Festbeleuchtung: „Handel ist wieder Sündenbock der Nation“

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Das Thema Weihnachtsbeleuchtung ist in der Retail-Branche zurzeit der Aufreger schlechthin. Jetzt, quasi kurz vor Toresschluss, müssen Entscheidungen pro oder kontra Festillumination fallen. Und immer noch sind viele Kommunen, Center-Betreiber und Einzelhändler unsicher, wie sie sich aufstellen können. Ist es aus Expertensicht berechtigt, dass in diesem Advent so viele Plätze dunkel bleiben sollen?
Nein, meint Axel Reeger, Inhaber von Reeger Deko und Fachmann in Sachen Weihnachtsbeleuchtung. „Die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist nicht erklärlich. Wie schon zu Corona-Hochzeiten werden alle Probleme auf den Einzelhandel abgeladen, um ein Zeichen zu setzen.“ Und er rechnet aus: Eine Straßenbespannung liegt bei etwa 90 Watt – beleuchtet man also etwa drei Straßenzüge in der City an sieben Tagen in der Woche von 16 bis 22 Uhr über einen Zeitraum von zwei Monaten, liegen die Kosten bei einer Kilowattstunde von 39 Cent oder weniger bei unter 400 Euro. „Fast alle Kunden haben inzwischen moderne Beleuchtungen und wollen bei einer Umrüstung eher etwas Neues zeigen. Deutschland ist zu 90 Prozent mit LED ausgerüstet.“ Insofern sei nicht nachvollziehbar, warum der Einzelhandel wieder als Sündenbock der Nation dastehe.
Bundesliga verbraucht viel mehr Energie
Weder die Politik noch die Medien noch Umweltorganisationen monierten, dass das Flutlicht bei einem einzigen Bundesligaspiel so viel Energie verbrauche, dass sich damit über die Weihnachtszeit gleich mehrere Städte beleuchten ließen – von Rasenheizung und weiteren Stromfressern ganz zu schweigen. „Der Einzelhandel hat einfach die kleinste Lobby und ist gegen beispielsweise die Autoindustrie und Sportbranche ein zartes Pflänzchen“, so Axel Reeger. „Jeder schreit nach Digitalisierung – und die ist nun überhaupt nicht umweltfreundlich. Wäre das Internet ein eigener Staat, stände es unter den Top Ten der Energieverbraucher. Wo bleibt die Forderung, die Server und Zentralrechner am Wochenende herunterzufahren? Mir ist unbegreiflich, dass Fachjournalisten so etwas nicht anprangern. Die Schaufenster dunkel zu lassen, ist da wirklich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“
Nicht beeinflussen lassen
Was kann der Handel tun? „Sich nicht von jedem selbsternannten Meinungsmacher beeinflussen lassen“, rät Reeger. „Mittels Zeitschaltuhr lässt sich ganz easy von 16 bis 22 Uhr eine zielgerichtete Illumination fürs Publikum arrangieren. Außerdem sollte die Branche Aufklärungsarbeit leisten. Nicht so brav sein, frecher argumentieren, statt sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen, und Flagge zeigen. Licht lockt Leute, weckt Emotionen und ist ein probates Mittel gegen die Herbst-Winter-Despression.“
Dass im Handel große Unsicherheit herrscht, weiß Evi Böhner, Dekorateurin und Geschäftsführerin bei Bachmeyr GmbH Dekorationen, aus erster Hand. „Von den Centern, die wir betreuen, lässt ein Teil Beleuchtung installieren wie immer, ein Teil fährt sie zurück, und einige machen in diesem Jahr überhaupt nichts im Außenbereich – die fürchten sich vor einem Shitstorm, wenn ihre Fassade leuchtet, das Rathaus und der Dom aber nicht. Kunden wie Müller und Douglas bleiben zum Glück bei den bewährten Konzepten. Licht aus um 22 Uhr – das gilt sowieso bei den meisten.“
Branche wieder schwer belastet
Zur derzeitigen Verunglimpfung von Weihnachtsbeleuchtung hat sie eine klare Meinung: „Die sollen die Atomkraftwerke weiter laufen lassen. Wir haben eine Gas- und keine Stromkrise. Der Handel ist durch Corona sowieso stark gebeutelt, jetzt wird die Branche weiterhin schwer belastet. Wir sprechen hier schließlich von einer geringen Ersparnis von Strom bei LED-Beleuchtung.“ Die Firma Bachmeyr inszeniert ganzjährig selbst gebaute Kulissen mit verrückten Illusionen, bewegliche Teddybären mit Kulissen, Eisenbahnen mit Erlebnisflächen im Advent, aber auch Dinowelten oder Eiszeit-Szenerien. „Gerade während Corona haben uns immer wieder Menschen angesprochen, die sich gefreut haben, ein bisschen Glamour zu erleben“, sagt Evi Böhner. „Unsere Branche schafft Emotionen. Das ist der große Vorteil, den stationäre Händler gegenüber dem Onlinehandel haben. Dekoration verleitet zum Verweilen und somit zum Kauf. Weihnachtzeit ohne Licht ist undenkbar - das sollte sich der Handel nicht nehmen lassen.“
Ihre Meinung ist gefragt
Der German Council of Shopping Places möchte gerne wissen, wie Sie mit dem Thema umgehen. Beleuchten oder nicht, das ist die Frage. Wir freuen uns auf Ihr Input unter sm@shopping-places.de

