Innovatives Europa

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Richard Haimann
Ob Künstliche Intelligenz, E-Mobilität oder Internet-Technologie – europäische Produkte gelten zwar als rückständig, sind aber tatsächlich denen der Konkurrenz aus den USA und China häufig deutlich voraus. Vor unangebrachter Larmoyanz warnt deshalb der Steinbeis-Vorstandsberater Winfried Küppers. „Professionelle Schwarzmalerei“ drohe Deutschland „in die kollektive Depression zu treiben“.
Die Ankündigung ist ein Paukenschlag. 1,3 Milliarden Euro investiert der niederländische ASML-Konzern, der weltgrößte Anbieter von Lithographie-Systemen für die Halbleiter-Industrie, in Mistral AI, ein Pariser Softwareunternehmen, spezialisiert auf die Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Inmitten der von US-Präsident Donald Trump entfachten internationalen Handelskriege schließen zwei der bedeutendsten europäischen Hightech-Firmen ein Bündnis, um gegen US-Giganten wie die Chip-Produzenten Intel und Nvidia sowie die KI-Behemoths OpenAI und xAI und den chinesischen Mitbewerber DeepSeek zu bestehen.
Erschließung von Chancen
„Die Zusammenarbeit mit Mistral AI zielt darauf ab, ASML-Kunden durch innovative, KI-basierte Produkte und Lösungen klare Vorteile zu bieten und bietet Potenzial für gemeinsame Forschung zur Erschließung zukünftiger Chancen“, sagt Christophe Fouquet, Präsident und Vorstandschef von ASML. „Gemeinsam werden wir den technologischen Fortschritt entlang der globalen Halbleiter- und KI-Wertschöpfungskette beschleunigen“, sagt Mistral-Mitgründer und CEO Arthur Mensch.
Begegnung auf Augenhöhe
Die Aussagen sind helle Dur-Klänge in jenem dunkel Moll-Requiem, das derzeit über Europas Wirtschaft angestimmt wird. Darin wird den Unternehmen in den Mitgliedsstaaten der Eu attestiert, sie seien „technologisch abgehängt“. Die Automobil-Industrie habe „die Wende in der E-Mobilität verschlafen“. Es gebe eine zu große Regelungswut der Politik. „Wir haben ein Europa, das in Bürokratie erstickt“, kritisiert Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie. Doch die Larmoyanz ist unangebracht. Europäische und deutsche Unternehmen sind weiterhin in der Lage, internationalen Wettbewerbern auf Augenhöhe zu begegnen – und diese zu übertreffen. Ein Beispiel dafür ist Mistral AI. Das erst im April 2023 von den französischen Ingenieuren und Software-Spezialisten Arthur Mensch, Timothée Lacroix und Guillaume Lample gegründete Unternehmen für Künstliche Intelligenz, kurz KI, hat binnen eines Jahres Produkte der Konkurrenz geschlagen. Die Software Mixtral 8x7B übertrifft bereits 2024 das Sprachmodell GPT-3 des von Microsoft mit Milliardenbeträgen unterstützen US-Anbieters OpenAI. Microsoft bietet Mistrals Produkt seit Februar vergangenen Jahres in seiner Cloud-Plattform Azure an.
Auf der Überholspur
Bei der Elektromobilität blicken Europas Automobilkonzerne tatsächlich nicht auf die Rücklichter der Konkurrenz, sondern sind technisch längst auf der Überholspur, insbesondere die deutschen Unternehmen. VW fertigt mit der ID.7-Baureihe Limousinen und Kombis, die mit einer Batterieladung Reichweiten von mehr als 680 Kilometer bewältigen – und binnen 15 Minuten genug Energie für Distanzen von mehreren Hundert Kilometern nachladen können. Der neue CLA von Mercedes kratzt mit einer Akku-Füllung bei der Reichweite knapp an der 800-Kilometer-Marke. Der im kommenden Frühjahr in die Verkaufsräume rollende neue BMW iX3 soll einen noch größeren Aktionsradius haben und in nur zehn Minuten Strom für weitere 372 Kilometer in seine Batterie ziehen können. Spitzenwerte im internationalen Vergleich.
Jammern als Trick
Lautstarkes Jammern sei ein sehr wirksames Mittel, um „öffentliche Gelder zu bekommen, Zuschüsse, Hilfen, staatlich garantierte Vorteile, Subventionen“, sagt Winfried Küppers, Unternehmensberater bei der Steinbeis Stiftung für Wirtschaftsförderung in Stuttgart. „Der verkannte Riese“ hat der Mann, der Vorstände großer Unternehmen berät, sein Buch über Deutschland betitelt. Sein Fazit: Dem Land gehe es besser, „als wir glauben“. Hingegen gefährdeten fortwährende Klagelieder langfristig den Wirtschaftsstandort. Verunsicherte Manager schieben Investitionen auf – und drohen so tatsächlich den Anschluss an Wettbewerber zu verlieren. Verunsicherte Verbraucher sparen und lassen den Konsum erlahmen. „Wenn wir die versteckte Agenda des Jammers nicht erkennen und nicht verstehen, was für ein Spiel gespielt wird, dann treibt uns dieser professionelle Schwarzmalerei in die kollektive Depression“, sagt Küppers.
Erfolgreiche Krisenbewältigung
Tatsächlich ist das geeinte Europa eine 75 Jahre währende Geschichte erfolgreicher Bewältigung von Krisen durch Kooperation und Zusammenschlüsse. 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, machen sich Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlanden daran, den zollfreien Handel mit den zum Wiederaufbau wichtigen Grundgütern zu ermöglichen. Die Jahre später gegründete „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ wird zum Grundstein für die 1992 gegründete Europäische Union, mit der ein gemeinsamer Binnenmarkt von der Ostsee bis zum Mittelmeer entsteht. Es ist ein schrittweises, langsames Zusammenwachsen gegen Widerstände. In den 1960er Jahren steht Frankreichs Präsident Charles de Gaulle auf der Bremse, um Paris eine Dominanz im Staatenbund zu sichern. In den 1980er Jahren blockiert Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher Maßnahmen zu enge wirtschaftliche Kooperation, um dem Vereinigten Königreich Vorteile zu verschaffen. Nach der Finanzkrise von 2007 drohen der Euro, die 1999 eingeführte gemeinsame Währung, und mit ihm der Staatenbund an den Schuldenkrisen in Griechenland, Portugal und Spanien zu zerbrechen.
Immer wieder Erfolgsgeschichten
Immer gelingt es, Lösungen für die Herausforderungen zu finden. In den inzwischen 27 Mitgliedsstaaten geht die Wirtschaft am Ende immer stärker aus den Krisen hervor. Erfolgsgeschichten werden ein um das andere Mal geschrieben. Die größte ist jene von Airbus. Nach jahrelanger Vorbereitung schließen sich am 10. Juli 2000 die deutschen, französischen und spanischen Flugzeughersteller DASA, Aérospatiale und CASA zum europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern zusammen. Gemeinsam wollen sie ein Gegengewicht zu den damals dominierenden US-Luftfahrtkonzernen schaffen. Der Plan geht auf. Seit 2019 setzt Airbus Jahr für Jahr mehr Passagierflugzeuge ab als Boeing, der größte US-Anbieter von Verkehrsflugzeugen. 766 Maschinen sind es im vergangenen Jahr, 31 mehr als 2023 – und ein erneuter Verkaufsrekord. Der Gesamtumsatz steigt 2024 auf 69,2 Milliarden Euro, ein Plus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand liegt zu Beginn dieses Jahres bei 8658 Maschinen. „Wir setzten uns bei zentralen Entscheidungen der meisten wichtigen Kunden durch und erlebten bei den Aufträgen für Großraumflugzeuge eine unglaubliche Dynamik“, sagt Christian Scherer, CEO von Commercial Aircraft bei Airbus.
Doppelt unter Druck
Jetzt stehen Europa und seine Wirtschaft gleich von zwei Seiten massiv unter Druck. US-Präsident Trump hat europäische Importe mit Zöllen belegt, droht immer wieder damit, diese nochmals zu erhöhen. China wiederum will die europäischen Märkte mit staatlich subventionierten – und entsprechend günstigen – Produkten fluten, um die unter Überkapazitäten in der Produktion leidenden Unternehmen im eigenen Land zu stützen. Die Bandbreite reicht von Billiganbietern wie den Online-Händlern Shein und Temu bis hin zu E-Mobil-Herstellern wie BYD.
Darüber hinaus hat das EU-Parlament jüngst das Fast-Fashion-Gesetz verabschiedet, um den Auswirkungen chinesischer Billigimporte entgegenzuwirken. Danach müssen Textilhersteller, die Produkte in der Staatengemeinschaft anbieten – auch wenn sie außerhalb der Union ansässig sind – künftig die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling ihrer Produkte tragen. Diese erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) muss von den Mitgliedstaaten innerhalb von 30 Monaten nach Inkrafttreten der Richtlinie umgesetzt werden.
Herausforderung angenommen
Europa nimmt die Herausforderungen an. Die EU-Kommission geht nun mit dem Gesetz über digitale Dienste (DSA) gegen Shein und Temu vor. Die chinesischen Online-Riesen würden auf ihren Plattformen massenhaft Produkte anbieten, die nicht den EU-Verbraucherschutzregeln entsprechen. „Wir finden sehr viele bedenkliche Chemikalien in Kinderspielzeug und in Kosmetika“, sagt Sylvia Maurer vom Europäischen Verbraucherschutz-Verband BEUC. „Aber auch Elektroprodukte, die Feuer verursachen können oder elektrische Schocks. Rauchmelder, die keinen Rauch melden, und Motorradhelme, die absolut keinen Sicherheitsstandards entsprechen und sofort brechen.“ Auch den US-Techgiganten setzt die EU Grenzen. Gegen Apple verhängt die Kommission nach den Regeln des DSA und des Digital Markets Act (DMA) im April dieses Jahres eine Strafe von 500 Millionen Euro, gegen den Facebook-Mutterkonzern Meta eine von 200 Millionen Euro.
Alternativen längst da
Zugleich haben europäische Tech-Unternehmen längst Alternativen zu den IT-Produkten der dominierenden US-Konzerne geschaffen – die diesen zum Teil überlegen sind. Beispiel Suchmaschinen. Im Gegensatz zu Alphabets Google und Microsofts Bing schützen die französischen und niederländischen Search-Engines Qwant und Startpage die Privatsphäre der Nutzer nicht nur deutlich besser, wie Tests der Stiftung Warentest und von Fachmagazinen wie Chip zeigen. Sie liefern zum Teil auch bessere Suchresultate. Qwant, dessen größter Anteilseigner ist die französische Staatsbank Caisse des dépôts, sei „aufgrund seiner europäischen Serverstandorte und der neutralen Suchanfragen eine geeignete und sichere Alternative zu Google, Yahoo! Search und Microsoft Bing“, urteilt das in London ansässige Fachportal Search Engine Insight. „Startpage triumphiert und schlägt Google“, zieht Computer Bild nach einem Vergleichstest Bilanz. Zu Instand-Messaging-Diensten wie WhatsApp gibt es ebenfalls europäische Alternativen. Den Schweizer Messenger Threema, ginlo Private aus Deutschland und Olvid aus Frankreich. Gelobt werden diese sogar von Googles KI: „Diese Dienste legen Wert auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Datenschutz, was sie zu guten Alternativen für Nutzer macht, die einen datenschutzfreundlichen Dienst bevorzugen.“
Ein Beitrag von
Richard Haimann
Freier Journalist