Das traurige Comeback des Bunkers

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Eine ukrainische Großmutter umarmt ihre Enkel in einem Bunker © Maria – stock.adobe.com

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Richard Haimann

Seitdem Krieg in Europa herrscht, sind Bunker bei Eigenheimbesitzern enorm begehrt. Nicht nur hierzulande, sondern auch bei unseren europäischen Nachbarn, in den USA und sogar in Japan. Von »regelrechten Panikkäufen« berichtet eine Branche, deren Geschäfte bis zum 24. Februar diesen Jahres eher verhalten liefen. Für Schutzräume hatte sich nach Ende des Kalten Krieges kaum jemand interessiert. Das ist jetzt anders

Mindestens 35.000 Euro sind nötig, um sich und seine Liebsten vor Bombenhagel, Granateinschlägen oder den Auswirkungen biologischer Waffen sowie nuklearer Strahlung zu bewahren. Für diese Summe gibt es bei der BSSD Bunker-Schutzraum-Systeme Deutschland einen 9,6 Quadratmeter messenden Minibunker samt Notbetten und WC-Anlage.

Seit Wladimir Putin den Überfall auf die Ukraine befahl und die russische Armee auch Zivilisten ermordet, Wohnhäuser, Kliniken, Kindergärten und Schulen bombardieren lässt, ist in Deutschland die Nachfrage nach Schutzeinrichtungen massiv in die Höhe geschnellt. Bei der BSSD, ansässig Am Kupfergraben in Berlin, im Souterrain eines beigefarbenen Gründerzeithauses, klingeln seither fortwährend die Telefone. »77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist bei vielen Menschen die Angst zurückgekehrt, dass wieder Bomben auf Deutschland fallen könnten«, sagt Mark Schmiechen, Marketingleiter des Bunkerbauers. »Erstmals seit dem Ende des kalten Krieges scheint eine direkte militärische Konfrontation zwischen Russland und der Nato wieder möglich.«

Kaum noch Schutzbunker in Deutschland

Doch sollten auch hierzulande Bomben fallen, gibt es kaum sichere Orte, an die sich Menschen flüchten könnten. Mit der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges vor 32 Jahren hat Deutschland seine Zivilschutzeinrichtungen aufgegeben. Bunker, die es bis dahin noch in zahlreichen Städten gab, wurden abgerissen oder in Büro- oder Wohngebäude, in Musik- oder Theatereinrichtungen umgewandelt.

Ein Beispiel dafür ist der im Zweiten Weltkrieg errichtete fünfgeschossige Betonbunker an der Hamburger Feldstraße, in dem heute eine Reihe von Firmen sitzen und im Erdgeschoss zwei Clubs am Abend Partygäste empfangen. In Bochum wurde der 22 Meter hohe Luftschutzbunker an der Universitätsstraße 2004 auf 89 Meter aufgestockt und ist bis heute das höchste Bürogebäude in der Ruhrmetropole. Der Hochbunker im Hamburger Stadtteil Ottensen wiederum wurde in den vergangenen Jahren in ein fünfgeschossiges Wohnhaus mit 47 bis 127 Quadratmeter messenden Apartments umgewandelt.

Frauen interessieren sich mehr für Bunker als Männer

Das treibt nun immer mehr Besitzer von Einfamilienhäusern dazu, einen Bunker in ihrem Garten oder im Keller einbauen zu lassen. Wie stark der Bedarf an solchen Schutzräumen gestiegen ist, zeigen interne Statistiken der BSSD. »Früher hatten wir zehn Anrufe pro Tag, heute sind es mehr als 60 in der Stunde«, sagt Schmiechen. Ebenso habe der Zugriff auf die Internetpräsenz des Unternehmens massiv zugenommen. »Vor Kriegsbeginn hatten wir pro Tag deutlich weniger als 1.000 Seitenaufrufe pro Tag, inzwischen sind es mehr als 11.000 binnen 24 Stunden«, sagt der Marketingchef.

Quer durch verschiedene Gesellschaftsschichten sei mit Putins Invasion in der Ukraine das Bedürfnis gestiegen, sich auf eigenen Grund und Boden gegen eine mögliche Ausweitung des Krieges auf Deutschland zu schützen. »Zu den Kunden, die jetzt bei uns Bunker für den Garten und Schutzräume für den Keller bestellen, zählen Manager ebenso wie Facharbeiter«, sagt der Marketingchef.

Etliche Interessenten hätten den geplanten Kauf eines Neuwagens zurückgestellt und ließen stattdessen einen Bunker in ihrem Garten bauen. »In den ersten 14 Tagen des Ukraine-Krieges haben wir deutlich mehr Vertragsabschlüsse verzeichnet als je zuvor in einem Zwei-Wochen-Zeitraum unserer Unternehmensgeschichte«, sagt Schmiechen.

Vor dem Krieg in der Ukraine hätten sich vor allem Männer für Schutzräume interessiert. »Heute sind es größtenteils Frauen, die sich nach einem Bunker erkundigen und auf dessen Kauf drängen«, sagt der Marketingleiter. »Sie wollen ihre Kinder und deren Großeltern schützen.«

Nicht nur in Deutschland sind Schutzeinrichtungen begehrt. In Europa, Asien und Nordamerika sei das Interesse an privaten Bunkern mit Ausbruch des Krieges massiv gestiegen, sagt Gary Lynch, Geschäftsführer des US-Herstellers Rising S Bunkers, der seine Schutzbauten weltweit anbietet. »Die Zahl der Anrufe interessierter Kunden aus Dänemark, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und den USA hat sich seither verzehnfacht.« Allein am 24. Februar, dem Tag des russischen Einmarsches in die Ukraine, habe das Unternehmen mit Sitz in der texanischen Kleinstadt Murchison bereits fünf Bunker in einer Preisspanne zwischen 70.000 und 240.000 US-Dollar verkauft. »Normalerweise verkaufen wir in einem ganzen Monat nur zwei bis sechs solcher Schutzeinrichtungen«, sagt Lynch.

Panikkäufe in den USA

Von »regelrechten Panikkäufen« berichtet Ron Hubbard, Vorstandschef des Bunkerherstellers Atlas Survial Shelters im texanischen Sulphur Springs. »Leute rufen an und fragen, welche Kleinbunker habt ihr auf Lager, was könnt ihr am schnellsten liefern?« Mit der Invasion in der Ukraine habe Putin das Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner deutlich angehoben. »Viele Leute, die bisher überlegten, ob eine Investition in einen privaten Bunker wirklich sinnvoll ist, sagen nun: Jetzt machen wir es«, sagt Hubbard.

Auch in Italien sei die Nachfrage »deutlich gestiegen«, sagt Giulio Cavicchioli, Inhaber von M.EN Minus Energie in Mantua. Bereits in der ersten Kriegswoche seien zehn Verträge über den Bau von Schutzeinrichtungen in Eigenheimen oder in deren Gärten unterzeichnet worden. »Bei den Käufern handelt es sich vor allem um Einzelhändler und Handwerker, die zur Sicherheit ihrer Familien einen Bunker für fünf bis sieben Personen erwerben wollen«, sagt Cavicchioli. Sie wollten einen Krieg in der Nähe ihrer Geschäfte überstehen, um weiterhin für ihre Kunden da sein zu können. Schwerreiche hingegen hätten kaum Interesse an Schutzeinrichtungen. »Reiche Leute haben weniger Angst vor einem Krieg, weil sie Learjets oder Hubschrauber haben, mit denen sie flüchten können«, sagt Cavicchioli.

Schutzraum im Keller ohne Baugenehmigung

Auch Großbritanniens Eigenheimbesitzer statten ihre Gärten mit Bunkern aus. »Allein in den ersten Tagen des Ukraine-Kriegs war die Zahl der Anfragen doppelt so hoch wie im gesamten Februar des vergangenen Jahres«, erinnert sich Charles Hardman, Gründer und Eigentümer des Londoner Schutzraum-Herstellers Subterranean Spaces.

Die Preise für eine Schutzeinrichtung hängen primär von deren Größe ab. Während das 9,6 Quadratmeter große Einstiegsmodell von BSSD 35.000 Euro kostet, schlägt ein 36 Quadratmeter Grundfläche messender Bunker mit mindestens 168.000 Euro zu Buche. Hinzu kämen die Aufwendungen für Planung, Bodenaushub, Einbau und der Abdeckung des Bunkers mit Erdreich. »Diese Ausführungskosten belaufen sich meist auf 20.000 Euro«, sagt Marketingleiter Schmiechen. »Bei sehr harten Boden können sie auch höher ausfallen.«

Ein größerer Bunker biete nicht nur Platz für mehr Menschen, sondern auch für mehr Vorräte, sagt Schmiechen. »Entscheidend bei der Auswahl ist, über welchen Zeitraum die Kunden geschützt ausharren wollen.« Wer sich auch gegen einen langen militärischen Konflikt oder gar gegen einen Atomkrieg wappnen wolle, wähle deshalb größere Modelle.

Für einen Schutzraum im Keller ist keine Baugenehmigung erforderlich, da das Haus an sich nicht verändert wird. Für einen unterirdischen Bunker hingegen muss bei der jeweiligen Gemeinde eine Baugenehmigung eingeholt werden. Je nachdem wie tief der Bunker in den Erdboden reicht, könnten Grundwasserströmungen verändert werden, was rechtlich einen Eingriff in die Landschaft darstellt. In der Regel würden die Gemeinden solche Bauanfragen jedoch positiv bescheiden, sagt Schmiechen. »Uns ist kein Fall bekannt, wo ein Antrag abgelehnt wurde.«

Vor Atomkrieg schützt kein Bunker

Wer einen Bunker in seinem Garten errichtet oder im Keller des Hauses einbaut, wird in Deutschland steuerlich gefördert. Das gilt auch für Eigentümer von Mehrfamilienhäusern, die darin einen Schutzraum anlegen. Nach Paragraph 7 des Einkommensteuergesetzes können über zwölf Jahre hinweg pro Jahr zehn Prozent der finanziellen Aufwendungen gegenüber Einkünften abgeschrieben werden – mithin 120 Prozent des insgesamt investierten Betrags.

Subterrenean-Spaces-Chef Hardman rät Eigenheimbesitzer, den Bunker nicht im Keller, sondern im Garten einzurichten – mit einem Ausgang an der vom Haus abgelegenen Seite. »Es wäre sinnlos, einen Bombenangriff zu überleben, wenn das Haus dabei zerstört wird, Trümmer den Ausgang aus dem Schutzraum versperren und niemand mehr dort herauskommt.«

Eine Überlebensgarantie bieten Bunker allerdings nicht, wenn ein Krieg in Europa bis zum Äußersten eskalieren sollte. »Einen Atombunker zu besitzen, bringt bei einem Nuklearkrieg so gut wie nichts«, sagt Xanthe Hall, Nuklearwaffenexpertin bei der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges IPPNW, in der sich 150.000 Human- und Tiermediziner aus 50 Nationen zusammengeschlossen haben. »Die radioaktive Verseuchung wird weiterhin auf der Erdoberfläche sein, wenn die Vorräte im Bunker längst ausgegangen sind.«


Ein Beitrag von
Richard Haimann,
freier Wirtschaftsjournalist