KLARTEXT 2025: Verpflichtung zu humanen Werten

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Ein mit Spannung erwarteter Gast des diesjährigen KLARTEXT Congresses des GCSP war Heinrich Deichmann. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates und der geschäftsführenden Direktoren von Europas größtem Schuheinzelhändler in dritter Generation hält sich der Öffentlichkeit meist fern. Dass er sich mit Moderatorin Judith Rakers über die Retail-Branche, Expansion und humane Werte austauschte, hatte also Seltenheitswert. Sein bodenständiger Auftritt in bescheidener Manier war ein Highlight der Veranstaltung.
Gewohnt verschmitzt, wollte Judith Rakers gleich wissen, ob Heinrich Deichmann denn Eigenmarke trage und wie viel Paar Schuhe ein „Mann mit unbegrenztem Zugang“ habe. „Etwa 30 bis 40“, schmunzelte Heinrich Deichmann, „darunter aber auch Snipes und Ochsner Shoes – beide Labels sind uns angeschlossen“.
Von der Pike auf
Der Unternehmer erzählte, dass er bereits als 14- oder 15-jähriger Schüler im Verkauf ausgeholfen habe, „an den langen Samstagen vor Weihnachten“. Sein Vater habe als sinnvoll erachtet, dass der Junior frühzeitig Ladenluft schnuppere – und dieses Prinzip hat Heinrich Deichmann später an seine eigenen Kinder weitervermittelt: „Um ein Unternehmen kennenzulernen, gibt es nichts besseres, als selbst auf der Fläche tätig zu werden.“ Sukzessive habe er immer mehr Verantwortung im Geschäft übernommen – bis er nach zehn Jahren in die Geschäftsführung von DEICHMANN wechselte.
Menschlichkeit leben
Heinrich Deichmann erläuterte das unternehmerische Prinzip hinter dem Schuh-Imperium. „Als Familienbetrieb haben wir mehr Freiheiten als andere Marktteilnehmer, aber auch eine Verpflichtung, bestimmte Werte zu leben“, führte er aus. „Großvater, Vater, ich und hoffentlich auch die nächste Generation leben eine christliche Tradition. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes und damit ein Mitmensch und kann nicht verzweckt werden. Ein Unternehmen sollte daher im tieferen Sinne den Menschen dienen – Mitarbeitern, Lieferanten, Partnern - nicht auf deren Leistung basiert, sondern in Anbetracht all ihrer Nöte und Sorgen. Diese Philosophie pflegen wir länderübergreifend und über alle Religionen hinweg.“
Innovation in der DNA
Permanente Innovationsfreudigkeit gehört ebenso zum Geschäftsmodell DEICHMANN. „An vielen Stellen sind wir der Branche vorausgeeilt“, stellte Heinrich Deichmann klar. „Uns immer wieder neu auszuprobieren, gehört zu unserer DNA. Diesen Geist leben wir und versuchen, vorzudenken.“ Frisch aus Hongkong zurück, stand der Unternehmer noch unter den Eindrücken dortiger Malls. „In Fernost erzeugt moderne Technik mittlerweile spektakulären Content in großem Stil.“ Ein Trend zum Entertainment, den er sich auch für manches deutsche Center wünscht.
Stationär bevorzugt
DEICHMANN sei inzwischen in der D-A-CH-Region so stark vertreten, dass sich kaum noch weiße Flecken auf der Karte finden. Rund 300 Marken zählen inzwischen zum Angebotsportfolio – ein Umstand, der das Publikum zum Staunen brachte. „DEICHMANN wächst inzwischen flächenbereinigt, also hauptsächlich durch die Erschließung neuer Zielgruppen. Und unsere Kunden kommen immer noch am liebsten in unsere stationären Stores, statt online zu shoppen.“
Unterschiede der Märkte
Innerhalb von Europa macht Heinrich Deichmann erhebliche Unterschiede aus. „In Großbritannien zum Beispiel sehen Herrenschuhe völlig anders aus als in Deutschland, und durch die Schuluniformen ist auch das Kinder- und Jugendangebot verschieden gelagert. Oder in der Türkei – als wir dort anfingen, fanden sich Herrenschuhe auf der Hauptfläche und Damenschuhe oben. Das haben wir in unseren Filialen geändert – und das Konzept kam gut an.“ Enormen Schwankungen sei in jüngster Zeit das USA-Geschäft unterworfen. Als zutiefst ungerecht empfindet Deichmann die Geschäftsmodelle der chinesischen Plattformen Shein und Temu: „Bisher können sie den europäischen Markt völlig unbehelligt mit teilweise schadstoffbehafteten Billigprodukten überschwemmen. Dies ist bedenklich für die Sicherheit der Verbraucher. Dazu ist es angesichts der hohen Auflagen aus Brüssel, die wir als europäische Unternehmen erfüllen, zunehmend wettbewerbsschädigend. Wir brauchen daher dringend international faire und gleiche Rahmenbedingungen.“
Wunderschönes Geschäft
Was er denn einem jungen Gründer raten würde, der ins Schuh-Metier einsteigen möchte, wollte Judith Rakers wissen. Heinrich Deichmann trocken: „Dass er sich das sehr genau überlegen soll“ – und hatte die Lacher auf seiner Seite. „Neue Technologien bieten so viele Möglichkeiten. Schuhe sind ein wunderschönes Geschäft – aber der Markt ist ziemlich ausgereizt.“
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