Heimat verloren, Job gefunden

Humanitäre Hilfe
Humanitäre Hilfe: Freiwillige sammeln Spenden © Halfpoint – stock.adobe.com

Aktuelles
Handel

Susanne Osadnik

In Deutschland leben zurzeit rund 400.000 Geflüchtete aus der Ukraine. Dabei handelt es sich überwiegend um Frauen, Kinder und ältere Menschen. Wie lange sie bleiben werden, kann niemand sagen. Obwohl die meisten von ihnen so schnell wie möglich in die Heimat zurückkehren möchten, schwindet diese Hoffnung mit jedem neuen Tag, an dem der Krieg weiter tobt. Daher wächst der Wunsch vieler Zufluchtsuchender, wieder arbeiten zu können. Vor allem Frauen aus der Ukraine sind in der Mehrzahl hoch gebildet. Können sie Deutschlands Fachkräftemangel eindämmen?

Natalia floh mit ihrem Baby und ihrem 12 Jahre alten Sohn Ilja aus den umkämpften Gebieten im Osten der Ukraine – und landete schon im Februar in Recklinghausen. Gemeinsam mit einer Freundin und deren Tochter versuchen die beiden Familien jetzt auf rund 30 Quadratmetern Wohnfläche in einer Einliegerwohnung einen Rhythmus zu finden, ohne sich zu sehr auf die Nerven zu gehen. Aber das scheinen trotz allem nur Luxusprobleme zu sein. Denn mit jedem Kriegstag wird deutlicher, dass es sobald keine Rückkehr in die Ukraine geben wird und damit Deutschland zumindest eine Interims-Heimat werden könnte. Und das heißt für die jungen Frauen auch: Sie wollen wieder arbeiten. Als Ingenieurin verfügt Natalia über eine qualifizierte Ausbildung, ebenso wie ihre Freundin, die eine IT-Ausbildung hat. Aber an der Sprache hapert es. Weder Deutsch noch Englisch standen auf dem Lehrplan in der Ukraine.

Job Aid Ukraine

Andere junge Frauen hatten da schon mehr Glück. Etwa die Grafikerin aus Charkiw, die nach ihrer Flucht mit dem Auto nach Deutschland sehr schnell ein Jobangebot in der Werbegrafik bei der Babymarkt-Kette BabyOne mit Sitz in Münster erhielt – dank Marcus Diekmann, der aus Münster stammt, den Bocholter Fahrradhersteller und -händler ROSE Bikes gegründet hat, mittlerweile in dessen Beirat sitzt und seit Jahresbeginn sein Geld als Geschäftsführer der International Brands Company, einer Tochter von Peek & Cloppenburg Düsseldorf, verdient. Der Mann, der schon zu Beginn der Pandemie bundesweit Schlagzeilen machte, weil er mithilfe seiner Initiative »Händler helfen Händlern« massiv die Digitalisierung des Handels vorantrieb, ist auch jetzt sehr umtriebig. Kurz nach Kriegsausbruch gründete er die Jobplattform »Job Aid Ukraine« und hatte binnen weniger Tage schon mehr als 2.000 Stellenanzeigen auf dem Portal zu verzeichnen – in ukrainischer und englischer Sprache. Inzwischen sind es (Stand: Ende April) schon 17.000 Announcen aus unterschiedlichsten Branchen: von der Tech- und Digitalwirtschaft über Gastronomie, Landwirtschaft, Handel, Dienstleistungsgewerbe bis hin zu Medizin und Pflege. Laut Diekmann sind namhafte Unternehmen wie SAP, Deutsche Bank, Deloitte, Google, Douglas, Ikea, Hugo Boss, Zalando, NEW WORK SE, Mercedes-Benz, BabyOne und Rose Bikes genauso vertreten wie kleinere und lokale Arbeitgeber.

Arbeitserlaubnis ohne bürokratische Hürden

Auf die Idee, so schnell wie möglich solch eine Job-Plattform zu schaffen, ist der Geschäftsmann durch Polina, dem Au-pair der Familie aus der Ukraine, gekommen. In einem Interview mit dem Magazin DUP Unternehmer, das von der einstigen Wirtschafts- und Justizministerin Brigitte Zypries herausgegeben wird, erzählte Diekmann kürzlich, dass Polina erst wenige Wochen vor Kriegsausbruch wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sei und er sie sofort angerufen und ihr angeboten habe, sie und ihre Familie bei sich aufzunehmen. Weil sie aber in Deutschland keinen Job hatte, zögerte Polina zunächst noch. Da sei ihm der Einfall mit dem Job-Portal gekommen. Inzwischen ist Polina mit ihrer jüngeren Schwester wieder in Münster und arbeitet offiziell für »Job Aid Ukraine«. Sie war die erste Mitarbeiterin des Portals. Ein Glücksfall: eine junge Frau, die Deutsch spricht, die Gepflogenheiten der Deutschen kennt und damit eine wertvolle Hilfe für ihre geflüchteten Landsleute ist.

Dass Polina und ihre Schwester schnell und weitgehend unbürokratisch einen Job bekommen konnten, fußt auf den besonderen Bestimmungen, die für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine gelten. Zwar ist nach wie vor eine Arbeitserlaubnis der Ausländerbehörde vonnöten, aber die Behörden sind angewiesen, die Erlaubnis umgehend zu erteilen – unabhängig von Qualifikation, Sprachkenntnissen oder einem konkreten Arbeitsplatzangebot.

Studium: 73 Prozent der Geflüchteten

Angesichts 390.000 offener Stellen hierzulande könnten die zahlreichen Geflüchteten eine Möglichkeit sein, den Fachkräftemangel einzudämmen. Denn viele Geflüchtete aus der Ukraine sind gut qualifiziert, der Anteil an höheren Bildungsabschlüssen in der ukrainischen Gesellschaft ist deutlich höher als in Deutschland. In Bezug auf Universitäten und Hochschulen hinkt Deutschland hinter der Ukraine hinterher, so das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Und ukrainische Frauen, die aktuell den Großteil der Geflüchteten ausmachen, sind im Durchschnitt gebildeter als ihre männlichen Landsleute. Tatsächlich liegt die Anzahl an akademischen Frauen  fast gleichauf mit der Zahl an Frauen, die in klassischen Dienstleistungsberufen und im Verkauf arbeiten. Bei den Männern überwiegen die handwerklichen Berufe.

Laut dem Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF) haben 73 Prozent der Geflüchteten aus der Ukraine ein Studium abgeschlossen, 10 Prozent sprechen gut Deutsch. Deshalb müssten auch deren Qualifikationen so schnell wie möglich anerkannt werden.

Zunächst bleibt jedoch die Frage, ob die Gleichung mit fast 400.000 offenen Stellen und mehr als 380.000 Ukraine-Flüchtlingen wirklich aufgehen wird. Denn viele Frauen aus der Ukraine kommen laut IAB aus Büroberufen, für deren Ausübung man hierzulande nun mal gute Deutschkenntnisse bräuchte. Auch der Bereich Pflege werde nicht in dem Maße zusätzliche Fachkräfte dazugewinnen können, wie sie gebraucht würden. Denn nur ein kleiner Teil der ukrainischen Frauen hat zuvor in der Pflege gearbeitet. Dazu kommt aus Sicht des IAB ein weiteres Problem: Gut 20 Prozent aller Berufe in Deutschland gehören zu den »reglementierten Berufen«, die man nicht ohne entsprechende Qualifikation oder Anerkennung des ausländischen Berufsabschlusses und entsprechende Sprachkenntnisse ausüben darf. Dazu gehören Berufe wie Erzieherin oder examinierte Altenpflegerin.

Gastronomie und Hotellerie hoffen auf Arbeitskräfte

Eine Branche, die auch händeringend Arbeitskräfte sucht, ist die der Gastronomie und Hotellerie. Infolge der Pandemie haben zahlreiche Mitarbeiter schon während des ersten Lockdowns die Segel gestrichen und sich andere Beschäftigungen gesucht. Jetzt fehlen Köche, Kellner, Hotelfachkräfte. Bundesweit sollen in den vergangenen zwei Jahren mehr als 130.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze weggefallen sein – und mehr als 217.000 Mini-Jobber, die in den Einzelhandel gewechselt sind und nicht mehr zurück wollen, weil geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden nun mal attraktiver sind als Gastronomie und Hotellerie mit ihren unregelmäßigen Arbeitszeiten und einem Arbeitsschwerpunkt von Freitag bis Sonntag.

Allein in der Region Berlin-Brandenburg sind nach Angaben des Tourismusverbandes »Seenland Oder-Spree« 20 Prozent der Mitarbeiter aus der Branche abgewandert. Und der Markt sei leergefegt, sagte Geschäftsführerin Ellen Rußig im rbb, »weil jede Tourismus-Einrichtung Köche und Kellner sucht«, so berichtete kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Da wundert es kaum, dass die Branche auf Unterstützung durch ukrainische Flüchtlingen hofft – zumal inzwischen schon gut 35 Prozent des Personals aus dem Ausland stammt. Laut Dehoga ist in keiner anderen Branche der Anteil an ausländischen Mitarbeitern so hoch wie in Gastronomie und Hotellerie. Und, so die Verbände der Dehoga, die Arbeit im Team sei eine gute Gelegenheit, seine Deutschkenntnisse zu erweitern.


Ein Beitrag von
Susanne Osadnik,
Chefredaktion
Shopping Places* Magazine

Zentrale Ergebnisse der Umfrage

Eine systematische Befragung unter Geflüchteten aus der Ukraine wurde im Auftrag des Bundesministeriums des Innern für Heimat (BMI) vom 24. März bis 29. März durchgeführt. Die Ergebnisse der insgesamt 1.936 Interviews (Befragungen vor Ort in Berlin, Hamburg und München und auf den Webseiten von BMI, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und Germany4Ukraine lassen Rückschlüsse über Motivationen bei der Wahl des Fluchtziels und wichtigste Bedarfe der Geflüchteten in Deutschland zu.

  • Bei den befragten Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine handelt es sich überwiegend um Frauen (84 %), von denen 58 % gemeinsam mit ihren Kindern geflüchtet sind, lediglich 17 % sind alleine ohne Begleitung gekommen (überwiegend Ältere).
  • Das Durchschnittsalter der befragten Geflüchteten ist 38,2 Jahre.
  • Die häufigste Fluchtroute führte über Polen (65 %), gefolgt von den übrigen Anrainerstaaten der Ukraine mit ähnlichen Anteilen.
  • Für 82 % der Befragten stand Deutschland als Fluchtziel im Vordergrund, daneben wurden am häufigsten Polen, die Schweiz, Italien, Tschechien und die Niederlande als mögliches Ziel genannt.
  • 42 % der Befragten halten sich gerade in Großstädten ab 500.000 Einwohnern auf, davon 14 % in Berlin, 3 % in Hamburg und 5 % in München. Damit ist Berlin gegenwärtig am deutlichsten von den Flüchtlingsbewegungen belastet. Insgesamt wurden in der Befragung über 500 verschiedene Orte genannt.
  • Für die Wahl des jetzigen Aufenthaltsortes sprach vor allem, dass dort Freunde oder Verwandte wohnen, die Stadt von Freunden empfohlen wurde, man dort am besten Arbeit finden kann und glaubt, in einer großen Stadt besser zurechtkommen zu können. Das Arbeitsargument sprach dabei neben den sozialen Kontakten am deutlichsten für die Großstädte.
  • 24 % der Befragten wohnen gegenwärtig bei Freunden (vor allem in Berlin und Hamburg), 22 % in einer sonstigen Privatwohnung (vor allem in Hamburg und sonstigen Orten) und 19 % bei Verwandten (vor allem in Berlin und anderen Großstädten). Daneben wird eine Vielzahl weiterer Unterkünfte angegeben, bei denen es sich sowohl um Sammelunterkünfte als auch um Hotels und ähnliches handelt.
  • Am wichtigsten sind den Befragten am jetzigen Ort finanzielle Hilfen, medizinische Versorgung und Hilfestellung bei Behördengängen, aber auch kostenfreier Nahverkehr, eine eigene Wohnung oder feste Unterkunft und Ansprechpartner, die Ukrainisch sprechen. Psychologische Hilfe halten 52 % der Befragten für wichtig.
  • Lediglich 42 % der Befragten wollen grundsätzlich unbedingt am jetzigen Ort bleiben. 32 % rechnen damit, bald in die Ukraine zurückkehren zu können, 19 % haben noch keinerlei Pläne.
  • Auf Nachfrage wären 53 % der Befragten bereit, auch in eine andere oder kleinere Stadt umzuziehen. Gegen eine andere Stadt sprechen vor allem soziale Kontakte am gegenwärtigen Aufenthaltsort (32 %) und bessere Jobaussichten (16 %).