Krise adé?

Handel und Immobilien
Tacheles
Susanne Müller
Der Positivtrend an den europäischen Einzelhandelsmärkten verfestigt sich. Nachdem die Märkte bereits im ersten Quartal 2023 erste Erholungstendenzen gezeigt haben, die dann im zweiten Quartal 2023 an Kraft und Breite gewonnen haben, wies der Trendpfeil auch im ersten Quartal 2024 bei der Mehrzahl der Länder weiterhin nach oben.
Neun der insgesamt 15 im Global Retail Attractiveness Index (GRAI) von Union Investment und GfK abgebildeten europäischen Einzelhandelsmärkte legten binnen Jahresfrist zu. Insgesamt weist der Indikator jetzt 114 Punkte auf, gegenüber dem Vorjahr ist dies ein leichtes Plus von drei Zählern. Besonders kräftig fallen die Zuwächse in Großbritannien sowie in Dänemark und Polen mit jeweils zehn Punkten sowie in Schweden mit einem Plus von acht Zählern aus. Leicht zurückgegangen sind die Werte nur in Tschechien (minus vier Punkte), Deutschland (minus drei Punkte), Österreich (minus zwei Punkte) und Finnland (minus ein Punkt).
Höhere Umsätze
„Die Stimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher ist in allen 15 Märkten gegenüber dem Vorjahr gestiegen, überwiegend sogar zweistellig und besonders signifikant in Polen, UK und den südeuropäischen Märkten. Hinzu kommt eine erfreuliche Entwicklung bei den Einzelhandelsumsätzen. Beides trägt dazu bei, dass der EU-15-Index einen neuen Höchststand seit 2018 erreicht“, sagt Markus Diers, Leiter Asset Management Retail bei Union Investment.
Die Verbraucherstimmung (91 Punkte) verbesserte sich gegenüber dem ersten Quartal 2023 um zwölf Punkte, während der Einzelhandelsumsatz (138 Punkte) um fünf Zähler zulegte. Nahezu unverändert zeigt sich demgegenüber – trotz gestiegener Umsätze – die Stimmung auf der Händlerseite (95 Punkte). Auch der Arbeitsmarktindikator (137 Punkte) bleibt auf seinem Vorjahresniveau.
CEE und Südeuropa dominieren
Angeführt wird das Länderranking im EU-15-Index weiterhin von Polen (137 Punkte), das gegenüber dem Vorjahr um zehn Punkte zulegen kann. Platz zwei und drei behaupten Portugal und Tschechien mit 118 beziehungsweise 117 Punkten. Neu in die Spitzengruppe rückt Spanien mit 116 Punkten auf, gefolgt von Italien und Frankreich (115 beziehungsweise 114 Punkte). Bedingt durch das schwache Retail Sentiment erreicht Deutschland (112 Punkte) im aktuellen Länderranking nur Platz Sieben.
„Die positive Entwicklung des GRAI ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der Einzelhandel die Trendumkehr nach der Pandemie geschafft hat. Nicht zu übersehen ist gleichzeitig, dass sich der Einzelhandelsmarkt mit hoher Dynamik weiter polarisiert. Die Zweiteilung bringt vor allem im Bereich Convenience und Experience Gewinner hervor. Das heißt: auf der einen Seite Nahversorgung und auf der anderen Seite Best-in-Class-Shopping. Vor allem Shopping-Destinationen in exzellenten Mikrolagen, die unter anderem auch vom Tourismus profitieren, wie zum Beispiel das ALEXA in Berlin oder das Palladium in Prag aus unserem Portfolio, bleiben attraktiv und dürften verstärkt Investorenkapital anziehen. Außerhalb dieser beiden krisenresilienten Teilsegmente wird es hingegen zu erhöhten Transformationsanstrengungen kommen müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren“, so Andreas Löcher, Leiter Investment Management Operational bei Union Investment.
Überseeregionen hinken hinterher
Während die europäischen Einzelhandelsmärkte ihren Weg aus der Krise gefunden haben, hinkt die Entwicklung auf den nordamerikanischen Märkten noch hinterher. Vor allem aber bleibt die Region Asien/Pazifik weiter deutlich hinter Europa zurück. Der Nordamerika-Index im GRAI verbesserte sich im Jahresverlauf leicht um drei Punkte und lag zum Ende des ersten Quartals 2024 bei einem nur durchschnittlichen Wert von 99 Punkten. Der Retail Index in Asien/Pazifik verharrt auf seinem schwachen Niveau von 92 Punkten. Der Abstand zum EU-Retail-Index wächst damit auf 22 Punkte. Der leichte Zuwachs wird in Nordamerika in erster Linie von der verbesserten Stimmung der Konsumentinnen und Konsumenten (plus 15 Punkte) getragen. Dagegen belastet der Arbeitsmarkt (minus neun Punkte) den Index. Ein ähnliches Bild mit einem verbesserten Verbrauchersentiment, aber schwächelndem Arbeitsmarkt zeigt der Retail-Index für Asien/Pazifik. Zu den Gewinnern in den beiden Übersee-Regionen gehören Sükorea (plus fünf Punkte), die USA (plus drei Punkte) und Japan (plus zwei Punkte). Die größten Einbußen binnen Jahresfrist müssen Australien (minus 17 Punkte) und Kanada (minus drei Punkte) hinnehmen. Der kanadische Einzelhandelsmarkt verliert den Anschluss und befindet sich im globalen Länderranking des GRAI unverändert auf dem letzten Platz.
Susanne Müller