Kneipenkultur und Demokratie

Interview
Values
Susanne Müller
Fast schon verklärte Anklänge aus der Vergangenheit: die heimelige Kneipe als Ankerplatz des gesellschaftlichen Lebens, in der Diskussionen und Lachen gleichermaßen Platz hatten – Fremde wurden für einen Abend zu Nachbarn. Kneipen, Cafés und Bars, so der Politikwissenschaftler Dr. Oliviero Angeli, sind weit mehr als nostalgische Kulisse. Ihr schleichendes Verschwinden markiert deshalb eine stille Verschiebung im sozialen Gefüge: Warum weniger analoge Treffpunkte zu Isolation und einer fragileren politischen Kultur führen können.
Herr Angeli, Sie sagen, das Kneipensterben gefährdet die Demokratie. Wenn Gastronomie tatsächlich ein Ort ist, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung und politischer Überzeugungen zusammenkommen: Warum wird ihr gesellschaftlicher Wert in politischen Debatten fast ausschließlich auf Wirtschaftsförderung, Arbeitsplätze und Tourismus reduziert?
Dr. Oliviero Angeli: Zahlen helfen, das Ausmaß zu verstehen: Amtliche Daten, die in einer Studie von EY-Parthenon ausgewertet wurden, zeigen, dass die Zahl der Kneipen, Bars, Clubs und ähnlichen Lokalen in Deutschland zwischen 2015 und 2024 von rund 40.800 auf etwa 32.600 Betriebe gesunken ist. Sprich ein Rückgang um etwa ein Fünftel. Was dabei verschwindet, sind nicht nur Gewerbe, sondern Orte.
Das wird in politischen Debatten oft unterschätzt. Wir haben sehr präzise Begriffe für wirtschaftliche Werte: Umsatz, Beschäftigung, Wertschöpfung, Steueraufkommen. Für den gesellschaftlichen Wert solcher Orte fehlt uns dagegen häufig die Sprache. Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg hat sie schon in den 1980er Jahren als „dritte Orte“ beschrieben: informelle Treffpunkte jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, an denen öffentliches Leben nicht organisiert, sondern gelebt wird.
Gastronomie gehört in vielen Städten und Dörfern genau in diese Kategorie. Sie ist nicht nur Teil der Freizeitwirtschaft. Sie ist oft ein Ort, an dem Menschen beiläufig aufeinandertreffen, die sonst kaum miteinander sprechen würden: Menschen unterschiedlicher Generationen, Berufe, Bildungswege oder politischer Milieus.
Orte für Vertrauen
Für die Demokratie ist das wichtig, weil Vertrauen nicht nur in Institutionen entsteht. Es entsteht auch im Alltag, durch wiederholte Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Erfahrungen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert Putnam hat dafür den Begriff des Sozialkapitals geprägt: Netzwerke, Gegenseitigkeit und Vertrauen, die Gesellschaften zusammenhalten. Besonders wertvoll ist so genanntes brückenbildendes Sozialkapital, also Verbindungen zwischen Menschen, die nicht ohnehin derselben Gruppe angehören. Genau solche Verbindungen können in Vereinen, Kirchengemeinden, Sportklubs, aber eben auch in Kneipen, Cafés und Restaurants entstehen.
Natürlich wird nicht jedes Lokal automatisch zum Ort des gesellschaftlichen Miteinanders. Aber Gastronomie schafft Gelegenheiten für Begegnung, Gespräch und friedliches Nebeneinander. Dieser Mehrwert taucht in keiner Bilanz auf. Und die politische Zuständigkeit dafür ist nicht immer klar: Wirtschaftsförderung ist ein etabliertes Politikfeld mit klaren Strukturen. Gastronomie als Begegnungsort zu stärken, fällt dagegen leicht zwischen Wirtschafts-, Kultur-, Sozial- und Innenpolitik.
Immer mehr Menschen bestellen Essen nach Hause, arbeiten im Homeoffice und verbringen ihre Freizeit digital. Verliert die Demokratie damit schleichend jene Orte, an denen zufällige Begegnungen und kontroverse Gespräche überhaupt noch stattfinden?
Ich würde das nicht überdramatisieren, aber die Tendenz ist problematisch. Homeoffice, Streamingdienste oder Lieferdienste sind für sich genommen keine demokratische Gefahr. Sie können den Alltag erleichtern und vielen Menschen neue Freiheiten geben. Problematisch wird es dort, wo diese Entwicklungen zusammenwirken und unseren Alltag so verändern, dass zufällige Begegnungen mit Menschen außerhalb des eigenen Umfelds immer seltener werden.
Demokratie lebt nicht nur von Wahlen, Parteien und Parlamentsdebatten. Sie lebt auch von der alltäglichen Übung, mit anderen auszukommen: mit Menschen, die anders sprechen, anders wählen, anders leben oder andere Prioritäten setzen. Solche Erfahrungen entstehen selten in bewusst geplanten Debattenformaten. Sie entstehen eher zufällig: am Tresen, im Café, nach dem Fußballspiel, beim Dorffest oder im Gespräch mit Menschen, die man nicht aktiv gesucht hat.
Alltägliche Übungsräume
Wenn Arbeit, Konsum und Freizeit stärker in den privaten Raum oder in digitale Umgebungen wandern, verlieren wir einen Teil dieser alltäglichen Übungsräume. Im Netz begegnen wir zwar sehr vielen Menschen, aber häufig in Räumen, die unsere eigenen Vorlieben spiegeln: ausgewählt durch unsere Kontakte, Interessen und Empfehlungslogiken. Das kann Austausch ermöglichen. Es verstärkt aber oft auch die Tendenz, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben oder politische Konflikte nur noch in zugespitzter Form wahrzunehmen.
Die Einsamkeitsforschung macht diesen Zusammenhang greifbar. Wer sich dauerhaft sozial isoliert fühlt, vertraut politischen Institutionen tendenziell weniger, fühlt sich politisch weniger wirksam und ist leichter für einfache Erklärungen komplexer Probleme erreichbar. Die Bertelsmann Stiftung hat für junge Menschen in Deutschland gezeigt, dass stark einsame Befragte deutlich häufiger unzufrieden mit der Demokratie sind und seltener glauben, gesellschaftlich etwas bewirken zu können. Dass Einsamkeit inzwischen auch politisch ernst genommen wird, zeigt der internationale Vergleich: Großbritannien setzte bereits vor einigen Jahren eine eigene Regierungsverantwortliche für Einsamkeit ein; Deutschland hat Ende 2023 eine ressortübergreifende Strategie gegen Einsamkeit verabschiedet.
Das heißt nicht, dass wir alle wieder an den Stammtisch müssen. Aber eine Gesellschaft, die ihre physischen Begegnungsräume verliert, kann einen politischen Preis zahlen: weniger Vertrauen, weniger gemeinsame Alltagserfahrungen und mehr Rückzug in private oder digitale Komfortzonen.
Wenn Restaurants, Cafés, Bars und Kneipen wichtige Räume für gesellschaftlichen Austausch sind: Müsste die Politik Gastronomie dann ähnlich fördern wie Bibliotheken, Kulturhäuser oder Sportvereine – also als demokratische Infrastruktur?
Ja, aber nicht im Sinne einer einfachen Gleichsetzung. Eine Kneipe ist keine Bibliothek und ein Café keine Volkshochschule. Gastronomiebetriebe haben in der Regel keinen öffentlichen Bildungsauftrag, sondern sind privatwirtschaftlich organisiert. Aber sie können eine öffentliche Funktion übernehmen: Sie schaffen Orte der Begegnung. Genau deshalb sollten wir sie politisch nicht nur als Wirtschaftsbetriebe betrachten, sondern auch als Teil sozialer und demokratischer Infrastruktur.
Mir ist dabei die Unterscheidung wichtig. Es geht nicht darum, beliebige private Gastronomiebetriebe mit öffentlichen Mitteln zu stützen. Das wäre rechtlich und politisch problematisch. Es geht vielmehr darum, genauer hinzusehen, wo ein gastronomischer Ort tatsächlich eine öffentliche Funktion erfüllt, etwa als letzter Treffpunkt in einem Dorf, als Ort für Vereinsleben, Familienfeiern, Bürgerversammlungen oder informelle Nachbarschaftshilfe. In solchen Fällen geht es nicht nur um die Rettung eines Geschäftsmodells, sondern um den Erhalt sozialer Infrastruktur.
Funktionen verteilen
Ein besonders nachvollziehbarer Ansatz sind Mehrfachnutzungen. Eine Dorfgaststätte kann zum Beispiel zugleich Café, Vereinsraum, kleiner Kulturort, Dorfladen oder Treffpunkt für Bürgerversammlungen sein. Dann verteilt sich die Funktion des Ortes auf mehrere Schultern. Er ist weniger abhängig vom klassischen gastronomischen Betrieb allein. Solche Modelle können von Kommunen, Zivilgesellschaft und privaten Betreibern gemeinsam getragen werden – etwa genossenschaftlich oder in Kooperation mit Vereinen.
Neben solchen kommunalen und zivilgesellschaftlichen Ansätzen versucht aber auch die Branche selbst, ihre soziale Funktion stärker sichtbar zu machen. Ein Beispiel ist der „Mischtisch“, eine Initiative, die unter anderem in Bayern und Sachsen aufgegriffen wurde und Gastronomiebetriebe dazu anregt, offene Gemeinschaftstische anzubieten. Natürlich ersetzen solche Formate keine Strukturpolitik und lösen auch nicht die wirtschaftlichen Probleme vieler Betriebe. Aber sie zeigen, dass das Bewusstsein für die gesellschaftliche Rolle von Gastronomie wächst.
Ist eine Gesellschaft, die zwar Milliarden in digitale Vernetzung investiert, aber ihre analogen Treffpunkte verliert, auf dem Weg in die politische Vereinsamung?
Der Begriff „politische Vereinsamung“ trifft ein reales Problem. Gemeint ist nicht nur individuelles Alleinsein. Gemeint ist auch das Gefühl, mit den eigenen Erfahrungen, Sorgen und Interessen in der öffentlichen Debatte nicht mehr vorzukommen. Menschen erleben sich dann nicht mehr als Teil einer politischen Gemeinschaft, sondern als Zuschauer oder Übersehene. Daraus kann Rückzug entstehen, aber auch Wut: der Eindruck, „die da oben“ hörten ohnehin nicht zu, und die anderen Bürgerinnen und Bürger hätten mit dem eigenen Leben nichts mehr zu tun.
Besonders sichtbar wird das in ländlichen Räumen und Kleinstädten. Dort gibt es oft keine Alternative: kein zweites Café, kein Kulturzentrum, keinen öffentlichen Versammlungsraum. Die letzte Gaststätte ist dann häufig das letzte Forum, sprich der Ort, an dem die Bürgermeisterin nach einer Gemeinderatssitzung noch mit skeptischen Anwohnern spricht, an dem Nachbarn informell Hilfe organisieren, an dem Menschen über die Grenzen ihrer eigenen sozialen Welt hinaus zusammenkommen.
Differenz aushalten
Gerade in ländlichen Räumen können solche Orte eine Infrastruktur gegen Polarisierung sein – so habe ich es in meinem MIDEM-Papier genannt. Denn dort begegnen wir anderen nicht nur als Profilbild oder abstraktem politischen Gegenpol, sondern als Menschen mit Unsicherheiten, Alltagsproblemen und Widersprüchen. Das ist der Kern von Depolarisierung: nicht die Abwesenheit von Differenz, sondern die Fähigkeit, sie auszuhalten, ohne daraus Feindschaft zu machen.
Hinzu kommt: Das Verschwinden von Gaststätten steht oft nicht allein. Es fügt sich ein in eine breitere Erfahrung des Abbaus sozialer Infrastruktur – schlechtere Verkehrsanbindung, weniger Einkaufsmöglichkeiten, fehlende Kita-Plätze, geschlossene Arztpraxen oder Schulen. Daraus kann das Gefühl entstehen, abgehängt oder politisch vernachlässigt zu sein. Dieses Gefühl führt nicht automatisch zu Ressentiment oder zur Wahl von Rechtsaußen-Parteien. Aber es kann die Bereitschaft erhöhen, politischen Angeboten zu folgen, die genau diese Kränkung aufgreifen und gegen „die da oben“ oder gegen vermeintlich bevorzugte Gruppen wenden.
Digital trifft analog
Digitale Infrastruktur kann dieses Gefühl nicht auflösen. Natürlich ist sie wichtig, aber sie ersetzt nicht die Erfahrung, anderen Menschen unmittelbar zu begegnen. Genau das geht in digitalen Konflikten häufig verloren. Dort erscheinen andere schnell nur noch als Profilbild, Kommentar oder Vertreter einer abstrakten politischen Gegenseite. Deshalb brauchen wir beides: leistungsfähige digitale Netze und stabile analoge Orte. Milliarden für Glasfaser, Plattformen und künstliche Intelligenz können sinnvoll sein. Aber sie ersetzen nicht die sozialen Infrastrukturen, in denen Vertrauen, Zugehörigkeit und demokratische Alltagskompetenz entstehen. Die Kneipe im Dorf oder das Café im Quartier ist kein Allheilmittel. Aber ihr Verschwinden ist ein Symptom dafür, dass uns solche Orte zunehmend fehlen.
Gerade deshalb sollte die Debatte nicht nostalgisch geführt werden. Es geht nicht darum, die Uhr zurückzudrehen und die Kneipenkultur vergangener Jahrzehnte wiederherzustellen. Es geht darum, neue und alte Begegnungsorte so zu gestalten, dass Menschen wieder Gründe haben, den privaten Raum zu verlassen und einander im Alltag zu begegnen. Das kann in der Dorfkneipe geschehen, im Café eines Einkaufszentrums, auf dem Marktplatz oder in einer neu genutzten Ladenfläche. Entscheidend ist, dass wir solche Orte nicht als nebensächlich behandeln. Sie sind Teil der demokratischen Alltagskultur.
Das Interview führte
Susanne Müller