Häuser für Menschen

Alice Hollenstein
Alice Hollenstein © Universität Zürich – Executive Education / Zentrale Dienste

Interview
Values

Susanne Osadnik

Für die Umweltpsychologin Alice Hollenstein sollte Architektur die psychologischen Grundbedürfnisse des Menschen erfüllen und Wohlbefinden, soziale Interaktion sowie Nachhaltigkeit aktiv fördern. Auch der Einzelhandel spielt dabei eine wichtige Rolle. Allerdings funktioniert er nur dort, wo Menschen ohnehin aufgrund von Wegenetzen und Orientierungspunkten vorbeilaufen.

Frau Hollenstein, im Zentrum ihrer Arbeit steht die menschenfreundliche und evidenzbasierte Entwicklung von Gebäuden, Arealen und Städten. Erklären Sie uns, was ein menschenfreundliches Gebäude ist?  

Alice Hollenstein: Ein menschenfreundliches Gebäude sollte die Grundbedürfnisse der Bewohnenden erfüllen und damit das physische und psychische Wohlbefinden aktiv fördern. Dazu gehören physiologische Bedürfnisse wie Temperaturregulation, psychische Bedürfnisse wie etwa jenes nach angenehmen Sinneseindrücken oder auch soziale Bedürfnisse wie Privatheit und soziale Aufgehobenheit. Durch die architektonische Gestaltung können beispielsweise soziale Interaktionen und damit eine gute Nachbarschaft aktiv unterstützt werden. Eine sorgfältige Zonierung der Öffentlichkeitsgrade von öffentlich über gemeinschaftlich bis zu privat schafft ein Gefühl von Sicherheit und Raumgeborgenheit. 

Welcher baulichen Maßnahmen bedarf es dafür? 

Die visuelle Gestaltung von Fassaden und Gebäuden hat beispielsweise direkten Einfluss auf die psychische Gesundheit und die emotionale Bindung der Menschen an einen Ort. Monotone, eintönige Fassaden erzeugen oft Unbehagen. Viele moderne Gebäude setzen auf großmassstäbliche, eintönige Strukturen. Für das menschliche Gehirn sind diese monotonen Flächen unnatürlich. Sie bieten dem Auge keine interessanten Sinnesreize. Menschen bevorzugen instinktiv Fassaden die sowohl Ordnung als auch Vielfalt bieten. Große, hunderte Meter lange Einheitsfassaden bieten fast keine Sinneseindrücke und schaffen wenig Identität. Ein regelmäßiger Wechsel simuliert die Kleinteiligkeit historischer Städte, was als anregend und vertrauensvoll wahrgenommen wird. Deshalb sollten Fassaden strukturiert und detailreich sein, ohne dabei chaotisch zu wirken. Dies muss nicht historisierend sein, es gibt spannende moderne, abwechslungsreiche Gebäude, die ähnliche Gefallensurteile erreichen wie klassische Altbauten.

Welche Rolle spielen Pflanzen und Tageslicht? 

Eine sehr große Rolle. Zahlreiche Untersuchungen belegen inzwischen, dass das menschliche Bedürfnis nach Natur tief in uns allen verankert ist. Pflanzen um uns herum und der Blick ins Grüne, steigern das Wohlbefinden nachweislich. Vor allem in unseren hektischen lauten Großstädten ist es wichtig, die Wohnumgebung so zu gestalten, dass die Bewohnenden abschalten können, sobald sie zuhause sind.

Die Architekturpreise gewinnen zum Teil Gebäude, welche in der Bevölkerung wenig Rückhalt geniessen. Architekten berufen sich gern auf eine ganz eigene minimalistische Ästhetik. 

In der Praxis tut sich in der Tat eine Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen der als laienhaft bezeichneten Bevölkerung und den Architektur-Experten auf. Während die Bevölkerung meist traditionellere, strukturierte und „wärmere“ Fassaden, wie etwa aus der Gründerzeit als schön und einladend empfindet, favorisieren Architekten häufig abstrakte, minimalistische Entwürfe. Ich fände es wichtig, den Geschmack und das emotionale Wohlbefinden der breiten Bevölkerung bei der Fassadengestaltung ernster zu nehmen, weil sie diejenigen sind, die täglich mit diesen Gebäuden leben werden.

In der Baupraxis dominiert zunehmend der Kosten­aspekt. Sind Menschenfreundlichkeit und Kosteneffizienz miteinander vereinbar?

Gut gestaltete, visuell ansprechende Fassaden steigern den ökonomischen Wert einer Immobilie nachhaltig. Insofern korrespondieren wirtschaftliche Erwägungen und menschenfreundliches Wohnen für gewisse Aspekte durchaus. Auch gesundheitsfördernde Materialien zu verwenden, neue Mobilitätskonzepte statt grossflächige Tiefgaragen oder Duschen statt Badewannen können finanziell interessant sein und in Relation zu den Kosten einen höheren Nutzwert schaffen.

Wo Menschen leben, wollen sie auch ausgehen, feiern und einkaufen. Wo sehen Sie speziell den Einzelhandel in künftigen Quartieren?

Besonders wichtig ist dabei die Gestaltung der Fassade im Erdgeschossbereich. Denn hier spielt sich das Leben der Fußgänger ab. Sie möchten „Interessantes auf Augenhöhe“ sehen. Dann bleiben sie auch stehen und schauen es sich genauer an. 

Einladende Fassaden erhöhen die Verweildauer von Menschen im öffentlichen Raum, beleben die dortige Erdgeschossnutzung für Gastronomie und Einzelhandel und stärken die Identifikation der Bewohner mit ihrem Viertel. Unser menschliches Gehirn nimmt beleuchtete, einsehbare Räume als sicher und einladend wahr. Dagegen schrecken dunkle, verklebte Scheiben oder davor geparkte Autos ab und verhindern unsere Interaktion zwischen Drinnen und Draußen. Das Gebäude wendet sich dann von der Straße und damit von uns als Fußgänger ab.

Das haben schon viele Geschäfte versucht und sich doch gescheitert …

Es gibt leider kein pauschales Allheilmittel für die Belebung von Erdgeschossen. Der klassische Ansatz in der Projektentwicklung in den Erdgeschosshöfen optimistisch Läden oder Cafés einzuplanen, um urbane Vitalität zu erzeugen ist an vielen Standorten gescheitert und hat zu langfristigem Leerstand führt. Man darf sich da nichts vormachen: Einzelhandel und Restauration benötigen eine kritische Masse an natürlicher Passantenfrequenz. Für ein Café im neuen Quartier sind rund 300 Gäste täglich notwendig, um sein Überleben zu sichern. Das ist eine hohe Zahl. Wird sie nicht erreicht, droht die Pleite und zurück bleibt eine leere Fläche, die je nach Länge des Leerstands bei den Anwohnern Unbehagen und das Gefühl von Verlassenheit vermittelt. 

Sind die Ansiedlung von Dienstleistern und Einzelhandel damit immer ein Vabanque-Spiel? 

Einzelhandel funktioniert nur dort, wo Menschen ohnehin aufgrund von Wegenetzen und Orientierungspunkten vorbeilaufen. Es ist also wichtig, schon bei den Planungen eines Quartiers den tatsächlichen Flanier- und Bewegungsfluss der Menschen zu verstehen und einzukalkulieren, bevor Nutzungen festgelegt werden. Das kann man heutzutage über computergestützte Methoden machen. Projektentwickler erfahren schon vor dem Baustart, an welchen Ecken die höchste natürliche Fußgängerfrequenz zu erwarten ist. An genau diesen integrierten Achsen platziert man gezielt Einzelhandel, Gastronomie oder öffentliche Plätze. Weniger frequentierte „ruhige“ Seitenarme werden stattdessen für Wohnnutzung, Wohnnebenräume oder Rückzugsorte eingeplant.

Häufig wird aber genau das Gegenteil praktiziert. Entsprechend der historischen Vorbilder gibt es dann einen zentralen Platz in der Mitte des Quartiers … 

Ja, das ist ein häufiges Missverständnis der Planer, die bei Arealentwicklungen oft „Boulevards“ oder belebte Plätze fordern. Bei der Zentrierung fehlen häufig die Randlagen einer Wohnsiedlung als Einzugsgebiet. Meist spielt sich genau in diesen künstlich geschaffenen Plätzen auch deshalb nicht viel ab, weil sie nicht auf dem Weg zum Bus, zur U-Bahn oder zum Kindergarten liegen.

Was ist zu tun, wenn die computergestützten Analysen ergaben, dass die Lage nicht für den klassischen Einzelhandel reicht? 

Dann müssen alternative Erdgeschossnutzungen her. Die heutige Lebensweise erlaubt eine Menge Alternativen, die genauso zur Belebung eines Viertels beitragen können. Etwa Gemeinschaftsräume, Ateliers, Kitas, soziale Dienste oder Werkstätten. Diese Nutzungen generieren zwar weniger Laufkundschaft, beleben aber die Schnittstelle zwischen Haus und Straße. 

Gibt es aus Ihrer Sicht positive Beispiele der Quartiersplanung, die sich auch in der Praxis bewährt haben? 

Kopenhagen ist sicher ein herausragendes Beispiel für menschenfreundliche Stadtentwicklung, weil die Dänen dort bewiesen haben, dass lebenswerte Räume nicht immer riesige,  teure bauliche Interventionen erfordern, sondern dass kluge  kleinteilige Anpassungen der Infrastruktur die Psychologie und das Wohlbefinden der Bewohner maßgeblich verbessern können. Etwa durch gezielte Impulse wie die Umwandlung von tristen Innenhöfen in grüne Oasen und Spielplätze für Kinder.  

Aber auch Freiburg im Breisgau hat mit seiner konsequenten Verkehrsberuhigung, der Einbindung von Naturelementen im Alltag und der historischen Architektur eine lebenswerte Stadt geschaffen. Und dabei natürlich das Glück, dass des schon eine gute Ausgangsposition hatte: die historische Altstadt, die berühmten Freiburg Bächle, die sich als kleine künstliche Wasserläufe durch die Stadt ziehen. Das alles wirkt nachweislich beruhigend auf das menschliche Nervensystem aus. Im international beachteten Stadtteil Vauban wird außerdem sichtbar, welche Chancen ein weitgehend autofreies Quartier für gemeinschaftliche Begegnungsräume bietet. Die Aufenthaltsdauer der Menschen im Freien und die Wahrscheinlichkeit für spontane, soziale Kontakte mit Nachbarn sind viel größer als andernorts. 


Das Interview führte 
Susanne Osadnik
freie Journalistin