Chapeau, Pfaffenhofen!

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Die bayerische Kreisstadt gilt als zukunftsfähig, ökologisch, lebenswert und wurde in den vergangenen zehn Jahren mehrfach ausgezeichnet. Ob kostenloser Stadtbus, pestizidfreie Landwirtschaft oder Mieterstrommodell zur Förderung von Photovoltaik – in der inzwischen nicht mehr so kleinen Stadt an der Ilm redet man nicht nur über die großen Ziele nachhaltigen Lebens und Arbeitens, hier handelt man
In Pfaffenhofen an der Ilm ist man stolz auf das, was man schon geschafft hat: »International ausgezeichnet für ihren Lebenswert und ihre Aktivitäten im Umweltschutz, national preisgekrönt für Nachhaltigkeit und immer wieder hochgelobt für Klimaschutz und Bürgerbeteiligung hat sich unsere 26.000-Einwohner-Stadt einen guten Namen gemacht«, heißt es ganz offiziell von Seiten der Stadtverwaltung.
Schon vor zehn Jahren wurde Pfaffenhofen als einzige deutsche Stadt für das Finale der »International Awards for Liveable Communities« der Vereinten Nationen nominiert und konnte in der Kategorie bis 75.000 Einwohner den ersten Platz erringen. Das hat bislang niemand mehr hierzulande geschafft. Im eigenen Bundesland ist Pfaffenhofen ebenfalls seit Jahren ein Shooting-Star und Trendsetter. Beim bayerischen Energiegipfel in München im September 2019 lobte Umweltminister Thorsten Glauber die Kreisstadt als »eine Leuchtturm-Kommune in Bayern ..., wenn es um Klimaschutz, Energiewende und Bürgerbeteiligung geht«.
Den Bürgermeister freut´s. Dennoch übt er sich in Bescheidenheit. Denn aus Sicht von Thomas Herker gibt es noch viel zu tun gibt – für jeden Einzelnen, für alle gemeinsam und nicht zuletzt für Stadt und Politik: »Wir sind verpflichtet, verantwortlich zu handeln – und zwar jetzt! Die Politik muss und will gestalten, sie muss den Anfang machen und Leitplanken aufstellen, denn wenn ich will, dass sich etwas ändert, muss ich Vorgaben machen.«
Strom aus Wasserkraft für alle öffentlichen Gebäude und Räume
Und diese Vorgaben trugen schon früh Früchte: 2013 erhielt Pfaffenhofen als »Deutschlands nachhaltigste Kleinstadt« den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Beworben hatte sich die Stadt mit umfangreichen Maßnahmen aus den Bereichen Verwaltung, Ressourcen und Klima, Infrastruktur, Soziales sowie Lebensqualität. Vom Ecoquartier über die inklusive Kindertagesstätte, das Einheimischenmodell oder die Bürgerbeteiligung bis zur Gartenschau 2017 haben alle Projekte ein gemeinsames Ziel: nachhaltige Stadtentwicklung.
2017 hat der Stadtrat Pfaffenhofens auch die 17 Ziele der Nachhaltigkeit der Agenda 2030 der Vereinten Nationen anerkannt und in einer eigenen städtischen Nachhaltigkeitserklärung als Grundlage städtischen Handelns festgelegt. Ein Ergebnis: Rund zwei Drittel des in der Stadt im Jahr 2020 verbrauchten Stroms stammte bereits aus regenerativen Energiequellen. Windenergie, Energie aus Biomasse und Kommunales Energiemanagement spielen dabei eine wichtige Rolle. In einem Vertrag mit E.ON Bayern ist festgelegt, dass alle städtischen öffentlichen Gebäude und die Straßenbeleuchtung zu 100 Prozent mit aus Wasserkraft erzeugtem Strom versorgt werden.
Ein neues Projekt ist gerade in der Pilotphase: Wer bislang dachte, man könne nur dann von einer Photovoltaikanlage profitieren, wenn man auch alleiniger Besitzer eines Gebäudedachs ist, wird nun eines Besseren belehrt: Die Stadtwerke Pfaffenhofen bieten ein sogenanntes Mieterstrom-Modell an, das eigens für Häuser mit mehreren Mieter- oder Eigentümerparteien gedacht ist: Auf dem Dach eines Mehrparteienhauses wird eine Photovoltaikanlage installiert und alle Parteien, die in diesem Haus wohnen, können den Strom aus der umgewandelten Sonnenenergie nutzen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um ein Mietshaus oder eine Gemeinschaft von Eigentümern (ab 10 Parteien) handelt. Im System des Pfaffenhofener Mieterstrommodells wird das gemeinschaftliche Dach an die Stadtwerke Pfaffenhofen verpachtet. Die Stadtwerke Pfaffenhofen installieren dann eine Anlage zur Energiegewinnung. Die durch die Sonne gewonnene Energie wird zuerst durch die Hausparteien verbraucht, nicht benötigter Strom in das öffentliche Netz eingespeist. In Zeiten, in denen der Energieverbrauch im Haus die auf dem eigenen Dach erzeugte Strommenge übersteigt, wird der zusätzliche Bedarf mit regionalem Ökostrom aus dem Netz gedeckt. Der finanzielle Vorteil: Der Preis für die Kilowattstunde Strom vom eigenen Dach und aus dem Netz (bei Bedarf) unterschreitet die Kosten des Grundversorgertarifs in Pfaffenhofen um mehr als 10 Prozent – und zwar auch künftig.
Der Bus kommt nur, wenn er bestellt wird
Zum Fortschrittsimage der Stadt gehört passt auch der kostenlose Stadtbus, der bereits seit 2018 mit seinen sieben Linien die Bürger umweltfreundlich von A nach B bringt – von montags bis freitags von 5.30 bis 20.15 Uhr und samstags von 8 bis 12.45 Uhr. Vom kommenden Jahr an soll der ÖPNV noch flexibler werden: So wird es, neben der Verkürzung des Taktes auf 30 Minuten innerhalb des gesamten Stadtgebiets von Montag bis Freitag auch möglich sein, am Samstag und Sonntag den Bus zu nutzen. Flexible Bedarfsbusse, die über eine mobile App gebucht werden können, runden das Angebot ab. Der Bedarfsverkehr baut auf dem Grundgedanken des bisherigen Ortsteil-Rufbusses auf: Ein Bus kommt nur dann, wenn eine vorherige Buchung erfolgt ist. Alle Bedarfsbusse werden mit einem digitalen System ausgestattet, das Buchungen über eine App ermöglicht und die Routen intelligent plant. So können unnötige Leerfahrten vermieden werden und die Fahrgäste kommen schneller ans Ziel, da der Bedarfsbus nur die gebuchten Haltestellen anfährt. Sollten keine andere Buchungen vorliegen, fährt er auf direktem Weg zum Ziel. Wer kein Smartphone besitzt, kann den Bus auch telefonisch vorbestellen.
Mindestens im ersten Jahr wird das alles kostenlos sein; der Linienverkehr bleibt auch weiterhin kostenlos.
Neben dem kostenlosen Stadtbus spielte auch die sogenannte Bodenallianz eine gewichtige Rolle. Während der Schwerpunkt der bisherigen Tätigkeiten vor allem auf den Klimaschutz gelegt war, wird nun das Ziel 15 »Leben an Land« angepackt. Mit dem Pilotprojekt »Bodenallianz« sollen Landökosysteme geschützt, wiederhergestellt und deren nachhaltige Nutzung gefördert werden. Der städtische Nachhaltigkeitsmanager Dr. Peter Stapel und der Projektleiter Joseph Amberger stellten das Projekt im September 2018 dem Stadtrat vor und der beschloss die Durchführung einstimmig. Seitdem ist auch umweltfreundlichere Landwirtschaft das Motto der bayerischen Kreisstadt. Getreu dem Motto »Guter Boden für große Vorhaben« wird mit der Bodenallianz nachhaltige und pestizidfreie Landwirtschaft gefördert – und zwar in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Landwirten. So soll in den kommenden Jahren die Öko-Fläche auf das Dreifache anwachsen. Ein Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen soll dann ökologisch und naturnah und pestizidfrei bewirtschaftet werden. Insgesamt geht es um rund 1.000 Hektar »gesunden Boden«, es geht um sauberes Trinkwasser und gesunde Lebensmittel, um Klima-, Erosions- und Artenschutz, um den Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft und der Familienbetriebe. Einige Betriebe haben bereits begonnen, ihre Betriebe umzustellen oder sind in der Planung.
Gezielte Förderung für mehr ökologische Landwirtschaft
Gezielte Förderung und das Vermitteln von Wissen soll kleinstrukturierten, ökologisch orientierten Familienbetrieben ein wirtschaftliches Einkommen sichern und zu einer vielfältigen Kulturlandschaft beitragen. Die Landwirte sollen auch bei der Umstellung auf ökologische Wirtschaftsweise und für die Umsetzung von Landschaftspflegemaßnahmen finanziell unterstützt werden. Die Stadt Pfaffenhofen hat 2017 die Bodenallianz ins Leben gerufen und rund eine Million Euro für die kommenden drei Jahren bewilligt.
Einer, der schon früh dabei war, ist Michael Bogner. Ihm liegt der Boden- und Artenschutz am Herzen. Seinen Hopfen und sein Getreide baut er auf seinem Hof in Gittenbach konventionell an. Er ist dem ökologischen Landbau gegenüber aufgeschlossen, beobachtet die Entwicklung und bewirtschaftet seinen Hof naturnah und nachhaltig. Das beinhaltet auch den Anbau blühender Zwischenfrüchte, die Insekten wie Honigbienen, Hummeln und Schmetterlingen Pollen und Nektar bieten. Als Landwirt profitiert er zudem von den Zwischenfrüchten, weil sie deutlich zur Bodenverbesserung beitragen. Bogner sagt, »die Gesundheit meines Bodens liegt mir bei meiner täglichen Arbeit sehr am Herzen.« Seit 2018 ist der gelernte Landwirt Mitglied der Bodenallianz. Über deren Weiterbildungsangebote, die ihm noch mehr Wissen rund um eine gesunde Bodenbewirtschaftung vermitteln, freut er sich. Auch die Möglichkeit, andere Betriebe und deren Umgang mit dem Boden kennenzulernen, stellt für ihn einen unschätzbaren Vorteil dar. Besonders beeindruckt ist Bogner von dem bayernweit einmaligen Engagement der Stadt Pfaffenhofen, die Landwirte in solchem Maße bei der Umsetzung einer nachhaltigen Landwirtschaft unterstützt. Auch bei Fragen rund um den Hopfenanbau unterstütze ihn die Bodenallianz umfassend. Der 56-Jährige ist Nebenerwerbslandwirt und betreibt seinen Hof immer noch konventionell. Er ist trotzdem Bodenallianz-Mitglied der ersten Stunde und lässt viele Blühflächen entlang seiner Äcker stehen, um die Artenvielfalt zu fördern. »Ich dünge wenig, kompostiere mehr und spritze weniger«, erklärt er. Grundsätzlich ist für ihn auch eine Umstellung auf ökologischen Landbau denkbar, jedoch weiß er nicht genau, wie seine Hofnachfolge zu regeln ist und ist sich daher nicht sicher, ob sich eine Umstellung auch lohnt.
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