Tourismus und Umsätzen erschweren die Erholung und beeinflussen damit auch die Standort- und Expansionsstrategien internationaler Marken.
Vom Produkt zum Erlebnis
Parallel zur geografischen und wirtschaftlichen Verschiebung verändert sich das Luxusverständnis selbst. Verbraucher erwarten zunehmend mehr als ein hochwertiges Produkt. Personalisierung, digitale Interaktion, Nachhaltigkeit und kulturell relevante Markenkommunikation gewinnen an Bedeutung.
Besonders die Generation Z und jüngere Millennials treiben diesen Wandel voran. Für sie stehen Authentizität, Transparenz und individuelle Erlebnisse stärker im Vordergrund. Klassische Statussymbole verlieren damit zumindest teilweise ihre alleinige Bedeutung als Kaufmotiv.
Diese Entwicklung zeigt sich auch in der Struktur der Ausgaben. Bereiche wie Reisen, Hotellerie und Gastronomie entwickeln sich dynamischer als der Markt für persönliche Luxusgüter. Luxus wird damit zunehmend als Gesamterlebnis verstanden.
Für den stationären Handel hat das weitreichende Konsequenzen. Flagship-Stores entwickeln sich zu Markenplattformen, in denen Verkauf, Gastronomie, Hospitality, Events und digitale Services miteinander verbunden werden. Der Store wird damit weniger zum reinen Transaktionsort und stärker zum physischen Mittelpunkt einer Markenwelt.
Secondhand-Markt boomt
Neben dem Erlebnisgedanken verändert auch die steigende Nachfrage nach gebrauchten Luxusartikeln die Branche. Der Secondhand-Markt erweitert den Zugang zu Luxus und spricht zugleich Konsumenten an, für die Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und ein bewussterer Umgang mit Produkten relevant sind.
Für etablierte Marken entsteht daraus ein Spannungsfeld: Einerseits müssen sie die Kontrolle über Markenimage und Produktwert sichern, andererseits eröffnet der wachsende Resale-Markt zusätzliche Berührungspunkte mit jüngeren Konsumenten und potenziellen Erstkäufern.
Die zunehmende Bedeutung der Generation Z verstärkt diesen Effekt. Ihre Erwartungen an Markenkommunikation und Einkaufserlebnis unterscheiden sich teilweise deutlich von denen älterer Luxusgenerationen. Digitale Kontaktpunkte, Community-orientierte Kommunikation und glaubwürdige Werte werden damit zu Bestandteilen der Customer Journey.
Hierzulande Frequenzdruck
Wie sich die veränderten Rahmenbedingungen konkret auf den stationären Handel auswirken, zeigen die im Report ausgewerteten Besucherfrequenzdaten aus elf Schlüsselmärkten. Für Deutschland ergibt sich dabei ein bemerkenswert einheitliches Bild: Luxus-, Premium- und Alltagsanbieter entwickelten sich bei der Kundenfrequenz im betrachteten Zeitraum weitgehend ähnlich. In allen drei Segmenten war die Wahrscheinlichkeit rückläufiger Besucherzahlen im Jahresvergleich höher als die eines Zuwachses.
Im Luxussegment folgte auf einen anfänglichen Frequenzanstieg im April 2025 überwiegend eine rückläufige Entwicklung. Besonders ausgeprägt war die Schwächephase zwischen Juni und August: Über zwölf aufeinanderfolgende Wochen wurden negative Entwicklungen bei der Besucherfrequenz verzeichnet. Das Premiumsegment verzeichnete zwar die meisten Wochen mit steigenden Besucherzahlen. Diese machten jedoch nur rund 35 Prozent des betrachteten Zeitraums aus. Die Entwicklung blieb entsprechend wechselhaft.
Bemerkenswert ist zugleich, dass das Luxussegment trotz der insgesamt rückläufigen Entwicklung mehr Wochen mit steigender Frequenz aufwies als Premium und Everyday. Die Daten sprechen damit weniger für ein isoliertes Problem des Luxussegments als für eine breitere Herausforderung des stationären Einzelhandels in Deutschland. Auch bei den Handelsformaten zeigt sich kein grundlegender Gegensatz: Sowohl Outlets als auch Vollpreishändler verzeichneten über den betrachteten Zeitraum insgesamt rückläufige Besucherzahlen.
Neue Wachstumslogik
Der Luxusmarkt steht damit vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits eröffnet die erwartete Zahl von mehr als 300 Millionen zusätzlichen Konsumenten ein erhebliches langfristiges Potenzial. Andererseits wird der Zugang zu diesem Wachstum anspruchsvoller. Marken müssen mit einer stärker fragmentierten Nachfrage umgehen, wirtschaftlichen Druck auf aspirative Käufer berücksichtigen und gleichzeitig vermögende Kunden langfristig binden. Hinzu kommen neue Anforderungen an Nachhaltigkeit, Personalisierung und digitale Interaktion sowie die wachsende Bedeutung von Erlebnis und Secondhand.
Der „Luxury Retail Report 2026“ von SensorMatic Solutions zeichnet damit das Bild einer Branche, deren Zukunft weniger von einer einfachen Rückkehr zu früheren Wachstumsraten abhängen dürfte als von der Fähigkeit, Geschäftsmodelle und Kundenerlebnisse an eine veränderte Realität anzupassen. Für den Luxus-Retail bedeutet das: Wachstum entsteht künftig nicht allein durch mehr Produkte oder mehr Verkaufsflächen, sondern zunehmend durch die richtige Kombination aus Zielgruppenverständnis, Standortstrategie, Erlebnisqualität und relevanter Markeninszenierung.
Susanne Müller