Das Risikomanagement wird an Bedeutung gewinnen

Mark Bezner
Mark Bezner © OLYMP

Interview
Handel

Susanne Osadnik

Mark Bezner, Geschäftsführender Gesellschafter, Olymp Bezner KG, über die Rückkehr der Business-Mode in den Alltag, die zeitgemäße Definition von Qualitätsprodukt und die notwendige Koexistenz verschiedener Vertriebswege


In den vergangenen zwei Jahren hatte es das Ensemble aus Anzug, Krawatte und Oberhemd ausgesprochen schwer – infolge mangelnder Gelegenheiten, die solche Kleidung erforderlich gemacht hätte. Mit der weitgehenden Aufhebung der Corona-Maßnahmen kehren die Herren wieder in die Büros zurück – und damit auch das Business-Hemd?
Mark Bezner: Die Bekleidungsbranche sah sich seit Ausbruch der Pandemie enormen Herausforderungen gegenüber. Neben monatelangen Ladenschließungen haben auch neue Arbeitsformen, ausbleibende Dienstreisen, fehlende Anlässe und ein zunehmend lässigerer Kleidungsstil die Absatzchancen von Modeartikeln drastisch reduziert. Gerade die Formalwear war überproportional davon betroffen. Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen hat auch der Bedarf an hochwertiger Businessmode wieder zugenommen. Und das schneller und in einem größeren Ausmaß, als viele dies vermutet hätten. Gefragt sind allerdings vermehrt neuartige Produkte wie unser Olymp 24/Seven Jersey-Hemd. Dieses ist bequem wie ein T-Shirt, aber stilvoll wie ein Oberhemd. Zum Herbst 2022 wird das Segment um ein innovatives Produkt unter der Bezeichnung Olymp 24/Seven Climate Control erweitert. Die neu entwickelte Gewebequalität mit einem Hightech-Garn aus Baumwolle, Polyester und Elasthan weist neben elastischen, bügelfreien und geruchshemmenden Materialeigenschaften auch feuchtigkeits- und temperaturregulierende Merkmale auf. Die Fähigkeit des verwendeten Gewebes, unter schweißtreibenden Bedingungen Wärme und Feuchtigkeit an die Außenluft abzugeben und bei Transpiration somit für einen kühlenden und schnelltrocknenden Effekt zu sorgen, soll der steigenden Nachfrage nach Businessmode mit Funktion Rechnung tragen.

Fliegen, Krawatten, Einstecktücher. Wird man so etwas im Zuge weiter fortschreitender Casualisierung der Herrenbekleidung künftig noch brauchen?
Accessoires werden auch weiterhin ihre Berechtigung als schmückendes Element in der Mode behalten. Allerdings hat sich deren Stellenwert infolge des Wegfalls vieler Dresscodes verändert. Bei Schleifen, Krawatten, Einstecktüchern und dergleichen wird sich ein vornehmlich anlassbezogener Verwendungszweck immer mehr durchsetzen. Dort, wo sich die Gelegenheiten dazu bieten, werden Accessoires dafür aber voller Überzeugung und mit großer Sorgfalt zum Outfit kombiniert.

Was bedeutet die Entwicklung zunehmender Bekleidungslässigkeit (manchmal bis zur Schmerzgrenze) für die mittel- bis langfristige Produktstrategie von Olymp?
Die Anforderungen, die seitens der Zielgruppen an die Mode gestellt werden, unterliegen heutzutage mehr denn je dem Wandel. Zeitgemäße Bekleidung muss sich den veränderten Bedürfnissen anpassen, multifunktional sein, universell einsetzbar und zu jeder Gelegenheit tragbar. Die Grenzen zwischen den Produktwelten und Dresscodes verschmelzen im Zuge der Casualisierung, wodurch die traditionellen Konventionen aufgelöst werden. Während sich selbst klassische Business-Sortimente dem Einfluss einer immer legereren Kleiderordnung nicht entziehen können, haben wir als Produktspezialist in den vergangenen Jahren nicht nur unsere Innovationskraft im Businessbereich erhöht, sondern auch beträchtlich in lässige Freizeit- und Smart-Casual-Hemden diversifiziert sowie Pullover, Polo-, Sweat- und T-Shirts verstärkt und mit großem Erfolg innerhalb des Sortiments verankert.

Für meine 90 Jahre alte Mutter ist Olymp »so was wie früher Seidensticker« und damit »noch richtig gute Qualität«. Was macht aus Ihrer Sicht heutzutage ein Qualitätsprodukt aus?
Seit über 70 Jahren setzen wir auf kompromisslose Qualität bei Materialien und Verarbeitung, hervorragende Trage- und Pflegevorteile sowie ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis. Und natürlich auch auf eine überzeugende modische Aussage. Perfekt ist ein Hemd allerdings erst dann, wenn es nicht nur qualitativ hochwertig ist, sondern auch human-ökologisch einwandfrei sowie unter sozial- und umweltverträglichen Bedingungen gefertigt wurde. Gerade in Zeiten fortwährender Unsicherheit stehen Marken für Verlässlichkeit, geben Halt und Orientierung. Deshalb sind wir uns unserer Unternehmensverantwortung auch im Bereich Nachhaltigkeit voll und ganz bewusst.

Die Bekleidungsindustrie hat sich lange Zeit gegenseitig unterboten mit Billigprodukten und wöchentlichen Kollektionen. Inzwischen rückt eine Generation nach, für die ökologischen Fragen, die Logik von Lieferketten und auch Produktions- sowie Arbeitsbedingungen wichtiger als der Preis sind. Wie teuer darf ein nachhaltig produziertes Businesshemd werden, um noch gekauft zu werden?
Die Ökologisierung, die mit einem wachsenden Umweltbewusstsein und gesteigertem Engagement für Nachhaltigkeit einhergeht, wird immer wichtiger. Wir arbeiten seit Jahren täglich daran, unsere Produkte noch nachhaltiger zu machen. Zahlreiche Artikel in unserem Sortiment sind bereits aus zertifizierten Rohstoffen und umweltschonend gefertigt. Diese Produkte erhalten seit geraumer Zeit als klares Erkennungsmerkmal zur Orientierung für die Zielgruppe das Olymp Label Green Choice. Dabei führen wir nachhaltige Produkte nicht als gesonderte Kapselkollektionen, sondern haben uns dazu entschieden, unser gesamtes Produktsortiment immer nachhaltiger zu gestalten. In der Herbstkollektion 2021 genügten bereits 63 Prozent aller Olymp Hemden einschließlich der Premiumlinie Olymp Signature den Anforderungen von Green Choice. Bis 2025 sollen es 100 Prozent sein und sämtliche Olymp Produkte an Hemden, Strick- und Wirkartikeln sowie Accessoires einschließen. Wachsender ökologischer Anspruch geht aber nicht zwangsläufig mit einer höheren Preisbereitschaft einher. Die Akzeptanz unabwendbarer Kostenentwicklungen kann daher nur allmählich gesteigert werden. Die Frage wird aber irgendwann lauten müssen, wie viel uns eine intakte Umwelt und faire Arbeitsbedingungen beim Kleidungskauf wert sind.

Sie haben in jüngster Vergangenheit immer wieder vom Überlebenskampf der gesamten Textilbranche gesprochen, der auch schon vor Ausbruch der Pandemie begonnen hatte. Wie hat Ihre stationäre Retail-Struktur die Krise bislang überlebt?
Die Pandemie hat durchaus tiefe Einschnitte verursacht. Wir haben die Relevanz und Wirtschaftlichkeit aller Standorte überprüft und das Portfolio auch um den einen oder anderen unrentablen Store bereinigen müssen. An unserer Grundhaltung hinsichtlich der Funktion von Mono-Markengeschäften innerhalb unserer Vertriebspolitik hat dies allerdings nichts geändert, sodass wir im Rahmen unserer Expansionsstrategie auch wieder mit Neueröffnungen planen.  

Werden Ihre Kunden wieder in die stationären Shops zurückkehren?
Das tun sie bereits, wenngleich auch noch nicht im selben Maße wie vor der Pandemie. Deshalb arbeiten wir vehement daran, immer mehr Gründe zu liefern, einen unserer Läden zu besuchen, die über die reine Bedarfsdeckung hinausgehen.  

Welchen Stellenwert hat das Online-Geschäft derzeit für Olymp?
Der Vertrieb von Olymp-Produkten erfolgt in erster Linie über den Bekleidungsfachhandel, der für nahezu 80 Prozent unserer Umsätze steht. Über unsere eigenen Handelsaktivitäten, die sowohl den von uns betriebenen Online-Shop als auch die stationären Olymp-Stores einschließen, erwirtschaften wir gerade einmal ein Fünftel unserer Erlöse. Der elektronische Handel wird immer wichtiger, die stationäre Präsenz aber auch. Die Koexistenz der unterschiedlichen Vertriebsformen ist daher auch weiterhin unser erklärtes Ziel.

Wir haben alle gesehen, wie anfällig Innenstädte in weltumfassenden Krisenzeiten sein können. Sehen Sie eine Chance, schon heute die Weichen so zu stellen, dass man künftig besser gewappnet ist?
Ich halte es mit der von verschiedenen Unternehmen aus Handel und Handelsimmobilienwirtschaft gestarteten und von uns unterstützten Initiative »Das Leben gehört ins Zentrum«. Die Bedeutung von Innenstädten als physische Begegnungsstätte ist ungebrochen. Der Einzelhandel gehört hier definitiv dazu. Die rechtzeitige Weichenstellung in Richtung sich verändernder Rahmenbedingungen birgt viele Chancen, weshalb man gar nicht früh genug damit beginnen kann.


Kann der Handel immer noch Impulsgeber bei der künftigen Gestaltung von Innenstädten sein oder wird er eine untergeordnete Rolle spielen?
Die eindeutigen Vorzüge eines guten Fachgeschäfts wie beispielsweise individuelle Sortimente, qualifizierte Beratung, persönlicher Service sowie die besondere Einkaufsatmosphäre über die multi-sensorische Ansprache gilt es zielstrebig herauszustellen. Der Internet-Handel wird, geboostert durch die Pandemie, noch zulegen. Die Marktteilnehmer sind deshalb gefordert, um sich produktorientiert und professionell im globalen Wettbewerb zu behaupten. In diesem Zusammenhang bin ich überzeugt davon, dass sich durchdachte Vertriebskonzepte immer durchsetzen werden, und zwar stationär wie online. Beispiele dafür gibt es zuhauf im Kreise unserer Handelspartner.

Der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, hat uns alle innehalten lassen. Erst langsam setzt sich im kollektiven Bewusstsein durch, dass dieser Krieg uns in irgendeiner Form alle betrifft und die Zukunft maßgeblich verändern wird. Was denken Sie, worauf werden wir uns beziehungsweise Ihr Unternehmen sich langfristig einstellen müssen?
Es überwiegt das Gefühl der Fassungslosigkeit und Bestürztheit. Ich empfinde tiefstes Mitgefühl angesichts der schlimmen Schicksale vieler Menschen. Die Sorge, dass sich die Lage noch lange hinziehen, weiter verschärfen oder der Krieg sich gar ausbreiten könnte, ist groß. Neben den schweren Folgen für Millionen Menschen werden auch die ökonomischen Verwerfungen lange Zeit anhalten und die Weltwirtschaft für viele Jahre enorm belasten. Wir befürworten alle bisher gegen Russland verhängten und zusätzlich notwendigen Wirtschaftssanktionen ausdrücklich und tragen diese als Unternehmen uneingeschränkt mit. Wie einschneidend und erkenntnisreich Ereignisse auch sind: Rahmenbedingungen lassen sich nicht schlagartig und radikal verändern. Das Risikomanagement wird in der Unternehmensführung aber an Bedeutung gewinnen.


Die Fragen stellte
Susanne Osadnik,
Chefredaktion
Shopping Places* Magazine


Mark Bezner (*1963), arbeitet seit 1990 im Familienunternehmen und hat die Produktpalette seitdem weiter ausgebaut. Gleichzeitig hat er die Marke Olymp im Jahr 2001 einem kompletten Marken-Relaunch unterzogen. Von 1995 bis 2010 führte Eberhard Bezner gemeinsam mit seinem Sohn und Nachfolger Mark Bezner die Olymp Bezner KG. Seit dem Jahr 2010 ist Eberhard Bezner der Vorsitzende des Unternehmensbeirats. Das Unternehmen produziert Hemden, Strickwaren, Krawatten und Polohemden für Geschäftskleidung, Business und Casual. Wichtigster Absatzmarkt ist Deutschland, die Produkte des Unternehmens werden in mehr als 40 Ländern vertrieben.