Hey Marburg!

Auf Tour durch die Altstadt.
Auf Tour durch die Altstadt. © Georg Kronenberg / GCSP

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Susanne Müller

Historisches Ambiente und visionäre Ideen, allerliebste Lädchen und moderne Handelskonzepte, Romantik und Fortschritt: Marburg an der Lahn lebt von spannenden Kontrasten. Viel Dynamik bringen rund 22.000 Studierende in die Universitätsstadt. Das hessische Mittelzentrum war nach Hanau und Bochum Austragungsort der dritten Kommunal Konferenz des German Council of Shopping Places (GCSP).

Den Stellenwert der Veranstaltung ordnete vorab GCSP Vorstand Harald Ortner ein: „Widerstandsfähigkeit ist die Grund-DNA von Städten und Kommunen – diese zu stärken, war schon immer unser Job.“„Und dies sollten wir mit Zuversicht statt Beklemmung tun“, ergänzte Martin Bieberle, Magistrat der Stadt Hanau: „Raus aus dem Klein-Klein und der Ängstlichkeit.“ „Die soziale Transformation ist die große Herausforderung der Zukunft“, unterstrich Ralf Meyer von der Bochum Perspektive GmbH. Jan-Bernd Röllmann vom Marburger Stadtmarketing unterstrich die Bedeutung der Kommunalkonferenz: „Wenn Projektentwickler, Retailer, Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing zusammenkommen, entstehen neue Perspektiven und innovative Ideen.“

Push für die Stadtgesellschaft

Vor der Feldforschung stand die „Reisevorbereitung“, wie sie Jana Schönemann, Stabsstellenleitung Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung und Statistik, Universitätsstadt Marburg, nannte. Marburg habe um die Corona-Zeit rund 20 Leerstände in der Oberstadt aufgewiesen – diese seien durch gemeinsame Anstrengungen auf nunmehr vier zurückgegangen. Maßgeblich dazu beigetragen haben das Konzept „Zukunft Oberstadt“ sowie die Eröffnung des Oberstadtbüros, in dem alle Stakeholder zusammenkommen. Auch das Projekt Marburger FreiRAUM zur Aufwertung leer stehender Locations bringt die Stadtentwicklung voran: Diese werden zu günstigen Staffelmieten an Händler vergeben, die ihre Konzepte austesten möchten. VielRAUM heißt ein weiteres erfolgreiches Projekt rund um Pop-Ups, die über jeweils vier bis sechs Wochen Flexibilität und Innovation in die Stadt bringen und immer wieder für Überraschungsmomente sorgen. Die Marburger Stadtentwickler legen zudem großen Wert auf den Dialog mit Immobilieneigentümern als Schlüsselakteure und konnten bereits viele von ihnen für die Relevanz ihrer Immobilie für den gesamten handelsstandort Marburg und marktübliche Preise sensibilisieren.

Plus an Erlebnischarakter

Marburg lebt von einem äußert abwechslungsreichen, kleinteiligen, oft inhabergeführten Handel: „In Zeiten von Erlebnisorten ist das ein großes Plus“, so Jana Schönemann. „Interdisziplinäre Kooperation, kreatives Leerstandsmanagement und strategisches Stadtmarketing führen uns zum Erfolg. Dafür braucht es viele Player, die an den Schnittstellen gut zusammenarbeiten. Wichtig ist auch, die Anwohner nah am Quartier mitzunehmen, zum Beispiel durch Kultur und Events wie das Marburger Schokoladenfest und den Elisabethmarkt als Belebungskonzept oder auch Zukunfts-Workshops.“ Um die Aufenthaltsqualität zu steigern, haben die Marburger Stadt-Strategen den Oberstadthändlern bunte Stühle zur Verfügung gestellt, die diese vor ihren Läden als zusätzliche Sitzmöglichkeiten platzieren. Weniger belebte Straßenzüge erhalten eine visuelle Aufwertung, zum Beispiel Schmetterlings-Ketten zwischen den Häuserfronten. „Durch die gezielte Förderung des Einzelhandels hat sich die Aufenthaltsqualität speziell in der Oberstadt deutlich verbessert“, fasste Jana Schönemann zusammen. „Unsere gute Querschnitts- und Schnittstellenkommunikation bringt und bundesweite Aufmerksamkeit. Dafür braucht es kontinuierliche Anpassung und hohe Lernbereitschaft.“ 

Rundgang durch die „Alte Dame“

„Tradition trifft Transformation – Neuer Nutzen für alte Mauern“ war als trockener Vortrag über die Eventlocation Lokschuppen angekündigt. Geschäftsführer und Entwickler Gunter Schneider hatte eine bessere Idee: Er nahm die Teilnehmenden mit auf einen Rundgang durch das Industriedenkmal, das er liebevoll „Alte Dame“ nennt. Und die Gäste kamen aus dem Staunen kaum heraus. Wo fleißige Arbeiter um 1800 Waggons teils unter Dampf reparierten, finden Marburger Szene-People heute eine spektakuläre Destination für Party, Genuss und Co-Working vor, die mit „Respekt vor der historischen Architektur“ umgestaltet worden ist. Das Lifestyle-Areal weist einzigartige Merkmale auf. Erhalten geblieben sind alte Backsteinmauern und die ursprünglichen Balken, aufgewertet durch erlesene Details, die an die Geschichte des Gebäudes erinnern. Outdoor dient eine drehbare Stage mit illuminiertem Wasserbassin als Eyecatcher und Aktionsfläche. Von der Empore aus fällt der Blick auf ein stylishes Restaurant mit einem Indoor-Holzkohlegrill als Rarität. Der Eventraum ist erweiterbar und fasst – zum Beispiel bei Discos – bis zu 1500 Leute. Für Kinder gibt’s einen VIP-Raum. Co-Working-Spaces, teilweise verglast, gewährleisten ein angenehmes Arbeitsklima. Viele Elemente im Lokschuppen Marburg sind drehbar. Ein exzellentes Beispiel für die Innovationskraft privater Investoren, die mit Leidenschaft bei der Sache sind, und für echten Unternehmergeist.

Reizende Stores und Handels-Cache

Was den großen Charme Marburgs ausmacht, erlebten die Teilnehmer der Kommunal Konferenz, aufgeteilt in Gruppen, bei einem ausführlichen Streifzug durch die Stadt. Was Jana Schönemann vorher angerissen hatte, füllte sich plötzlich mit Leben. In den historischen Straßen und Gassen mit ihren aufstrebenden Häuserfronten mit Ausrichtung aufs altehrwürdige Landgrafenschloss, Altstadttreppen und Kopfsteinpflaster und dem romantischen Marktplatz laden originelle Store-Konzepte zum Stöbern ein. Von der Individual-Schneiderei bis zum Bürstenmacher lassen sich wohl schwerlich anderswo derart viele Liebhaber-Läden finden. Witzig ist ein auf den Marburger Handel angepasstes Geo-Cache-Projekt: Besucher gehen per Smartphone auf Schatzsuche – die Caches sind in den Schaufenstern versteckt, von der sich öffnenden Truhe bis hin zum beweglichen Schuh.

Stippvisite in Center und Kaufhaus

Eine Station war das Schlossberg Center, ein Ex-Horten-Kaufhaus, das mit Nahversorgung, Einzelhandel, Büroflächen und Fitness inklusive Whirlpool und Sauna sowie einem angeschlossenen Fachwerkhaus als Treffpunkt für Mitarbeitende, das gleich mitsaniert wurde, punktet. Nicht alltäglich ist die Gebäudestruktur, die aus der Lage am Schlossberg resultiert. Die Betreiber haben die Herausforderung jedoch bestens gemeistert. Danach ging’s ins traditionsreiche Kaufhaus Ahrens, das Besuchern auf sechs Etagen ein Shop-in-Shop-Konzept bietet. Seniorchef Peter Ahrens ließ sich nicht nehmen, von der Geschichte des Familienbetriebes zu erzählen, der auf bescheidenen 50 Quadratmetern begann und heute eine Fläche von 13.500 Quadratmetern inklusive Panorama-Restaurant und Ärztehaus aufweist. In der dritten Etage präsentierte die Firma CSLPlasma ihr Konzept: Der Ableger des bekannten Pharma-Konzerns Behringwerke Marburg, gegründet von Nobelpreisträger Emil von Behring, richtet dort zurzeit ein Spender-Center für Blutplasma ein. Experte Thomas Schneider berichtete, dass daraus Medikamente bei Immundefekten, für Unfallopfer und die Intensivmedizin entwickelt werden. Spender erhalten eine Barwertprämie sowie Boni und stehen unter regelmäßiger ärztlicher Aufsicht. Eine neue Nutzungsmöglichkeit für Shopping Places: Derzeit ist bereits der 18. Standort im Aufbau.

Marburg: einfach einfallsreich

Unterwegs trafen die Teilnehmer auf zwei von vier Marburgs mobilen Umweltscouts, die Taschenaschenbecher und Hundekotbeutel verteilen – auch Läden halten diese bereit und tragen so zur Sauberkeit des Stadtbildes bei. In der Tourist-Info erfuhren die Gäste Wissenswertes über den Ausbau des Wander- und Radwegenetzes, das Stadt- und Landorte verbindet, der Entwicklung der Lahnberge und den Botanischen Garten. Einfallsreichtum zeichnet auch die Marburger Stadt- und Land Tourismus GmbH (MSLT) aus: So sind Routen beispielsweise mit Fotopoints bestückt, und die Geschichte der Stadtpatronin, der Heiligen Elisabeth, und ihrem intriganten Beichtvater Konrad wird als flotte True-Crime-Story inszeniert. Zum Schluss gab’s noch ein Erinnerungsfoto vor der Elisabeth­kirche, bevor die Teilnehmenden zum Open-Air-Network-Dinner in den Lokschuppen zurückkehrten.

Susanne Müller