Fit für die Zäsur?

Suche nach Orientierung
Der Handel auf der Suche nach Orientierung © alphaspirit – stock.adobe.com

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Ralf-Peter Koschny und Martin Steininger / Beratungs- und Analyseunternehmen bulwiengesa

„Wandel“ ist für das, was Weltwirtschaft und Weltpolitik gerade erleben, der falsche Begriff. Er ist zu klein, um das Geschehen und das Geschehene zu erfassen. Er klingt zu harmlos, um die Wucht der Ereignisse einzufangen. Krieg, Inflation, Zinsen und Rezessionsängste: Die Weltwirtschaft ist derzeit so fragil wie seit der Finanzkrise nicht mehr.

S eit Ende 2021 mehren sich jedoch identische Signale aus den wichtigsten Volkswirtschaften: steigende Inflationsraten und die drängende Notwendigkeit, den Pfad der laxen Geldpolitik schneller als vorgesehen zu verlassen. Die Entwicklung von Inflation und Zinsen stellen Zäsuren für unser wirtschaftliches Handeln dar. Darauf aufgesattelt zusätzlich noch der Ukraine-Krieg, der nicht nur eine militärische und geopolitische Zäsur darstellt, er verändert und verstärkt in seinen Auswirkungen die beiden anderen Zäsuren und somit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die (inter-)nationalen (Immobilien-)Märkte. Risiken können nicht länger ignoriert werden, die goldenen Zeiten in der Branche sind vorbei, jedoch ist es deutlich zu früh, in den Chor der Crash-Propheten einzustimmen. Geschäftsmodelle sind jedoch zu prüfen und an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Bis zum Jahr 2020 lebten wir in einer Welt, in der selbst eine Pandemie ein überwundenes Problem zu sein schien, besiegt durch den medizinischen Fortschritt unserer Gesellschaft. Bis zum vergangenen Jahr lebten die Kapitalmärkte in einer Zeit, in der seit mindestens einer Dekade die Notenbanken mit extrem niedrigen Zinsen unermüdlich für steigende Kurse sorgten. Knapp 40 Jahre lang waren die Renditen gesunken und zuletzt zumindest kaum mehr gestiegen.

Die heimische Wirtschaft widersetzt sich (noch) dem Abschwung

Das Bruttoinlandsprodukt ist in Deutschland im zweiten Quartal 2022 gegenüber dem ersten Quartal 2022 – preis-, saison- und kalenderbereinigt – um 0,1 Prozent gestiegen und hat damit das Vorkrisenniveau des vierten Quartals 2019 erreicht. Gestützt wurde die heimische Ökonomie vor allem von den privaten und staatlichen Konsumausgaben. Trotz starker Preissteigerungen und Energiekrise nutzten die Bürger die Aufhebung fast aller Corona-Beschränkungen im zweiten Quartal 2022 für Nachholeffekte im Bereich des privaten Reisekonsums oder der Besuch von Gaststätten beziehungsweise der Veranstaltungsbranche. Die überdurchschnittlich hohe Sparquote während der Pandemie wird nun nach Aufhebung der Restriktionen entspart – der private Konsum war im zweiten Quartal um 0,8 Prozent höher als im Vorquartal. Positive Wachstumsbeiträge (Veränderungsrate gegenüber dem Vorquartal) kamen auch von Seiten der staatlichen Konsumausgaben (2,3 Prozent) sowie Investitionen in Ausrüstungen (1,1 Prozent). Trotz einem ungewöhnlich guten und milden Winter rutschten nur die Bauinvestitionen deutlich ins Minus (-3,4 Prozent). Nach unserer Einschätzung dürfte die Richtung der dargestellten Vorzeichen der Wachstumsbeiträge zum BIP auch im Sommerquartal erhalten bleiben; letztendlich wird die deutsche Wirtschaftsleistung auch im dritten Quartal stagnieren – getragen von den Aufhol- und Nachholeffekten bei der Inanspruchnahme zuvor eingeschränkter Dienstleistungen.

Die Unsicherheiten und hohe Teuerung belasten nicht nur die wirtschaftlichen Aussichten, sondern hinterlassen auch Spuren auf dem Arbeitsmarkt.

Der zügige Aufholprozess nach der Aufhebung der pandemischen Einschränkungen hat im Verlauf des ersten Halbjahres erheblich an Schwung verloren. Gleichwohl ist die Zahl der Erwerbstätigen im Bundesgebiet weiter angestiegen, wohingegen sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit auch im Juli 2022 fortgesetzt hat. Die Ursache liegt überwiegend in der Erfassung ukrainischer Geflüchteter. Denn sie können seit 1. Juni 2022 Anträge auf Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende stellen, um Zugang zu staatlichen Leistungen nach SGB II zu erhalten.

Covid-19 bleibt ein Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft

Der Konjunkturausblick für die kommenden Jahre wird weiter vom Krieg im Osten Europas sowie die damit einhergehende Energiekrise dominiert. Ersteres drückt auf die Stimmung von Verbrauchern und Investoren. Er verstärkt bereits bestehende Lieferengpässe und trägt zusätzlich zur Zäsur bei Inflation und Zinsen bei. Die Sanktionen erweisen sich dabei als zweischneidiges Schwert, weil sie in Europa zu einer Energiekrise führen. Auch wenn die Covid-19-Krise hierzulande mehr und mehr an Schrecken verliert, führen wellenartige Ausbreitungen – vor allem in China mit strikteren Pandemie-Regelungen – zu anhaltenden Engpässen und Einschränkungen im Welthandel. Covid-19 bleibt ein Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft. Die Gefahr einer Phase der Stagflation beziehungsweise teils (technischer) Rezession in Europa kann nicht ausgeschlossen werden.

Die Inflation wird im laufenden Jahr mit 7,4 Prozent so hoch wie noch nie im wiedervereinigten Deutschland ausfallen. Auch im kommenden Jahr wird der Preisauftrieb mit 4,5 Prozent wohl noch überdurchschnittlich hoch sein. Der Russland-Ukraine-Krieg hat wie beschrieben die Lage bei den Energiepreisen deutlich verschärft. Rohstoff- und Lebensmittelpreise sind aktuell die Haupttreiber der Inflation. Temporäre Entlastungspakete dämpfen nur die Auswirkungen der Inflation, die Ursachen der Preisanstiege werden nicht behoben. Selbst nachdem die Spitze (wohl erst zu Beginn in 2023) überwunden wird, dürfte die Teuerung nicht auf das sehr niedrige Niveau der letzten Dekade zurückkehren. Strukturelle Gründe wie die stärkere Bepreisung von CO2-Emissionen und die zunehmende Knappheit von Arbeitskräften sprechen für anhaltend höhere Inflationsraten.

Die Löhne und Gehälter steigen so stark wie seit 30 Jahren nicht mehr. Auf Basis der vorliegenden Abschlüsse werden die Tarifverdienste in diesem Jahr voraussichtlich um 2,9 Prozent zulegen. Sie legen damit zwar deutlich stärker zu als im vergangenen Jahr, als der Zuwachs mit 1,6 Prozent krisenbedingt gering ausfiel, aber sie werden hinter dem Verbraucherpreisanstieg zurückbleiben.

Unsicherheit bestimmt die nächsten Monate

Die Aussichten für die Konjunktur sind von sehr großer Unsicherheit im Zusammenhang mit dem weiteren Verlauf des Krieges in der Ukraine geprägt. Ein wesentliches Risiko resultiert aus der Störung der europäischen Energieversorgung, die zu weiteren kräftigen Erhöhungen der Energiepreise und zu Drosselungen der hiesigen Produktion führen könnte. Ein sprunghafter Anstieg der Inflation kann auch zu einem verstärkten Risiko von Zweitrundeneffekten auf die Inflation über höhere Lohnforderungen führen. Mögliche Zielkonflikte zwischen einem höheren Ausgleich der Reallöhne und dem Erhalt von Arbeitsplätzen sind nicht auszuschließen. In dieser Gemengelage markierte das HDE-Konsumbarometer im September 2022 mit 86,3 (Index: Januar 2017 = 100,0) ein neues Allzeit-Tief, und von einer Trendumkehr ist aktuell nicht auszugehen. Vielmehr wird von einer Konsumzurückhaltung bis zum Frühjahr 2023 ausgegangen. Auch das Gfk-Konsumklima signalisiert in seiner August-Ausgabe eine nur geringe Anschaffungsneigung. Vielmehr sparen die Konsumenten derzeit gegen die Krise an. Die Sparneigung klettert auf den höchsten Wert seit über elf Jahren.  

Der Einzelhandel ist von derlei Entwicklungen gleich mehrfach betroffen: Die Konsumenten reagieren mit Kaufzurückhaltung und kaufen nur noch das Nötigste, die Energiekosten steigen enorm, die Personalkosten dürften im Zuge anstehender Tarifabschlüsse zulegen, und der gestiegene Verbraucherpreisindex sorgt aufgrund indexierter Mietverträge vielfach für eine Mietpreiserhöhung. Mit Blick auf den derzeit befürchteten Anstieg der Corona-Inzidenz im bevorstehenden Herbst-Winter könnte zudem durch die Umsetzung verschiedener Corona-Maßnahmen erneut das für den stationären Einzelhandel so wichtige Weihnachtsgeschäft zusätzlich belastet werden. All dies trifft auf eine Lage, die nach den Einschlägen durch die Corona-Epidemie, die bereits äußert angespannt ist. Entsprechend pessimistisch blickt der (stationäre) Einzelhandel auf das kommende Winterhalbjahr.

Gleichwohl sind nicht alle Einzelhandelsbranchen gleichermaßen betroffen. Einkäufe von Waren des täglichen Bedarfs sind, trotz der Preissteigerungen, kaum substituierbar oder temporär aufzuschieben, weshalb der nahversorgungsorientierte Einzelhandel, so Super- und Drogeriemärkte, Discounter und Verbrauchermärkte, weniger betroffen sind als der Einzelhandel mit Branchen des aperiodischen Bedarfs und einer ausgeprägt hohen Nachfragelastizität. Dazu zählen beispielsweise Bekleidung (modischer Bedarf), EDV/Hard- und Software (Branche Elektro/Technik), Werkzeuge (Branche DIY) oder Möbel und Leuchten.

Aussicht auf verbesserte Marktrahmendaten spornen an

Mit der Mode- und Bekleidungsbranche trifft es erneut – wie bereits schon während der Corona-Krise – die Leitbranche der Haupteinkaufsstraßen und Shopping Center. Die Branche startete mit starken Umsätzen ins zweite Quartal des Jahres und machte sich auf, im Sommer 2022 schon fast wieder an das Umsatzniveau der Vergleichsmonate im Vor-Corona-Jahr 2019 anzuknüpfen. Jetzt zeichnet sich aber eine Umsatzabkühlung ab, die wieder Züge der Corona-Hochphase annehmen. Dabei wird aber, und das ist anders als zur Lockdown-Zeit der Corona-Krise, nicht nur der stationäre Handel von der Konsumzurückhaltung getroffen, sondern ebenso der Online-Handel. Entsprechend entfällt verschiedentlich die stützende Wirkung des Umsatzes aus dem eigenen Online-Store des stationären Einzelhändlers. Für Highstreetlagen und Shopping Center wird es daher jetzt besonders darum gehen, stationäre Einzelhändler zu stützen. Denn es ist davon auszugehen, dass ähnlich dem Verlauf der Corona-Krise die Konsumenten nach einer gewissen Übergangsphase und dem gelernten Umgang mit einer neuen, unbekannten Krisensituation wieder in die Innenstädte und Shopping Center zurückkehren, um ihre Einkäufe zu tätigen oder die Gastronomie an belebten Orten zu genießen. Der Herbst und Winter wird für Teile des Einzelhandelshandel wie auch der Immobilienbranche zwar herausfordernd, aber die Aussicht auf verbesserte Marktrahmendaten für das Jahr 2023 lohnen, die aktuelle Misere solidarisch zu meistern. Alles in allem befinden wir uns in einer außergewöhnlichen starken pandemie- und geopolitischen getriebenen starken Zäsur, ohne dass wir eine völlig grundlegende Veränderung der Rahmenbedingungen im Sinne eines Paradigmawechsels haben. Zäsuren bedingen Einschnitte, mit Einschnitten konnte der Handel bisher umgehen.

Ein Gastbeitrag von
Ralf-Peter Koschny (Vorstandssprecher) und
Martin Steininger (Chef Volkswirt),
Beratungs- und Analyseunternehmen bulwiengesa