Mehr Bewegung bitte!

Interview
Quintessenz
Susanne Müller
Nachgefragt
Iris Schöberl
ZIA-Präsidentin
Raus aus dem Slow-Motion-Modus
Was erwarten Sie vom nächsten Jahr?
Deutschland muss den Slow-Motion-Modus verlassen. Wir verlieren politisch gerade noch mehr von der Zeit, die wir schon länger nicht mehr haben. Wichtig ist, dass die neue Regierung ganz bald steht und dann im Super-Tempo loslegt. Wir brauchen eine Politik, die getragen ist von dem Gedanken, dass nur eine starke Wirtschaft – und eben auch eine richtig produktive Immobilienbranche – als Fundament für ein Land taugt, das als Ganzes wieder stark werden muss. Denn mit über 810.000 Unternehmen und etwa 3,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist die Immobilienwirtschaft einer der größten Wirtschaftszweige. Die ökonomische und die soziale Frage sind hier näher zusammen, als manche sich klar machen. Beim Thema Wohnen zeigt sich das besonders deutlich: Investitionen bringen neue Lebensqualität – auch für die, die das besonders brauchen.
Welche Aufgaben muss die neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht am dringendsten stemmen?
Oh, hier könnte ich einen Kurzroman schreiben! Ernsthaft: Schon in der Struktur der neuen Regierung müssen die richtigen Akzente gesetzt werden. Wir brauchen ein eigenständiges Bundesbauministerium, und zwar mit erweiterten Kompetenzen. Denn auch Fragen von Mietrecht, Energie und Klima müssen bei Gesetzen gleich mitgedacht werden. Dass dies wichtig wäre, hat Dr. Rolf Bösinger, Staatssekretär im Bundesbauministerium, übrigens neulich auch mal öffentlich bei uns in einem ZIA-Talk gesagt. Weiter: Um Wohnungsneubau anzukurbeln oder zum Beispiel leer stehende Kaufhäuser oder Büroimmobilien einfacher umbauen und nachnutzen zu können, müssen Bauvorschriften radikal überdacht werden. Zwei Stichwörter nur: digital only. Ein weiterer wichtiger Punkt: Bundesprogramme für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauen müssen einfacher, attraktiver und verlässlicher gestaltet werden, um mehr Wohnraum zu fördern, energetische Sanierungen oder den Umbau von Wohn- und Wirtschaftsimmobilien zu ermöglichen. Dies nur mal als ein paar Schlaglichter.
Welche Chancen und Hindernisse sehen Sie bei der Entwicklung der Innenstädte?
Leider zeigen sich die Chancen und die Hindernisse beim selben Thema. Mehr Vielfalt bringt mehr Leben in die Citys. Die Analyse ist bekannt. Shopping ist weiter der Magnet der Innenstädte, aber wir werden auch Gastronomie, Kultur, medizinische Angebote und mehr Wohnen in den Innenstädten brauchen. Konsum pur ist passé. Wir brauchen jetzt viel mehr Freiheitsraum, um den so wichtigen Mix auch für die High-Street-Lagen in die Praxis umzusetzen. Und hier setzt unsere Forderung nach einem Umbaurecht an.
Susanne Müller