Inspirationen und Passion beim German Council Congress

Der German Council Congress brachte jede Menge Inspiration. © Santiago Engelhardt

German Council

Pinker hätte die Stage nicht sein können: Die Farbe war allerdings nicht dem aktuellen Barbie-Hype geschuldet. Pink stand beim German Council Congress in den Berliner Bolle-Festsälen vielmehr für Passion. Und die Keynote-Speaker gaben alles, um dem leidenschaftlichen Motto gerecht zu werden. Moderatorin Judith Rakers hatte eigens eine passende Bluse ausgewählt.

Eine kleine Enttäuschung erlebten die Teilnehmenden beim Vorabend-Event im LIVING Berlin: Astronaut Dr. Matthias Maurer glänzte durch Abwesenheit, war er doch zu einem wichtigen Termin in die USA abberufen worden. Er ließ ausrichten, den Auftritt im nächsten Jahr nachholen zu wollen. Die Partner CBRE und LIVING glichen sein Fehlen durch exzellentes Catering und harmonische Atmosphäre auf dem Rooftop aus. GCSP-Vorstand Harald Ortner schlug dann gleich die Brücke: „Es ist wichtig, verlässliche Partner an der Seite zu haben.“ Die Probleme der Branche redete er nicht klein: „Survive until 25 scheint derzeit die Devise zu sein. Endinvestoren halten sich zurück und warten das Licht am Ende des Tunnels ab. Leider erleben wir auch viele Insolvenzen. Und wer glaubt, die Politik wird gegensteuern, liegt falsch.“ Doch der GCSP wolle alles dafür tun, den Politikern die Augen zu öffnen. „Wir müssen uns die Leidenschaft erhalten, damit der Besuch beim Discounter zukünftig nicht das einzige Einkaufserlebnis bleibt.“

Silberstreif am Horizont

Nach der Begrüßung durch Judith Rakers sprach GCSP-Vorsitzende Christine Hager am eigentlichen Kongresstag aufmunternde Worte: Obwohl die letzten drei Jahre ein Game Changer gewesen seien, die Bürger von Sorgen und Ängsten getrieben und die Illusion vom anstrengungslosen Wohlstand verpufft, zeige sich am Horizont ein „fetter Silberstreif“. „Die Menschen sind zurück in der Stadt und haben ihren Wert neu für sich entdeckt. Sie haben wieder Lust auf Beratung“, betonte sie. Wertschätzung können man nicht kaufen: „Achtung, Anerkennung, Respekt und die Würdigung einer Person sind die wichtigsten Zutaten zum Erfolg.“

Handel wird erstarken

HDE-Präsident Alexander von Preen sprach in seinem Grußwort über Herausforderungen und Chancen zukünftiger Innenstädte. „Die Wirtschaft muss wieder enger zusammenspielen“, forderte er. „Neue Geschäftsmodelle funktionieren nur, wenn sie auf Kooperation und Partnerschaft aufbauen. Und der Handel ist bemüht, diesen Austausch zu fördern.“ Von Preen verwies auf das schwierige Marktumfeld und die schwache Konsumstimmung. Selbst High-Street-Lagen performten noch unter Vor-Corona-Niveau – „wie sieht’s dann erst in den Mittelzentren aus? Das bereitet uns Bauchschmerzen“. Rücklagen seien aufgebraucht, gut 50 Prozent der Händler klagten über sinkende Frequenzen, und für 2023 gehe er von der Schließung von 9000 Geschäften aus. Die Jahresendrallye falle demnach aus. Alternativen seien Mischbewirtschaftung, Austauschmöglichkeiten – und die Gastronomie als wesentlicher Mitspieler bei der Einkaufsexperience. „Retail ist der neue Retail“, folgerte er. „Der stationäre Handel wird wieder erstarken, wenn wir die Rahmenbedingungen zu anderen Konditionen stellen.“

Was die Gen Z antreibt

Psychologin Ines Imdahl, Mutter von vier Kindern, erklärte dem Auditorium, wie die Gen Z tickt. Die laut rheingold salon meistbefragte Bevölkerungsgruppe beeinflusse das Konsumverhalten einer ganzen Generation – und mache doch nur zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Sie sprach von einem gravierenden Gefühl des Kontrollverlustes, der tiefen Sehnsucht nach Sicherheit und Freundschaft, die die Gen Z  durch Allmachtsgedanken und Beauty-Treatments zu kompensieren versuche. Klare Strukturen würden da helfen, meinte die Referentin. „Wir müssen Fehler und Scheitern zulassen, Regeln durchsetzen – und die Händler sollten auch andere Zielgruppen im Blick behalten.“

Die Herzen erreichen

Alexander Scharf, Geschäftsführer gastro urban GmbH, erläuterte seine Vision von Arbeitsgestaltung: Faire Honorierung, Wertschätzung und Weiterentwicklung. Eine positive Arbeitskultur zu etablieren, sei immens wichtig: „Wir müssen miteinander sprechen und gegenseitige Erwartungen offen abklären.“ Mitbestimmung und Anerkennung würden die Herzen der Mitarbeiter erreichen: „Die Menschen wahrzunehmen und zu begeistern, Inhalte erlebnisorientiert zu vermitteln, erzeugt eine positive Einstellung und ein angstfreies Milieu.“

Ins Gesicht geschaut

Die Nutzung des Profilings in Unternehmen brachte Benita Justus den Teilnehmenden näher. Gleich auf der Bühne führte sie denn auch eine Life-Gesichtsanalyse durch. Eine starke Nasenspitze zum Beispiel verweise auf Neugier, eine schmale auf Diszipliniertheit. Geblähte Nasenflügel lassen auf Mut zur Kommunikation schließen. Und so vermag Benita Justus an allen Gesichtsregionen bestimmte Merkmale herauszulesen. „Das Naturell verändert sich im Laufe des Lebens nicht – sehr wohl aber der Umgang damit.“ Den Menschen zu fördern und weiterzubringen, sei ihre Passion, denn „wir brauchen in Unternehmen jedwede Struktur“.

Kochen von morgen

Um einen futuristischen Kochroboter ging’s im Vortrag von Kevin Deutmarg und Michael Wolf von der GoodBytz GmbH. Ziel ist, die tägliche Verpflegung auf ein höheres Level zu bringen und Zeit für die Auswahl frischer Zutaten und die eigentliche Kochkunst zu schaffen. Auch dem Fachkräftemangel kann ein solch technisches Wunderwerk abhelfen. Zurzeit ist der Roboter, der 150 Gerichte pro Tag zubereiten kann, nur als reines Mietmodell erhältlich.

Gastgeber aus Leidenschaft

Haya und Ilan Molcho erklärten lebhaft, wie ihr Familienkonzept bei ihren zwölf NENI-Restaurants funktioniert. Mutter Haya, Ehefrau des bekannten Pantomimen und Autors Samy Molcho, hat alle vier Söhne in den Betrieb eingebunden – und jeder arbeitet nach seinen individuellen Fähigkeiten. Die Balagan-Mentalität nennen sie das, ein hebräisches Wort für „sympathischer Chaot“. Begleiten, nicht vorschreiben, so haben es die Eltern in der Erziehung gehalten und diese Einstellung aufs Geschäftsmodell übertragen. Offene Kommunikation, Lob und Achtsamkeit erbringe die besten Ergebnisse. Als Gastgeber müsse man Emotionen wecken. Die Mission: Menschen jeder Herkunft durch gemeinsames Essen zu verbinden.

Suche nach Schönheit

Professor Jan Teunen plädierte dafür, den Sinn für Schönheit wiederzuentdecken. Sie sei nicht verschwunden, bei Vielen aber zurzeit unsichtbar. „Müde Augen sehen die Schönheit der Ideen, Konzepte und des Handelns nicht mehr. Die Folge ist Mittelmäßigkeit“, stellte er klar. „Das Individuum braucht Geborgenheit, aber auch Freiheit. Der Geist braucht Sinn. Und die Seele braucht den Spirit von Religion und Kunst.“ Und er erinnerte: „Wenn Unternehmen sich rein auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit ausrichten, werden sie zu Maschinen.“

Neues Görtz-Konzept

Im Expertengespräch mit Judith Rakers berichtete Bolko Kissling, neuer Inhaber der Schuhkette Görtz, von seinen Plänen. Zuallererst stehe die Definition der Kunden und ihrer Vorlieben. „Der Point of Sale soll persönlicher werden“, meinte er. „Wir wollen durch Optik und Angebot inspirieren.“ Das Konzept fußt auf drei Säulen: die klassische Stadtlage, das Lifestyle-Modell mit einer kleinen Zusatzauswahl an Textilien sowie die Görtz-Lounge mit Nachbarschaftsangeboten wie Reinigung.

Strategien für Händler

Professor Dr. Andreas Kaapke verordnete Strategie und Marktforschung in der Zeitenwende. Die deutsche Wirtschaft komme derzeit nicht voran und stecke in der Konjunkturkrise. Fast im Monatsrhythmus klettere die Teuerungsrate. Viele Kunden warteten derzeit die Energieabrechnung ab, bevor sie sich zu größeren Anschaffungen entschlössen. „Der Wirtschaftsminister drängst aufs Sparen – doch in London und Amsterdam, die die gleichen Probleme haben, sind die Stores nicht nur zur Weihnachtszeit voll beleuchtet, frei nach dem Motto: Die Leute wollen uns sehen, nicht suchen.“ Die Sparkurve habe deutlich an Gewicht gewonnen: „Doch so können wir die Verbraucherzurückhaltung nicht überwinden.“ Dies sei eine Frage der Attitüde. „Es hilft nichts, in der Krise auch noch schlecht zu tanzen. Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass sie Dinge nirgendwo besser bekommen als im stationären Handel.“ Eyecatcher schaffen, zur Einfachheit zurückkehren, multisensorische Erlebnisse kreieren, Produkte personalisieren, auffällige oder humorige Schaufenstergestaltung – all dies seien Stellschrauben, an denen der Händler drehen könne.

Am Ende brachte der „Lachverständige“ Dr. Oliver Tissot den kompletten Kongress auf den Punkt und das Zwerchfell der Teilnehmer zum Beben. Ohne jegliches Skript entfachte er im Publikum Heiterkeitsstürme – seine Ausführungen waren zu spontan, um sie hier in Worte zu fassen. Kongresspartner beim Abschlussdinner waren FACO Weine und Villa Huesgen.