Innenstadt und Migration

Ahmad Mansour
Ahmad Mansour © Heike Steinweg

Interview
Locations

Susanne Müller

Viele Menschen fühlen sich heute in Innenstädten und Einkaufsstraßen unsicher. Ist das ein subjektives Angstgefühl – oder steckt dahinter ein realer Kontrollverlust des Staates? Ahmad Mansour als bundesweit gefragter Experte für den radikalen Islam hat sich in unserem Interview Gedanken darüber gemacht, wie sich die Balance halten lässt.

Herr Mansour, wenn wir über Sicherheit in deutschen Innenstädten sprechen – übertreiben Politik und Medien das Problem, oder verdrängen wir in Wahrheit eine massive Entwicklung hin zu No-Go-Areas?

Ahmad Mansour: Allgemein gesprochen finde ich, dass die Politik nicht übertreibt, sondern teilweise untertreibt. Denn das subjektive Unsicherheitsgefühl vieler Menschen ist vorhanden. Dies hat mit der Veränderung ihrer Umgebung, mit der Nachrichtenlage – mit Berichten zu tätigen Angriffen, Messerat­tacken, sexueller Belästigung – zu tun. Und das ist leider Realität. Natürlich wird diese Realität von manchem ausgenutzt, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Aber ich sehe derzeit nicht, dass die Politik hier ausreichend Polizeipräsenz auffährt und mit besseren strategischen Konzepten vorgeht, um genau diese Orte sicherer zu machen.

Es gibt No-Go-Areas, bestimmte Orte und bestimmte Straßenzüge, wo gewisse Clans herrschen oder Menschen aus bestimmten Kulturen überproportional vertreten sind. Aber diese No-Go-Areas gelten nicht für alle, sondern für bestimmte Personen, wie Homosexuelle, Transpersonen, für Juden, Menschen, die Israel unterstützen, vielleicht solche, die den Islam ablehnen, für Christen, für Frauen, die zum Beispiel kurze Röcke tragen. Das sind die Orte, wo diese Menschen sich nicht wohl fühlen und gegebenenfalls sogar angegriffen werden.

Gesamtgesellschaftlich handeln

Diese Orte sind nicht so verbreitet wie in anderen europäischen Ländern, wo die Lage viel dramatischer als in Deutschland ist. Dennoch – wenn man einkaufen geht, ist das eine Art von Freizeitvergnügen, etwas, was man mit der Familie macht, was auch Freude bereitet. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass diese Orte für sie unsicher sind und sie sich nicht wohl fühlen dabei, dann werden Sie nach Alternativen zum Einkaufen in der Innenstadt suchen. Deshalb muss hier gesamtgesellschaftlich gehandelt werden, damit die Menschen das Gefühl haben, dass sie sicher unterwegs sind, nicht gehetzt ihre Besorgungen erledigen müssen und sich wohl fühlen.

Kritiker sagen, dass Migration Innenstädte nicht nur belebt, sondern auch verändert – weg vom klassischen Einzelhandel hin zu orientalisch geprägten Strukturen. Fördert das wirklich Vielfalt, oder riskieren wir, dass deutsche Innenstädte ihr Gesicht verlieren?

Ich schaue recht entspannt auf orientalische Geschäfte, auf vielfältige Restaurantkultur und unterschiedliche Angebote. Das ist nicht das Problem, und ich beschreibe diese Orte nicht als Parallelgesellschaften. Wenn aber bestimmte Menschengruppen sich dort nicht wohl fühlen, weil sie abgelehnt, angemacht oder gar drangsaliert und angegriffen werden, dann ist das letztlich eine Art von Parallelgesellschaft, die abzulehnen ist. Es ist gut, dass wir eine Vielfalt an Angeboten haben, was Restaurants und den Einzelhandel angeht, es ist aber essenziell, eine gewisse Durchmischung zu schaffen und dass nicht homogene Strukturen und Gruppierungen in bestimmten Vierteln oder Straßenzügen zu finden sind. 

Herausforderungen diskutieren

Wir müssen die Tatsache berücksichtigen, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass ihnen etwas verloren gegangen ist durch diese Entwicklungen. Diese Menschen können wir durch Aufklärung und eine sachliche Auseinandersetzung erreichen, um die Herausforderungen dieser Veränderungen zu diskutieren, aber auch um aufzeigen, worin die Chancen einer solchen Entwicklung bestehen.

Alteingesessene Händler klagen, dass neue migrantische Unternehmer mit anderen Preis- und Geschäftsmodellen sie vom Markt drängen. Ist das fairer Wettbewerb – oder ein schleichender Verlust gewachsener Strukturen?

Es geht um Angebot und Nachfrage. Anstatt sich zu beklagen, sollten die alteingesessenen Händler vielleicht andere Wege gehen, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Es ist nicht selbstverständlich, dass alles bleibt, wie es damals war, und dabei geht es nicht nur um Entwicklungen, die mit migrantischen Strukturen zusammenhängen. Unterschiedliche Händler und Marken versuchen, sich am Markt zu positionieren, und verfolgen ganz individuelle und innovative Strategien, um attraktiv für eine sich wandelnde Kundschaft zu sein und zu bleiben. Darum halte ich es nicht für zielführend, zu klagen, sondern vielleicht selbst zu versuchen, das eigene Angebot attraktiver zu gestalten.

Viele Kommunen feiern Migranten als Hoffnungsträger gegen den Niedergang der Innenstädte – blenden sie dabei aber nicht die sozialen Spannungen aus, die durch unterschiedliche kulturelle Vorstellungen entstehen?

Um dies deutlich zu sagen – ich finde nicht, dass wir zehn Jahre nach der großen Flüchtlingskrise vom Feiern sprechen sollten. Ich finde nicht, dass wir eine positive Belebung der Innenstädte erreicht haben. Im Gegenteil: Viele Orte werden teilweise von Menschen vermieden, die Kriminalitätsstatistik zeigt deutlich, dass wir ein Problem haben und vor großen Herausforderungen stehen. Das subjektive Sicherheitsgefühl ist nicht vorhanden. Das hat mit Migration, auch mit Terror und mit Gewalt zu tun, das muss in aller Deutlichkeit so gesagt werden.

Sachliche Auseinandersetzung

Die naiven Vorstellungen, die wir vor zehn Jahren hatten, und diejenigen, die damals jegliche kritische Stimme nicht nur ausgeblendet, sondern diffamiert haben, trugen dazu bei, dass eine gewisse Naivität im Umgang mit diesem Thema herrschte, Vielfalt uneingeschränkt gefeiert und Flüchtlinge als Antwort auf jegliche Probleme gesehen wurden. Gleichzeitig wurden die Herausforderungen, die mit Migration einhergehen, komplett ausgeblendet. Da müssen wir raus und versuchen, eine nüchterne, kritische, aber auch sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema zu finden, insbesondere wenn es um darum geht, dass sich Bürger in Frankfurt, Berlin, München und anderen Innenstädten dieser Republik wohl und sicher fühlen.

Wird die Innenstadt der Zukunft ein Ort gelungener Diversität – oder ein Brennpunkt, an dem gesellschaftliche Konflikte besonders sichtbar werden?

Die Polarisierung, die fehlende Empathie, hat nicht nur mit Migration zu tun, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die uns allen große Sorgen bereiten sollte.

Wie die Zukunft aussieht, wage ich nicht zu beurteilen. Wir sehen einen Trend, einen sehr negativen Trend – Richtung subjektiver Unsicherheit und Vermeidung von Innenstädten, mehr Kriminalität und dadurch verursachte Unsicherheit. Dies ist aber veränderbar mit mehr Polizeipräsenz und mit privaten Sicherheitsdiensten. Mit besserer Migrationspolitik, durch Dialog und mittels einer ganz anderen Ansprache kann man enorm viel erreichen. Aber zunächst einmal müssen wir darüber reden, die Probleme benennen und Lösungen diskutieren. Tun wir das nicht und hoffen, dass in zehn Jahren alles gut wird – das wäre illusorisch. 

Susanne Müller