Gastronomie schafft Anlässe

Gastronomie
Glanzvoller Aufstieg der Gastronomie vom Mieter zum Asset. © ND STOCK – stock.adobe.com

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Homeira Amiri

Die deutsche Shopping-Center-Landschaft befindet sich im Wandel. Das frühere Erfolgsmodell vieler Center basierte auf starken Ankermietern, hohen Besucherzahlen und maximalen Mieterträgen pro Quadratmeter. Heute gelten andere Regeln.

Produkte sind jederzeit online verfügbar. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil stationärer Standorte sind deshalb Erlebnisse, Begegnungen und Aufenthaltsqualität. Shopping Center entwickeln sich zunehmend zu multifunktionalen Orten, an denen Handel, Gastronomie, Freizeit und Dienstleistungen miteinander verschmelzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich für Eigentümer, Investoren und Center-Manager eine zentrale Frage: Welche Nutzung schafft künftig den größten Mehrwert für einen Standort? Die Antwort lautet zunehmend: Gastronomie.

Anlässe schaffen

Lange wurde Gastronomie vor allem als ergänzendes Angebot betrachtet. Heute übernimmt sie eine deutlich strategischere Rolle. Sie schafft Besuchsanlässe, verlängert Aufenthaltszeiten, erhöht die Wiederkehrquote und steigert die Wahrscheinlichkeit zusätzlicher Käufe bei anderen Mietern. Gastronomie ist damit längst nicht mehr nur Mieter einer Fläche. Sie entwickelt sich zum Frequenzgenerator, Aufenthaltsmotor und Werttreiber ganzer Immobilien.

Wer Gastronomie ausschließlich anhand ihres eigenen Umsatzes bewertet, greift zu kurz. Ihr tatsächlicher Wert entsteht durch die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Effekte, die sie für ihr Umfeld erzeugt. Restaurants, Cafés und gastronomische Treffpunkte schaffen Begegnungen und stärken die Attraktivität eines Standorts weit über die eigene Fläche hinaus.

Gesamtwert als Kennzahl

Handelsimmobilien wurden lange vor allem nach Miete, Frequenz und Flächenproduktivität bewertet. Diese Kennzahlen bleiben wichtig. Gleichzeitig gewinnt eine andere Frage an Bedeutung: Wer schafft den größten Gesamtwert für den Standort? Deshalb rücken Verweildauer, Aufenthaltsqualität, Wiederkehrquote und Umsatz pro Besucher stärker in den Fokus. Ein Besucher, der mehrere Stunden im Center verbringt, gastronomische Angebote nutzt und verschiedene Geschäfte besucht, erzeugt deutlich mehr Wertschöpfung als ein Besucher mit einem reinen Versorgungseinkauf. Entscheidend sind nicht Besucherzahlen allein, sondern die wirtschaftliche Wirkung, die aus ihnen entsteht.

Hin zu Ankererlebnissen

Klassische Warenhäuser und große Modeflächen verlieren vielerorts ihre frühere Funktion als Frequenzanker. Gleichzeitig entstehen neue Besuchsmotive. Menschen besuchen Center zunehmend wegen eines Erlebnisses und nicht ausschließlich wegen eines Produkts.

Gastronomie, Freizeit, Gesundheit und Entertainment übernehmen damit immer stärker die Rolle moderner Ankerangebote. Entscheidend sind künftig nicht die größten Flächen, sondern jene Konzepte, die Menschen gezielt anziehen und Wiederbesuche fördern.

Gastwelt als Wirtschaftsfaktor

Die wirtschaftliche Bedeutung der Gastwelt wird häufig unterschätzt. Mit mehr als 6,1 Millionen Beschäftigten entlang ihrer Wertschöpfungskette und rund 485 Milliarden Euro Wertschöpfung zählt sie zu den wichtigsten Wirtschaftsbereichen Deutschlands. Ihre Wirkung reicht weit über Restaurants, Cafés und Hotels hinaus. Sie beeinflusst Handel, Tourismus, Immobilienwirtschaft, Kultur und Mobilität und prägt die Attraktivität ganzer Städte und Regionen. Wer die Gastwelt ausschließlich als Teil des Gastgewerbes betrachtet, unterschätzt ihre tatsächliche volkswirtschaftliche Bedeutung.

Ganzheitliches Denken

Gastronomie ist weit mehr als eine einzelne Branche. Sie ist Teil eines komplexen Ökosystems aus Handel, Tourismus, Kultur, Mobilität, Immobilienwirtschaft und Stadtentwicklung. Gerät ein Gastronomiebetrieb wirtschaftlich unter Druck, betrifft das nicht nur den Betreiber selbst. Frequenzen sinken, Aufenthaltsqualität geht verloren, und ganze Standorte verlieren an Attraktivität. Gerade Shopping Center und Mixed-Use-Standorte zeigen, wie eng die wirtschaftlichen Interessen unterschiedlicher Nutzungen heute miteinander verbunden sind.

Deshalb braucht es bei politischen Entscheidungen einen stärkeren Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette. Die entscheidende Frage lautet nicht, welche Auswirkungen eine Maßnahme auf eine einzelne Branche hat, sondern welche Folgen sie für die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit eines gesamten Standorts mit sich bringt. Gleichzeitig braucht es in Politik und Gesellschaft ein stärkeres Bewusstsein für die tatsächliche Leistung der Gastwelt. Hinter jedem Restaurant, Café oder gastronomischen Konzept stehen Menschen, Ausbildung, Investitionen, unternehmerisches Risiko und oftmals jahrelange Aufbauarbeit.

Verständnis entwickeln

Die Diskussion sollte deshalb nicht allein auf Preise reduziert werden. Entscheidend ist vielmehr, welchen Wert Gastronomie für Menschen, Standorte und die Gesellschaft schafft. Kaum ein Restaurant steht so sehr für das politische Berlin wie das Borchardt. Das dort servierte Wiener Schnitzel kostet inzwischen über 40 Euro und sorgt regelmäßig für Diskussionen. Häufig wird dabei jedoch übersehen, welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinter solchen Preisen stehen.

Die entscheidende Frage lautet daher: Gibt es in Politik und Gesellschaft ausreichend Verständnis für die Realität gastronomischer Betriebe? Hinter jedem Gericht stehen steigende Personal-, Energie-, Miet- und Wareneinsatzkosten sowie hohe Anforderungen an Qualität und Service. Wer über Preise spricht, sollte deshalb immer auch über Wertschöpfung sprechen. Eine starke Gastwelt ist kein Selbstzweck. Sie ist Voraussetzung für lebendige Innenstädte, attraktive Handelsstandorte und gesellschaftliche Begegnungsräume.

Grundlagen stärken

Die Rückkehr zum reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf Speisen war ein wichtiges Signal. Die Maßnahme stärkt die wirtschaftliche Grundlage einer gesamten Branche und hilft dabei, Angebotsvielfalt, Investitionen und Arbeitsplätze zu sichern. Gleichzeitig reichen steuerliche Entlastungen allein nicht aus. Steigende Personal-, Energie-, Lebensmittel-, Bau- und Finanzierungskosten sowie zunehmende regulatorische Anforderungen belasten viele Betriebe erheblich. Die Zukunft attraktiver Innenstädte und Shopping Center hängt deshalb nicht allein von Architektur oder Nutzungskonzepten ab. Sie hängt ebenso davon ab, ob die politischen Rahmenbedingungen wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle ermöglichen.

Mixed-Use wird Standard

Die Shopping Center der Zukunft werden deutlich stärker auf Nutzungsmischung setzen. Gastronomie bildet dabei häufig die verbindende Klammer zwischen Handel, Freizeit, Gesundheit, Dienstleistungen und Entertainment. Entscheidend wird künftig nicht die Größe einzelner Handelsflächen sein, sondern wie intelligent unterschiedliche Nutzungen miteinander verbunden werden.

Sicherheit als Erfolgsfaktor

Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit moderner Handels- und Mixed-Use-Standorte entsteht durch das Zusammenspiel von Handel, Gastronomie, Freizeit und Dienstleistungen. Dabei zählt ein sicheres Umfeld zu den wichtigsten Wettbewerbsvorteilen des stationären Handels. Menschen verweilen länger, konsumieren mehr und kehren häufiger zurück, wenn sie sich an einem Standort sicher und willkommen fühlen. Umgekehrt meiden Menschen Orte, an denen sie Unsicherheit wahrnehmen. Sicherheit ist deshalb nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern eine zentrale Voraussetzung für lebendige Innenstädte und wirtschaftlich erfolgreiche Standorte.

Gastronomie übernimmt dabei eine doppelte Funktion: Belebte Restaurants, Cafés und Food Halls erhöhen die Aufenthaltsqualität und schaffen zugleich soziale Präsenz, Orientierung und ein subjektives Sicherheitsgefühl. Gleichzeitig zeigen aktuelle Entwicklungen, dass professionelle Sicherheits- und Präventionskonzepte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sicherheit ist damit längst kein reiner Kostenfaktor mehr, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Standortattraktivität.

Alle Akteure gefragt

Dabei darf Sicherheit nicht allein als Aufgabe von Betreibern, Eigentümern oder Sicherheitsdiensten verstanden werden. Gefragt sind alle Akteure eines Standorts – von Unternehmen, Gastronomen und Centermanagern über Städte und Kommunen bis hin zu Politik, Polizei und Zivilgesellschaft. Die Aufgabenteilung muss auch nach Verantwortlichkeiten und Kostenträgerschaft richtig eingeordnet werden. Die Kosten eines Sicherheitskonzeptes für ein Stadtteilfestes kann nur in Teilen auf die Gastronomen und Veranstalter umgelegt werden, da der Schutz vor latenten Bedrohungslagen durch potenzielle Terroranschläge eindeutig in der Verantwortung des Bundes und der Länder liegt. Grundsätzlich gilt: Nur wenn alle Beteiligten gemeinsam Verantwortung übernehmen, können attraktive, lebendige und sichere Orte entstehen. Sicherheit, Erlebnisqualität und Gastronomie bilden gemeinsam die Grundlage erfolgreicher Handels- und Mixed-Use-Konzepte. Wer diese Faktoren strategisch miteinander verbindet, schafft attraktive Aufenthaltsorte und stärkt langfristig die Wertentwicklung von Immobilien, Quartieren und Innenstädten.

Völlig neue Rolle

In den kommenden Jahren wird Gastronomie in Shopping Centern eine völlig neue Rolle einnehmen. Sie wird nicht mehr primär als Mieter betrachtet werden, sondern als Frequenzgenerator, Aufenthaltsmotor, Markenbildner und Werttreiber. Die erfolgreichsten Handelsimmobilien werden jene sein, die Gastronomie nicht als ergänzende Nutzung verstehen, sondern als integralen Bestandteil ihrer Asset, und Standortstrategie.

Wer die Gastronomie strategisch integriert, steigert nicht nur Frequenz und Umsätze, sondern erhöht auch die Verweildauer der Besucher, stärkt die Aufenthaltsqualität und verbessert damit langfristig die Attraktivität, Vermietbarkeit, sowie den Wert eines gesamten Standorts. 

Über Grenzen hinweg

Die Zukunft gehört den Centern, wo Bedürfnisse frühzeitig erkannt, verschiedene Nutzungen und Besuchsanlässe intelligent miteinander verknüpft und attraktive Aufenthaltsorte geschaffen werden. Wer heute den Mut hat, über klassische Grenzen hinweg zu denken, legt die Grundlage für die erfolgreichen Handelsstandorte, Innenstädte und Quartiere von morgen.

Moderne Shopping Center sind dabei weit mehr als reine Einkaufsorte. Sie entwickeln sich zu lebendigen Begegnungsräumen, die unterschiedliche Nutzungen intelligent verbinden. Genau darin liegt ihr entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Onlinehandel. Menschen suchen nicht nur Produkte, sondern Orte, an denen sie sich begegnen, verweilen und wohlfühlen.


Ein Gastbeitrag von
Homeira Amiri
Aufsichtsratsvorsitzende
Denkfabrik Zukunft der Gastwelt