Hilfe - insolvent!

Handel und Immobilien
Optimismus
Susanne Müller
Die Kette der Insolvenzmeldungen scheint als Folge der wirtschaftlichen Lage derzeit nicht abzureißen. Was oft unter den Tisch fällt: Dahinter stecken menschliche Schicksale. Wie Betroffene agieren können, um aus der Abwärtsspirale herauszukommen, weiß Kommunikationsexperte Professor Dr. Klaus Kocks, Gründer der Cato Sozietät für Kommunikationsberatung.
Eine Firmeninsolvenz ist zunächst einmal ein Schock, ein massiver Einschnitt ins Leben. „Nicht bei den großen Konzernen – die schütteln das ab wie ein Hund, der aus dem Regen kommt“, sagt Klaus Kocks. „Doch gerade für inhabergeführte Unternehmen oder Familienbetriebe, die mit Herzblut bei der Sache sind, ist eine Insolvenz sehr bitter und kann eine tiefgreifende Wirkung haben. Nicht selten resultiert daraus eine regelrechte Persönlichkeitsveränderung. Ein schlechtes Gewissen, Selbstzweifel, Zorn und Sorgen quälen die vermeintlich Verantwortlichen.“
Geschehenes akzeptieren
In einer Situation, die einen Menschen ohnehin emotional zu Boden drückt, die Contenance zu wahren, scheint schier unmöglich. Immerhin ist gerade ein Lebenswerk zerstört oder der Traum vom eigenen Unternehmen geplatzt. Das geht an die Substanz. Und dennoch wäre gerade jetzt bedachtes Handeln wichtig. Für Professor Dr. Kocks ist Aufarbeitung ein entscheidendes Element. „Der wichtigste Punkt bei einer Insolvenz, noch bevor an Kommunikation oder Verhaltensmaßregeln überhaupt gedacht werden kann, ist, das Geschehene auf persönlicher Ebene zu akzeptieren. Eine Aufgabe, die natürlich extrem schwer fällt. Doch nur dann, wenn wir die Lage annehmen, verliert sie ihren Stachel. Persönliche Schuldgefühle haben in der Krisenkommunikation nichts zu suchen.“
Umfeld nicht überfordern
Warum das so ist, erklärt er an einem Beispiel. „Wenn sich das große Unglück einer Scheidung abspielt, kann der Bekanntenkreis die Probleme der Partner irgendwann nicht mehr hören.“ Ganz ähnlich verhält es sich bei Firmencrashs. „Betroffene müssen aufhören, ihre persönliche Leidensgeschichte in den Fokus zu rücken und sich womöglich noch in Details zu verlieren. Je stärker sie mit sich hadern, desto mehr gehen sie ihrem Umfeld auf den Geist, um das mal ganz deutlich zu formulieren.“ Klaus Kocks plädiert für einen gewissen Pragmatismus, frei nach dem Motto: Es ist passiert, es war hart, aber jetzt schauen wir nach vorn.
Erklärung in drei Sätzen
„Betroffene sind gut beraten, sich eine einfache, plausible Geschichte zurechtzulegen, die sie allen involvierten Stakeholdern vermitteln“, rät er. „Mitarbeitende, Kunden und Kapitalgeber haben nämlich nicht endlos Zeit für Selbstmitleid. Die Unschuld an der Situation zu erklären, ist überhaupt nicht nötig. Man gibt es zu, knapp und präzise. Eine kurze, vernünftige Erläuterung der Umstände in drei Sätzen ist besser als endloses Lamentieren – anderenfalls wird die Geduld sämtlicher Beteiligter überstrapaziert. Und diese Erklärung darf dann gerne stimmen, muss aber nicht vollständig sein.“
Augenmerk auf die Zukunft
Auf dieser Basis lässt sich ein neutrales Gesprächsfeld schaffen – mit Mitarbeitern, die der Chef behalten möchte oder entlassen muss, mit Kunden, die möglichst bei der Stange bleiben sollen, und mit Banken, auf die Insolvenzler angewiesen sind. „Mein Tipp ist: Heul nicht und fass dich kurz“, bringt es Klaus Kocks auf den Punkt. „Betroffene sollten lieber konkret die Zukunft beschreiben können und ein vernünftiges Konzept aufstellen, zum Beispiel, zu welchen Konditionen sie Mitarbeiter weiterbeschäftigen können, wie sie den Verpflichtungen ihrer Kunden nachkommen wollen und sich künftige Geschäfte vorstellen, und den Banken die Angst nehmen, dass so etwas wieder passiert.“
Bloß nicht lügen
Eine Insolvenz sei auf jeden Fall nicht der richtige Zeitpunkt, um das Ego in den Mittelpunkt zu rücken. Vielmehr solle sich der Blick voll und ganz auf die drei anderen bereits erwähnten Parteien richten. „Das Dümmste, was jemand tun kann, ist, erkennbar zu lügen. Denn dann verliert er nicht nur Personal, Kundschaft und Bank, sondern auch seine Geschäftsfähigkeit. Zu viel gejammert, schlecht gelogen, nicht diejenigen angesprochen, um die es geht – das sind die Kardinalfehler. Worst Case wäre, wenn die Leute schließlich die Straßenseite wechseln und der Betroffene kein akzeptierter Gesprächspartner mehr ist.“
Vertrauenswürdige Partner
Und er unterstreicht: „Man verbrennt sich nicht als Kommunikator und Ansprechpartner! Mut zur Kürze zahlt sich aus. Viel wichtiger ist eine fundierte Beschreibung konkreter Strategien.“ Leicht gesagt – aber ist jemand, der einen Misserfolg einstecken und diesen öffentlich bekennen musste, überhaupt dazu fähig? „In einer solchen Situation sind die Menschen nicht objektiv“, so Klaus Kocks. „Deshalb sollten sie sich zur Ausarbeitung an jemanden wenden, dem sie vertrauen, der ihnen zur Seite steht und der zudem einen gewissen Einfluss hat.“ Wenn viel auf dem Spiel steht, ist der Gang zum Experten sicher empfehlenswert.
Susanne Müller
Über Klaus Kocks
Klaus Kocks ist Unternehmensberater und Publizist. Er absolvierte in Bochum ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Germanistik und Philosophie, legte beide Staatsexamen mit Auszeichnung ab. 1981 promovierte er dort summa cum laude und erhielt für seine Dissertation den Universitätspreis seines Jahrgangs. Kocks war mehr als zwei Jahrzehnte für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verschiedener Unternehmen in der Energiewirtschaft und der Automobilindustrie verantwortlich. Seit 2002 ist er freier Meinungsforscher und Kommunikationsberater, vertritt als Gesellschafter die CATO Sozietät für Kommunikationsberatung GmbH.
Info: cato-sozietaet.de