Neue Belastungen

Kollektive Unsicherheit.
Die Operation Epic Fury verursacht kollektive Unsicherheit. © SvtM – stock.adobe.com

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Susanne Osadnik

Der Ausbruch des Krieges im Iran beunruhigt deutsche Unternehmen und Verbraucher. Hatten sich zu Beginn des Jahres Konsumentenstimmung und Firmenzufriedenheit leicht verbessert, sind sie jetzt so duster wie lange nicht mehr. Die geopolitischen Verflechtungen offenbaren, wie verwundbar der internationale Handel und unser Wohlstand sind.

Wer dachte, die unberechenbare Zollpolitik eines Donald Trump wäre das aktuell größte Hemmnis, auf das sich die heimische Wirtschaft einstellen muss, wurde am 28. Februar eines Besseren belehrt: Gegen 7.15 Uhr unserer Zeit tickerte die Meldung ein, Israel habe einen „Präventivschlag“ gegen Iran ausgeführt, „um Bedrohungen zu beseitigen“. Kurze Zeit später teilte US-Präsident Trump in einem Video auf den sozialen Netzwerken mit, die US-Streitkräfte hätten einen großen Kampfeinsatz in Iran begonnen, um Raketen und die Raketenindustrie zu zerstören, die den USA sowie anderen Staaten gefährlich werden könnten. Gleichzeitig sei man dabei, die iranische Marine „auszulöschen“ – und den Weg für den Sturz des Mullah-Regimes zu ebnen. 

Binnen weniger Tage entwickelte sich das Ganze zu einem Flächenbrand im gesamten Nahen Osten: Der Iran reagierte auf die Angriffe mit eigenen Attacken auf Militärbasen und zivile Ziele in zahlreichen Ländern, in denen US-amerikanisches und israelisches Militär stationiert ist: Drohnen und Raketen schlugen in Bahrain, Irak, Jordanien, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und auch auf Zypern ein. Aber auch auf französische, britische und italienische Militäreinrichtungen gab es Anschläge. Unterstützung bei ihren Attacken erhält der Iran dabei von der schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon und der ebenfalls mit Iran verbündeten Huthi-Miliz im Jemen.

Wirtschaftsmotor stottert

Die Welt steht vor einer neuen geopolitischen Zeitrechnung – mal wieder? Oder immer noch? Die Rahmenbedingungen für ein freundliches Miteinander oder wenigstens friedliche Koexistenz oder verlässliche Bündnisse haben sich spätestens mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine radikal verändert. Seitdem scheint es immer neue Krisenherde zu geben, die humanitäre Katastrophen mit sich bringen – und den Wirtschaftsmotor stocken lassen: Der internationale Handel funktioniert nicht mehr nach den über Jahrzehnte geltenden Spielregeln. Höhere Energiepreise und unzuverlässige Lieferketten waren nach Experteneinschätzungen erst der Anfang weltweiter wirtschaftlicher Turbulenzen. 

Ein Blick auf die geopolitischen Verflechtungen demonstriert die Anfälligkeiten des Handels, ohne den es keinen Wohlstand gäbe: Die Straße von Hormuz ist ein schmaler Meeresarm zwischen dem Iran und Oman. Diesen Engpass passieren täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl per Tanker — das entspricht etwa 26 Prozent des globalen Ölhandels. Hinzu kommen 23 Prozent des weltweiten Flüssiggashandels (LNG). 

Seit die iranischen Revolutionsgarden gedroht haben, alle Schiffe, die diese Meerenge passieren, anzugreifen und damit die Durchfahrt faktisch gesperrt haben, fehlen der Weltwirtschaft neben dem Rohöl auch 85 Millionen Tonnen LNG pro Jahr. Binnen Kurzem sind die Preise für Öl und Treibstoffe massiv angestiegen. Innerhalb von drei Tagen ist etwa der Preis für Rohöl von 77 US-Dollar auf über 80 US-Dollar geklettert. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete am 5. März zwischen 81 bis 84 US-Dollar. Auf Basis aktueller Wechselkurse liegt der Preis bei etwa 70,16 Euro pro Barrel. 

Teure Risikoaufschläge

Die De-facto-Schließung der Straße von Hormus durch den Iran führt zu massiven Risikoaufschlägen. Sollte die Blockade der Meerenge länger anhalten oder Energieinfrastruktur wie etwa in Katar angegriffen werden, halten Analysten Preise von 100 bis 150 US-Dollar für möglich. „Die Importe aus dem Iran und den angrenzenden Staaten, die über die Straße von Hormus nach Europa geliefert werden, machen einen vergleichsweise geringen Teil aller Importe aus. Anders sieht es aus, wenn man nur die Öl- und Gaslieferungen betrachtet. Risiken bergen überdies indirekte Effekte über globale Lieferketten“, sagt Lisandra Flach, Leiterin des ifo-Zentrums für Außenwirtschaft. 

Nach den Berechnungen der Außenhandelsexperten liegt der Anteil der Importe aus Iran und den Nachbarstaaten, der über die Straße von Hormus in die EU geliefert wird, bei rund zwei Prozent der gesamten Extra-EU-Importe. Bei Rohöl- und Flüssiggas sind die Anteile mit 6,2 beziehungsweise 8,7 Prozent dagegen deutlich höher. Neben diesen möglichen Lieferengpässen bei einer Blockade sieht Flach indirekte Risiken: „Eine Blockade der Straße von Hormus könnte die Ölexporte der westlich der Meerenge gelegenen Golfstaaten stark einschränken. Auch wenn die direkten Auswirkungen für Europa nicht erheblich sind, stellen die indirekten Effekte durch steigende Ölpreise und Lieferkettenstörungen ein größeres Risiko für Europa dar.“ 

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht das alles offensichtlich ganz entspannt: Sie erklärte Anfang März, dass die Bundesregierung keine kurzfristigen Versorgungsprobleme ausmacht, und begründet das mit den erfolgreich diversifizierten Lieferquellen  – insbesondere aus Norwegen, den USA und den Niederlanden. 

Auch eine staatliche Spritpreisbremse, die Verbraucher und Unternehmen beim Tanken entlasten würde, lehnt sie ab, da „physisch genügend Treibstoff vorhanden“ sei. Experten weisen darauf hin, dass Deutschland zwar kaum Öl direkt aus dem Golf bezieht, der globale Preisanstieg und die Verflechtung im EU-Gassystem – etwa durch LNG aus Katar via Italien oder Belgien – dennoch zu erheblichen wirtschaftlichen Belastungen führen können.

Gift für den Konsum

Nach Einschätzung des Handelsverbandes Deutschland (HDE) wird die aktuelle Situation die ohnehin schwächelnde Konsumstimmung weiter negativ beeinflussen. „Der Ausbruch eines Krieges wird wohl kaum positive Auswirkungen auf die Stimmung der Verbraucher haben. Die Verunsicherung durch die internationalen Krisen und Konflikte steigt immer weiter. Das ist Gift für den Konsum“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. 

Gleichzeitig hält der HDE die direkt spürbaren Auswirkungen des bewaffneten Konflikts in Nahost für zunächst überschaubar. „Aktuell sind die globalen Lieferketten des Einzelhandels nicht direkt betroffen. Ausnahmen können hier allenfalls Luftfrachtverkehre sein, die über das Drehkreuz in den Golfstaaten geleitet werden und nun neue Flugrouten nutzen müssen“, so Genth. 

Die großen Reedereien hätten ihre Routen bereits seit den Angriffen der mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen im Jahr 2023 angepasst und führen bevorzugt um die Südspitze Afrikas. Daher sei davon auszugehen, dass die jüngst angekündigten Angriffe der Huthi den internationalen Seehandel nur bedingt beeinflussen werden. Zudem müsse sich erst zeigen, inwiefern die Huthi-Rebellen im Jemen überhaupt in den Konflikt eingreifen und so unter Umständen den Schiffsverkehr in der Region beeinträchtigen. Da zudem erhebliche Mengen Erdöl und Gas aus der Region kämen, könnten die Preise für Diesel und Gas aber steigen, was sich mittelfristig auf die Kalkulation der Logistikpreise auswirken könnte. 

Kosten-Tsunami bei Lebensmitteln

Im Lebensmittelhandel fürchtete man steigenden Druck durch höhere Transport- und Kühlkosten. Die Grundversorgung gilt zwar als weiterhin gesichert, aber die Preise könnten dadurch noch weiter anziehen, wie die Nachrichtenagenturen dpa/AFX berichteten: „Natürlich könnte der Krieg Kosteneffekte bei Lebensmitteln nach sich ziehen. Die Beschaffungswege sind kosten- und energieintensiv", sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts IFH Köln. Schon nach Beginn des Kriegs in der Ukraine seien die gestiegenen Aufwendungen für Lieferung, Logistik und Energie bei den Verbrauchern angekommen, so Hedde. Viele Lebensmittel wurden damals deutlich teurer. Auch Michael Grömling, Forscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), hält solche Folgen wieder für möglich: „Die aktuelle Nahostkrise dürfte die gesamte Rohstoffproblematik und damit die inländischen Produktionskosten weiter beeinträchtigen. Wann und wie stark dies auf die Lebensmittelpreise für Endverbraucher durchschlägt, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen.“ 

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) erwartet Auswirkungen auf die Produktion von Lebensmitteln und Getränken. Viele Produktionsprozesse wie Trocknen oder Backen seien auf Erdgas angewiesen. Steigende Ölpreise verteuern laut Verband Diesel- und Kraftstoffe und so insbesondere die Logistik. Gesperrte Transportwege, längere Routen und geringere Containerkapazitäten führten zu höheren Fracht- und Logistikkosten. BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff spricht von einem drohenden „Kosten-Tsunami für die Lebensmittelbranche“. 

Erholung verschoben

Auch die Mode- und Textil-Industrie sorgt sich um Lieferverzögerungen bei Importware aus Asien – zusätzlich zur ohnehin sinkenden Nachfrage durch die Konsumflaute. Und der Online-Handel muss durch höhere Versandkosten und steigende Spritpreise sowie längere Lieferketten mit Einbußen rechnen.

Das alles wäre ein herber Rückschlag. Gerade erst blickten die Unternehmen in Deutschland wieder zuversichtlicher in die Zukunft: Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Februar auf 88,6 Punkte, nach 87,6 im Januar. Die Unternehmen waren zufriedener mit ihren laufenden Geschäften, die deutsche Wirtschaft zeigte erste Signale einer Belebung – vor allem im verarbeitenden Gewerbe, im Baugewerbe sowie im Dienstleistungssektor. Im Handel hingegen hat der Index schon vor dem Irankrieg leicht nachgegeben. Die Unternehmen beurteilten ihre aktuelle Lage etwas schlechter. „Der Ausblick auf die kommenden Monate wurde jedoch geringfügig nach oben korrigiert. Während es im Großhandel leichte Aufwärtstendenzen gab, trübte sich im Einzelhandel die Stimmung merklich ein“, sagte Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts. 

Die Verbraucherstimmung, die sich noch zu Jahresbeginn etwas verbessert hatte, hat sich im März wieder eingetrübt, so das aktuelle Konsumbarometer des Handelsverbandes Deutschland (HDE): Anhaltende Unsicherheiten scheinen den Optimismus der Verbraucher weiterhin zu dämpfen. Dass die Verbraucher in den kommenden Monaten sowohl weniger in den Konsum investieren als auch weniger sparen wollen, ist laut HDE auf die pessimistischeren Einkommenserwartungen zurückzuführen.

Hoffnung auf Diplomatie

Dafür beruhigen sich die Börsen nach einer kurzen Phase großer Nervosität durch die militärischen Konflikt schon wieder: Der Dow-Jones-Index der Standardwerte notierte zum Start 0,2 Prozent fester bei 48.592 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 stand 0,3 Prozent höher bei 6.835 Punkten. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gewann 0,8 Prozent auf 22.703 Punkte. Der DAX stieg wieder über 24.000 Punkte (Stand 4. März 2026).

Die Gründe für den Stopp der Börsentalfahrt basieren auf Berichten, wonach der Iran Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Das dämpft die Angst vor einer weiteren Eskalation. Zudem haben die Ölpreise ihren rasanten Anstieg vorerst gestoppt. Dazu beigetragen hat auch die Ankündigung von US-Präsident Trump, Öltanker im Persischen Golf notfalls durch die US-Marine eskortieren zu lassen, um die globalen Lieferwege zu sichern. 

Was in der unübersichtlichen Gemengelage der vergangenen Tage allerdings fast untergegangen ist und auch die Finanzmärkte kaum zur Kenntnis genommen haben, ist die Aussage von US-Finanzministers Scott Bessent im US-Sender CNBC, wonach der US-Zollsatz auf viele Importe aus aller Welt von zehn auf 15 Prozent steigen soll. Wann genau das eintreten soll, die neue Rate gelten soll, ließ Bessent offen. 

Die US-Regierung hatte zuletzt unterschiedliche Angaben zur Höhe des weltweiten Zolls gemacht und sich dabei auch dahingehend widersprochen, ab wann welcher Satz erhoben werden soll. Die EU will eine Ausnahme von der Erhöhung erreichen.


Ein Beitrag von
Susanne Osadnik
Freie Journalistin