KLARTEXT 2025: Große Herausforderungen, große Chancen

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Der diesjährige German Council Congress (GCC) stand wie kaum ein anderer im Zeichen von Offenheit und Mut. Bereits zu Beginn machte Moderatorin Judith Rakers den mehr als 200 anwesenden Top-Meinungsbildnern und Führungskräften aus Handel und Handelsimmobilienbranche klar, dass es an diesem Tag nicht um beschwichtigende Worte gehen sollte, sondern um einen ehrlichen Blick auf die Lage – auch auf unbequeme Wahrheiten. Sie forderte die Teilnehmer auf, über den Tellerrand zu schauen, internationale Beispiele ernsthaft zu betrachten und sich zu fragen, wie sich der deutsche Handel von der „German Angst“ befreien kann.
Diese Grundhaltung setzte den Ton für einen Tag, der von hochkarätigen Vorträgen, intensiven Diskussionen und inspirierenden Impulsen geprägt war. Christine Hager, Vorstandsvorsitzende des GCSP, eröffnete den GCC mit einem sehr persönlichen Rückblick auf ihre 15-jährige GCC-Geschichte und sieben Jahre im Vorstand. Sie sprach von der Kraft, die dieser jährliche Austausch für die Branche bedeutet, und vom „Branchen-Biotop“, in dem auch Wettbewerber zusammenarbeiten. Sie dankte den Partnern, Sponsoren und Teilnehmern für ihre Treue – insbesondere in Zeiten, in denen Kosten und Unsicherheiten steigen. Christine Hager blickte jedoch zuversichtlich nach vorn – auf den Verband ebenso wie auf ihre neue Rolle als Geschäftsführerin von Sonae Sierra Deutschland.
Vorstellung der Center-Studie
Direkt im Anschluss sprach sie mit Professor Dr. Verena Rock von der gif Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung über ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem GCSP: Ziel ist, die Performance von Shopping Centern künftig ganzheitlich messbar zu machen. Sechs Oberkriterien und 19 Unterkriterien bilden das Gerüst eines neuen Bewertungsmodells, das bereits an 16 Centern in Deutschland getestet wurde. Zur EXPO REAL 2025 soll es offiziell vorgestellt werden – ein wichtiger Schritt hin zu einem Benchmark, der den gesamten Markt vergleichbarer und datenbasierter macht. Kritisch bleibt die Frage, ob dieses Modell von allen Marktteilnehmern akzeptiert wird und wie der Zugang für kleinere Betreiber gesichert werden kann. Mehr dazu an anderer Stelle in diesem Magazin.
Ernüchternde Analyse
Nach diesem inhaltlichen Auftakt ging es hinein in die ökonomischen Realitäten. Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Dr. h.c. Lars Feld zeichnete ein klares Bild: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt stagniert seit Jahren auf dem Niveau von 2019, die Investitionsbedingungen sind schwierig, die Wettbewerbsfähigkeit leidet. Felds Analyse war so präzise wie ernüchternd: Ohne eine konsequent investitionsfreundliche Wirtschaftspolitik wird es nicht gelingen, Vertrauen bei Konsumenten und Investoren zurückzugewinnen. Seine Ausführungen gaben der Diskussion einen dringlichen Unterton – die Frage, ob man auf eine natürliche Erholung hoffen kann oder ob es radikale Impulse für Innovation und Standortattraktivität braucht, stand unausgesprochen im Raum.
Belebung des Marktes
Ein anderes Bild zeichnete der Marktbericht von Sandra Ludwig (Jones Lang LaSalle), die auf ein Plus von zehn Prozent im Transaktionsvolumen im ersten Halbjahr 2025 verwies. Vor allem Fachmarktzentren, besonders nicht-lebensmittelgeankerte Objekte, waren gefragt, und internationale Investoren stellten inzwischen fast zwei Drittel der Käufer. Für die zweite Jahreshälfte kündigte Ludwig eine deutliche Belebung der Shopping-Center-Transaktionen an – mehrere größere Deals seien bereits in der Pipeline. Das weckte Hoffnung, warf aber auch die Frage auf, ob deutsche Investoren dauerhaft Zaungäste bleiben und der Markt zunehmend international geprägt wird.
Branche am Wendepunkt
Die nachfolgende Paneldiskussion mit Karoline Nader-Gräff (Ingka Centres / IKEA Group), Olaf Ley (Eurofund Group), Dr. Jan Peter Annecke (Helaba) und Henri Eisenkopf (Union Investment), moderiert von Steffen Hofmann (ambas), zum Thema „German Angst vs. internationaler Mut“ griff diese Spannung auf. Deutsche Investoren, so das Fazit, agieren trotz historisch hoher Renditen zurückhaltend – aus kulturellen, regulatorischen und politischen Gründen. Internationale Player dagegen nutzen die Gelegenheit, um in einem attraktiven Markt hochwertige Assets zu sichern. Stimmen wie Karoline Nader-Gräff betonten, dass die aktuellen Einstiegschancen so gut seien wie seit Jahren nicht mehr, und Henri Eisenkopf sah die Branche an einem Wendepunkt, an dem ESG und Digitalisierung Shopping Center wieder interessanter machen könnten. Die Diskussion endete mit der Frage, ob die deutsche Zurückhaltung die langfristige Eigentümerstruktur der Handelsimmobilien nachhaltig verändern wird.
Mut zu neuen Wegen
Am frühen Nachmittag richtete sich der Blick in die Zukunft: Xin Lu (ECE) schilderte eindrucksvoll, wie sich asiatische Shopping Center in Kultur- und Erlebnisräume verwandeln – Orte, an denen man Haustiere mitbringt – ob lebendig oder als Luftballon –, Sport treibt und sich mit der Community trifft. Univ.-Prof. Christoph M. Achammer (ATP Architekten Ingenieure), forderte die radikale Transformation von monofunktionalen „Blechkisten“ hin zu multifunktionalen, urbanen Lebensräumen. Und Sven Fuchs (GRAFT Gesellschaft von Architekten) sprach über den Wert des „Dritten Ortes“ als Schnittstelle zwischen Arbeit und Zuhause. Allen drei Beiträgen war eines gemeinsam: Der Handel muss wieder emotionaler werden. Es geht nicht nur um Quadratmeter, sondern um Relevanz im Leben der Menschen.
Umbau statt Abriss
Diese Gedanken griffen die Referenten auch in der Diskussionsrunde „Remake vs. Destruction“, moderiert von Ulrich Brinkmann (Architekt & Redakteur Bauwelt), auf. Einig war man sich: Der Abriss großer Flächen kann nicht die Lösung sein, vielmehr müsse der Bestand umgebaut, aufgebrochen und neu belebt werden. Verkehrsfreie Zonen, Umwidmung von Parkflächen und Re-Urbanisierung wurden als Schlüsselbegriffe genannt. Digitalisierung sei dabei nicht Ersatz, sondern Ergänzung – sie dürfe nicht dazu führen, dass die physische Stadt an Bedeutung verliert.
Fokus auf Kundennutzen
Einen besonderen Akzent setzte Mag. Lic. Livia Rainsberger (WISSENCE), die den Begriff des „Digitalen Darwinismus“ prägte und die Teilnehmer daran erinnerte, dass 90 Prozent aller Kaufentscheidungen online beginnen und 70 Prozent bereits abgeschlossen sind, bevor ein Kunde das erste Mal mit dem Handel in Kontakt tritt. Ihr Appell war unmissverständlich: Technologie ist nur das Werkzeug – der Fokus muss auf dem Kundennutzen liegen. Shopping Center müssten Erlebnisse bieten, die es wert sind, fotografiert, geteilt und weiterempfohlen zu werden.
Ein Highlight war das Interview mit Heinrich Deichmann. Er sprach über die Verantwortung des Familienunternehmens, die Notwendigkeit, den Handel als Erlebnis zu gestalten, und forderte faire Rahmenbedingungen für alle Marktteilnehmer. Mehr dazu im gesonderten Beitrag auf den Folgeseiten.
Beispiele aus der Praxis
Für Energie sorgten die Unternehmer-Impulse von Kilian Wisskirchen (Cookie Couture), Dr. Nico Engel (Gustoso Gruppe) und Thomas Hirschberger (AML INVEST), die zeigten, wie Social Media, Qualität und Mut zu neuen Gastronomie-Konzepten Frequenz schaffen können. Martin Olafsson von Inditex gab Einblicke in die Strategie des Konzerns, der trotz eines Online-Anteils von über 40 Prozent weiterhin in stationäre Flächen investiert – jedoch gezielt, mit Fokus auf Prime Locations und Umsatzmieten als Partnerschaftsmodell. Die anschließende Debatte zeigte klar: Nur durch Kooperation zwischen Eigentümern, Betreibern und Mietern können neue Quartiersentwicklungen erfolgreich umgesetzt werden. Erlebnis schlägt Standard – das war die Kernaussage.
Humoristisch‑Anarchistisch
Den emotionalen Schlusspunkt setzte Matthias Brodowy mit einem kabarettistischen Auftritt, der den Saal zum Lachen brachte und zugleich ein Plädoyer für Optimismus und Lebensfreude war. Seine Aufforderung „seien Sie humoristisch-anarchistisch“ meint, mehr Humor, mehr Irritation und mehr „Zirkusgefühl“ in den Alltag zu bringen. Das passte perfekt zum Grundton des German Council Congresses: Es geht nicht nur um harte Zahlen, sondern auch um Inspiration.
Aktiv Zukunft gestalten
Zum Ende lud das Podium alle Teilnehmer ein, das Gehörte mitzunehmen, den Mut zur Veränderung zu behalten und sich aktiv an der Gestaltung der Zukunft der Branche zu beteiligen. Mit einem gemeinsamen Foto auf der Bühne und einem Abend voller Gespräche endete ein Tag, der deutlich machte: Die Herausforderungen sind groß, doch die Chancen sind es ebenso. Wer den Mut hat, neue Wege zu gehen, kann aus der „German Angst“ eine deutsche Erfolgsgeschichte
machen.
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