„Deutschland ist kein Schnellboot.“

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Susanne Osadnik
Unternehmen und Wirtschaftsexperten sorgen sich, dass auf den „Herbst der Reformen“ nun ein „Winter mit Tiefschlaf“ folgt. Denn die vom Bundeskanzler vollmündig angekündigten Maßnahmen, die zu einem konjunkturellen Aufschwung führen sollten, sind bislang ausgeblieben. Daher bleibt auch die Konjunkturprognose für das kommende Jahr eher zurückhaltend. Vielleicht zu unrecht?
Jens-Oliver Niklasch ist sichtlich frustriert. Der LBBW-Ökonom hatte auf den „Herbst der Reformen“ und damit auf eine Verbesserung der aktuellen Wirtschaftslage gesetzt. Jetzt sei nicht mehr viel davon übrig geblieben. „Leider ist die Politik Teil des Problems. Es wäre besser, wenn sie Teil der Lösung werden würde“, erklärte der Analyst Ende November gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Auch Alexander Krüger machte in demselben Medium keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit: „Man möchte sich gar nicht ausmalen, was geschieht, wenn der Schub durch das Fiskalpaket weitgehend ausbleibt“, erklärte der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. „Auf den ausgebliebenen Herbst der Reformen darf nicht ein Winter mit Tiefschlaf folgen.“
Index gesunken
Was die Wirtschaftsexperten zu diesen drastischen Aussagen und der Fundamentalkritik an der derzeitigen Bundesregierung trieb, waren die aktuellen Zahlen des Ifo-Geschäftsklimaindexes. Danach ist man in den Chefetagen deutscher Unternehmen alles andere als zuversichtlich, dass sich die Konjunktur erholen wird. Entsprechend sank der Ifo-Geschäftsklimaindex im November auf 88,1 Punkte, nach 88,4 Zählern im Oktober, wie das Münchner Ifo-Institut nach seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte. Für Klaus Wohlrabe lässt das nur eine Quintessenz zu: „Die deutsche Wirtschaft kommt nicht vom Fleck“, so der Ifo-Konjunktur-Experte. „Insbesondere die Erwartungen bekamen einen deutlichen Dämpfer.“
Bürokratie abbauen
Die Erwartungen hatte Bundeskanzler Friedrich Merz geweckt, als er den Begriff „Herbst der Reformen“ im Rahmen einer Rede im Spätsommer einführte und dabei auf eine Reihe umfassender politischer und wirtschaftlicher Initiativen der schwarz-roten Koalitionsregierung anspielte. Das Ziel der Reformen: Bürokratie abzubauen und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken, die stagnierende deutsche Wirtschaft anzukurbeln und das Land zukunftssicher zu machen. Nach der vollmundigen Ankündigung kam indes nicht viel, was Anlass zu Hoffnung gegeben könnte: Vielmehr ringen die Koalitionspartner zeitintensiv um das Rentenpaket.
Bitte um Geduld
Inzwischen haben die Arbeitgeber den Glauben an des Kanzlers Pläne weitgehend verloren. Der indes bittet weiterhin um Verständnis und Geduld. „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Schnellboot. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Dickschiff, jedenfalls ein ziemlich großer Tanker, mit ziemlich großen Motoren. Aber auch einen solchen großen Tanker fahren Sie nicht innerhalb von wenigen Tagen wie ein Schnellboot mal eben im 180-Grad-Winkel in die andere Richtung“, erklärte er auf dem Arbeitgebertag Ende November in Berlin.
Konsumenten sparen
Das kam nicht richtig gut an. Denn im verarbeitenden Gewerbe ist die Stimmung ebenso mies wie in der Industrie und im Handel. Die Konsumenten halten sich auch wieder zurück: Nach kurzer Erholung im Spätsommer hat sich der negative Trend seit dem Herbst fortgesetzt. Die Experten beobachten eine große Sparwelle, die den Einzelhändlern zu schaffen macht. Das HDE-Konsumbarometer spiegelt die weitere Verschlechterung der Verbraucherstimmung im November wider; der GfK-Konsumklimaindex, herausgegeben von NIQ und dem Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM), sank im November unerwartet auf -24,1 Punkte, ein Rückgang von 1,6 Punkten gegenüber dem Vormonat. Dieser Rückgang wurde hauptsächlich durch eine stark gesunkene Einkommenserwartung verursacht, obwohl die Anschaffungsneigung leicht stieg. Die Stimmung der Verbraucher sei angespannt, was auf anhaltende Inflationsängste, Sorgen um die Arbeitsplatzsicherheit und geopolitische Unsicherheiten zurückzuführen sei, so das NIM.
Im Weihnachtsmonat Dezember gewinne der Konsumklima-Index jedoch ein wenig an Boden, teilte das NIM kürzlich mit: Der Index steigt um 0,9 Punkte auf –23,2 Punkte. Der leichte Anstieg gehe vor allem auf die höhere Anschaffungsneigung zurück. Sie lege um 3,3 Zähler auf –6,0 Punkte zu. Auch die Sparneigung sinke weiter. Sie falle um 2,1 Punkte auf 13,7 Punkte. Allerdings verhindere die Verschlechterung der Einkommensaussichten, die von 2,3 auf -0,1 fiel, eine stärkere Erholung. „Mit der Stabilisierung liegt das Konsumklima aktuell fast exakt auf Vorjahresniveau. Dies ist auch für den Einzelhandel mit Blick auf das Jahresendgeschäft eine gute Nachricht: Die Daten deuten auf ein stabiles Weihnachtsgeschäft hin. Denn die Verbraucher sind in einer vergleichbaren Konsumlaune wie im letzten Jahr“, erklärt Rolf Bürkl, Head of Consumer Climate beim NIM. „Das zeigt auf der einen Seite eine gewisse Stabilität bei der Konsumstimmung, andererseits aber auch, dass die Konsumenten kurzfristig keine durchgreifende Erholung erwarten.“
Optimistische EU-Prognose
Die Wirtschaftsweisen haben ihre Prognose für das kommende Jahr zuletzt auf nur noch 0,9 Prozent Wachstum heruntergeschraubt. Auf EU-Ebene ist man deutlich optimistischer: Konjunkturexperten in Brüssel rechnen für die Bundesrepublik 2026 mit einem Anstieg des BIP um 1,2 Prozent. Im EU-Durchschnitt wird sogar ein Plus von 1,4 Prozent erwartet. In jenen Staaten in der die Gemeinschaftswährung der Euro ist, stellt die Prognose ein durchschnittliches Plus in Höhe von 1,2 Prozent in Aussicht.
Hierzulande sehen Analysten wie Jens-Oliver Niklasch von der LBBW nach drei Jahren der Stagnation zurzeit noch keine wirkliche Trendwende, gehen aber auch davon aus, dass sich das Blatt im kommenden Jahr wenden wird. Die Gründe dafür sind Niklasch folgende: „Die EZB hat ihre Leitzinsen seit 2023 auf zwei Prozent halbiert. Das sollte sich positiv auf die Konjunktur auswirken. Das Trumpfass der Optimisten ist die Fiskalpolitik.“
Sondervermögen verplempert
Die Defizitquote habe 2024 bei 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gelegen. Nach Schätzungen der Bundesbank wird sie 2025 vorübergehend sinken, in beiden Folgejahren dann aber auf vier Prozent des BIP steigen, so Niklasch. „Der Bund verschuldet sich, im Kernhaushalt und über Sondervermögen, um Verteidigungsausgaben und Investitionen zu erhöhen. Wir gehen davon aus, dass dieser Impuls die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um 0,8 Prozent steigen lassen wird“, sagt der LBBW-Analyst. „Der Stimulus könnte noch stärker wirken, wenn nicht Teile des Sondervermögens den Konsum stützen und der Kernhaushalt Züge eines Verschiebebahnhofs annehmen würde.“
Risiken im nächsten Jahr
Die Risiken 2026 werden wohl dieselben wie in diesem auslaufenden Jahr sein: Die Zollpolitik von Donald Trump lässt deutsche Exporte in die USA sinken. Was im kommenden Jahr noch auf die Export-Nation Deutschland zukommt, ist ungewiss und erschwert zuverlässige Planungen. Unsicherheitsfaktor Nummer zwei ist der Ukraine-Krieg, dessen Verlauf auch nach den jüngsten Entwicklungen nicht abzusehen ist. Denn der 28-Punkte-Plan des amerikanischen Präsidenten für einen möglichen Frieden ist höchst umstritten und kaum geeignet, die Waffen für immer schweigen zu lassen (siehe Kasten).
Dagegen scheint die Inflation unter Kontrolle zu sein. Mit etwas mehr als zwei Prozent ist beinahe Preisstabilität erreicht. Die Zinspolitik der EZB wirkt als konjunkturstützender Faktor, der das Potenzial für eine allmähliche Erholung der deutschen Wirtschaft bietet – mit stabilen Realeinkommen und besserer Konsumlaune.
Dennoch bleibe der Rückgang der Inflation ein zäher Prozess, erklärte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der Liechtensteiner VP Bank, gegenüber der Deutschen Börse: „Im Dienstleistungssektor kommt es aufgrund von Personalknappheit zu teils deutlichen Lohnsteigerungen“, so der Analyst. „Für eine gewisse Entlastung müssen die Verbraucher wohl noch einige Monate warten.“
Susanne Osadnik
freie Redakteurin