FIFA im Zwielicht

Interview
Values
Susanne Osadnik
Die bislang größte Fußball-Weltmeisterschaft läuft, der Ball ist nach wie vor rund, die Fans sind im Fieber. Alles wie gehabt. Hinter den Kulissen zieht der mächtige Weltfußballverband FIFA die Strippen und kassiert Einnahmen in Milliardenhöhe. Wohin das Geld fließt, weiß niemand so genau. Der österreichische Kulturwissenschaftler Klaus Zeyringer ist sicher, dass das profitable Geklüngel von Sportfunktionären, Medien, Konzernen und Autokraten weiter gehen wird. Auf der Strecke bleibt der Fußball selbst.
Herr Zeyringer, Sie kritisieren seit Jahren unermüdlich die Hyperkommerzialisierung und Korrumpierung des Fußballs und anderer Großveranstaltungen wie der Olympischen Spiele. Haben wir mit der aktuellen WM mit 48 Teams und drei Gastgeberländern diesbezüglich endgültig den Zenit überschritten?
Klaus Zeyringer: Leider nicht. Das wird immer noch zu toppen sein. Es wurde ja schon diesmal getoppt, indem der politische Eingriff von Trump nicht einmal mehr verschleiert wurde. Beim nächsten Mal werden vermutlich noch mehr Mannschaften antreten. Und möglicherweise naht der nächste Superlativ, wenn sich FIFA-Chef Gianni Infantino damit durchsetzt, Fußball-Weltmeisterschaften künftig alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Dann wird es den Superlativ des Superlativs geben. Die autoritären Strukturen der FIFA sind nun mal so ausgelegt, dass sie machen kann, was sie will, um noch mehr Geld zu verdienen.
Von wie viel Geld sprechen wir denn?
Die FIFA setzt an dieser WM rund neun Milliarden Euro um. Ob die Zahl wirklich stimmt, weiß man nicht. Jedenfalls zahlt sie nicht mal ordentliche Steuern auf diese astronomischen Einnahmen, weil sie mit Sitz in Zürich von der Schweizer Rechtsform als Verein profitiert. Die Schweiz unterscheidet bei der Besteuerung strikt nach der Rechtsform und nicht nach der Höhe des Gewinns oder der Umsatzgröße. Somit unterliegt die FIFA nur einem Gewinnsteuersatz von rund vier Prozent.
Die FIFA bezeichnet sich selbst als gemeinnützig und nutzt Narrative wie „Völkerverständigung“ oder „Nachhaltigkeit“. Ihren Analysen zufolge geht es aber faktisch um rein finanzielle und machtpolitische Interessen. Der Gipfel dessen scheint der aus dem Hut gezauberte Friedenspreis für Donald Trump für seine vermeintlichen Verdienste um den Sport zu sein. Warum jagen die FIFA-Mitglieder einen Gianni Infantino nicht endlich aus dem Amt? Die Norweger haben erst im Juni eine Beschwerde bei der FIFA-Ethikkommission gegen Infantino eingereicht.
Die Norweger – allen voran ihr Fußballverband (NFF) unter der Präsidentin Lise Klaveness – gehören weltweit zu den schärfsten und lautesten Kritikern der FIFA. Und die Norweger wollen Infantino mit ihren eigenen Waffen schlagen, der ja stets vom Fußball als unpolitischem Sport redet. Und dann wird ein dubioser neuer Preis für den amerikanischen Präsidenten erfunden. Damit hat der Verband aus Sicht Norwegens gegen seine eigene politische Neutralität verstoßen. Aber das wird sicher nicht viel bringen. Um Wirkung zu erzeugen, müssten alle nationalen Verbände Infantino das Mißtrauen aussprechen.
Aber niemand sonst hat das ganze Theater moniert …
Nein, niemand. Und Gianni Infantino sitzt fest im Sattel. Er sichert sich seine Loyalitäten genauso wie seine Vorgänger durch die gezielte Umverteilung von FIFA-Einnahmen in Form von Entwicklungshilfe- und Förderprogrammen an kleinere und ärmere Nationalverbände. Diese Verbände sind finanziell von der FIFA abhängig und ihre Stimme zählt genauso viel wie etwa die des mächtigen Deutschen Fußballverbands – übrigens der größte der Welt. Das Prinzip lautet: one Country, one Vote. Solange der Geldfluss stimmt, wählen sie den amtierenden Präsidenten bedingungslos wieder.
Was ist mit beschränkten Amtszeiten? Er kann ja nicht ewig Präsident bleiben.
Ein FIFA-Präsident darf laut den FIFA-Statuten maximal drei Amtszeiten von jeweils vier Jahren – also insgesamt 12 Jahre – im Amt bleiben. Wenn ein Präsident eine angebrochene Amtszeit eines Vorgängers übernimmt, zählt diese Phase nicht mit. Da Infantino 2016 die unvollständige Amtszeit des gesperrten Sepp Blatters übernahm, zählen seine ersten drei Jahre im Amt nicht. Seine offiziellen drei Amtszeiten laufen von 2019 bis 2031. Er hat ja bereits seine offizielle Kandidatur für die Wahl im kommenden Jahr in Marokko angekündigt. Dadurch kann er bis 2031 im Amt bleiben. Das wären dann 15 Jahre.
Gibt es Hoffnung, dass es danach besser wird? Immerhin hat es schon mehr als eine Ermittlung in punkto Korruption gegeben …
Das ist nicht anzunehmen. Es gibt nach wie vor keine Kontrolle von außen. Die FIFA agiert in einem rechtlichen und politischen Vakuum. Durch das Konstrukt der „Autonomie des Sports“ verbietet sich die FIFA jede Einmischung von staatlichen Gerichten oder Regierungen in ihre inneren Angelegenheiten. Versucht ein Land, rechtlich gegen Korruption im eigenen Verband vorzugehen, droht die FIFA sofort mit dem Ausschluss der Nationalmannschaft von allen Turnieren. Dieser Machthebel erstickt jedwede Kritik im Keim und schützt die Führungsspitze vor externer Kontrolle. Niemand weiß, wohin die Einnahmen der FIFA genau fließen. Dasselbe gilt auch für die nationalen Fußballverbände. Bis heute ist nicht klar, wohin die Einnahmen aus dem deutschen „Sommermärchen“ geflossen sind.
Hat die FIFA den längst überfälligen Dämpfer bekommen, weil sie das Prinzip der Gewinnmaximierung überreizt hat. Während die Stadien bei Spielen mit US- oder Top-Beteiligung voll sind, gähnen leere Ränge bei unattraktiven Paarungen. Wer zahlt für das Minus in der Kasse der FIFA?
Offiziell wird es keine Einbußen oder Fehleinschätzungen geben. Im Gegenteil: Die FIFA wird wie immer behaupten, dass die Auslastung der Stadien bei 90 Prozent lag, die Einnahmen zu gut 90 Prozent an die nationalen Verbände gehen und es die beste WM aller Zeiten war. Bis zum nächsten Mal, wenn es noch gigantischer wird: Zum 100-jährigen Bestehen der WM soll das Turnier 2030 auf drei Kontinenten und sechs Ländern in Europa, Südamerika und Afrika stattfinden. Damit sind dann erst mal die wichtigsten Kontinente abgedeckt, so dass der Weg für die übernächste WM in Saudi-Arabien frei ist. So funktioniert das System Infantino.
Mit Autokraten lässt sich einfacher zusammenarbeiten, wissen wir ja schon länger.
Ja, das ist wohl so. Die Zahl der Autokraten nimmt weltweit zu, und sie bauen ihre Positionen aus, indem sie viel Geld in ihre nationalen Verbände pumpen – beispielsweise Russland und Katar. Sie können sich immer mehr herausnehmen, weil niemand sie stoppt. Das Grundprinzip der Autokratie basiert ja darauf, alles so lange auszureizen wie nur möglich. So lange es keine Konsequenzen gibt, macht man weiter mit noch profitableren Turnieren wie einer immer größer werdenden WM oder einer neuen Klub-WM. Da das System ökonomisch glänzend funktioniert und die Einnahmen für Sponsoren, Medienanstalten und Verbände sprudeln, gibt es vonseiten der Profiteure kein wirtschaftliches Interesse, daran etwas zu ändern.
Apropos Medien. Es gibt manchmal im Vorfeld einer WM kritische Berichte. Sobald das jeweilige Turnier läuft, ist die Euphorie der Berichterstatter kaum zu ertragen. Dann ist auf einmal alles nur noch großartig. Was läuft da?
Die Medien spielen bei einer WM eine hochgradig ambivalente Doppelrolle: Sie sind einerseits der wirtschaftliche Motor des Turniers und andererseits das kritische Korrektiv der FIFA. Der Spagat ist kaum zu bewältigen. Die Übertragungsrechte für Fernsehen, Radio und Streaming-Plattformen sind die mit Abstand größte Einnahmequelle des Weltverbandes. Erst durch die mediale Reichweite werden die Sponsoring-Verträge der FIFA mit Großkonzernen rentabel. Medien machen das Turnier zu dem globalen Marktplatz, der teuer verkauft wird. Vor allem autoritäre Gastgeberstaaten nutzen die Berichterstattung gezielt für ihre eigenen PR-Kampagnen, indem sie durch schöne Bilder von modernen Stadien, friedlichen Fans und Freudentaumel von den Missständen im eigenen Land ablenken. Die Botschaft lautet: Seht her, bei uns ist nicht so schlimm, wie alle Welt Euch Glauben machen will. Die FIFA steuert das alles mit. Denn sie hat die Hoheit über die Bildregie und kontrolliert alles, was gesendet wird. So werden die Medien oft ungewollt zu Komplizen, wenn sie die von der FIFA und den Gastgebern gewünschte Show unkritisch übertragen.
Und dennoch hätten wir ohne Journalisten überhaupt keine Ahnung, was hinter den Kulissen passiert?
Das ist richtig. Der tiefe Fall von FIFA-Funktionären wie etwa Jérôme Valcke (siehe Kasten auf der vorangegangenen Doppelseite) wäre ohne Medien undenkbar gewesen. Journalisten haben die Korruption, die intransparenten Ticket-Deals und die Schmiergelder bei der WM-Vergabe über Jahre hinweg aufgedeckt. Und auch vor und während der Turniere in Russland (2018) oder Katar (2022) rückten Medien die Arbeitsbedingungen von Migranten, die Diskriminierung von Minderheiten und die politische Repression in den Fokus der Weltöffentlichkeit.
Haben Sie ein Wunsch-Szenario, das eine Fußball-WM wieder zu einem Großereignis machen könnte, über das auch Sie sich freuen würden?
Wünschen darf man sich ja immer etwas. Was dem internationalen Fußball gut tun würde, wäre eine FIFA, die Kontrolle über Einkünfte und deren Verbleib zuliesse. Zudem müsste die Gemeinnützigkeit entweder aberkannt oder endlich wirklich gelebt werden, indem man die kleinen Vereine und den Nachwuchs unterstützt, sich aber auch um nachhaltige Spiele bemüht. Und natürlich müsste eine so reiche weltumspannende Organisation wie die FIFA auch Steuern zahlen. In Bezug auf die Spielauswahl sollte künftig auch nicht mehr jedes Spiel übertragen werden. Wenn die großen Fußballnationen auf Gegner treffen, von denen kaum bekannt ist, dass sie eine Nationalmannschaft besitzen, ist das Ergebnis vorhersehbar und das Spiel wenig attraktiv. Die Fußballgrößen engagieren sich dann halt nicht besonders und das Ganze artet in lustloses Gekicke aus.
Da würden ihnen sicher viele Fans widersprechen. Hand aufs Herz, Herr Zeyringer, wie viele Spiele haben Sie selbst bei dieser WM bislang gesehen?
Ich bin zugegebenermaßen auch inkonsequent und boykottiere die Veranstaltung nicht so ganz. Ich habe mir Argentinien gegen Österreich angesehen. Und sicher wird noch das ein oder andere Spiel folgen.
Das Interview führte
Susanne Osadnik
freie Journalistin