Neue City-Formate

Jan Riemann
Jan Riemann © ALDI SÜD

Interview
Solutions

Dr. Andreas Martin

Zunehmend passen sich große Discounter den wohnwirtschaftlichen Gegebenheiten an und rücken näher an die Menschen heran. Insbesondere Mixe-Use-Modelle sind auf dem Vormarsch. Ein Interview mit Jan Riemann (ALDI SÜD) über neue Formate und Zukunftspläne.

Was sind Standorte, die Sie neben den üblichen Stand-Alones mit Parkplätzen vor der Tür in der jüngster Zeit umgesetzt haben?

Im städtischen Umfeld setzen wir dieses Modell kaum noch um. Dazu sind die Flächen dort viel zu knapp und wertvoll. Wirtschaftlich und ökologisch sinnvoller sind an dieser Stelle Mixed-Use-Modelle. Wir haben seit Sommer vorigen Jahres davon einige fertiggestellt, weitere sind in Vorbereitung oder bereits im Bau. Beispielhaft lässt sich unser Standort in Waldbronn bei Karlsruhe nennen. Da haben wir eine Filiale mit zusätzlichen Handelsflächen, einer Tiefgarage und 115 Wohnungen entwickelt. Fertig ist auch unsere innerstädtische Filiale in Pforzheim – mit Parkdeck, KiTa und über 40 Wohnungen für betreute Senioren on top. In Tübingen, wo wir bereits über 40 Wohnplätze für Studierende angeboten haben, haben wir eine neue Filiale mit über 30 zusätzlichen Wohnungen errichtet. Weitere Projekte, die Handel mit Zusatznutzungen wie Wohnraum und KiTas kombinieren, entstehen bereits. Wir bauen sie unter anderem in Landau in der Pfalz, in Nürnberg, Frankfurt am Main, in Bergisch Gladbach bei Köln sowie nördlich von Stuttgart in Steinheim, Sachsenheim und Leutenbach. Für ähnliche Projekte in Mannheim und Ludwigshafen haben wir bereits die Baugenehmigung, weitere sind in Vorbereitung. Mixed-Use ist bei uns keine Eintagsfliege.

Welches sind die Größenordnungen, die Sie für solche Standorte anmieten?

Etwa zwei Drittel unsere Standorte befinden sich in unserem Eigentum. Das sind auch die Standorte, die wir weiterentwickeln. Dabei sind wir jedoch sehr flexibel. Je nach Partner-Konstellation und lokalen Anforderungen beteiligen wir uns auch als Mieter oder Teileigentümer an Bauprojekten. Die Grundstücksflächen von kürzlich abgeschlossenen und laufenden Mixed-Use-Entwicklungen reichen von rund 2800 Quadratmetern mitten in Pforzheim bis zu rund 12.000 Quadratmetern in Waldbronn. Wir setzen uns jedoch keine festen Grenzen, sondern schauen von Fall zu Fall: Was sind die lokalen Gegebenheiten, was wird vor Ort benötigt, und wie können wir unter diesen Rahmenbedingungen für alle Nutzer einen Mehrwert schaffen?

Was sind Must-Haves für Standorte in Innenstädten?

Als wichtiger Indikator für eine gute Nahversorgung gilt die Erreichbarkeit der Angebote, die eine zeit- und ortsnahe Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs ermöglichen. Eine Anlieferung per Lkw muss natürlich sichergestellt sein. Wichtig ist aber auch, dass der Einkauf sich ohne größeren zeitlichen und logistischen Aufwand in den Tagesablauf integrieren lässt. Wir suchen also immer die Nähe zu unseren Kunden und deren Gewohnheiten. Für eine gute Erreichbarkeit bevorzugen wir zentrale Versorgungsbereiche oder deren Nähe, gern auch in direkter Nachbarschaft zu weiteren Einzelhandelsbetrieben. Ansonsten suchen wir bebaute und unbebaute Grundstücke ab 2000 Quadratmetern oder – je nach Umfeld und Einzugsgebiet – bestehende Einzelhandelsflächen ab 500 Quadratmetern Verkaufsfläche zuzüglich Nebenräumen.

Sind Ihre Märkte noch Discounter oder schon Supermärkte?

Seit mehr als 110 Jahren beruht der wirtschaftliche Erfolg von ALDI SÜD auf einem ausgewählten Sortiment, das zu 90 Prozent aus exklusiven Eigenmarken besteht. Auch wenn die unsere Filialen mittlerweile in einem frischen, hochwertigen Look erscheinen und sich unser Angebot an die aktuellen Kundenbedürfnisse angepasst hat: ALDI SÜD steht seit jeher als Discounter für Qualität zum besten Preis und bietet Gutes für alle. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. 

Expandieren Sie weiter? Wenn ja, mit welchen Formaten?

Bei der Optimierung unseres Filialnetzes legen wir den Fokus auf Qualität statt Quantität. Das bedeutet, wir setzen weniger auf zusätzliche, dafür umso mehr auf moderne Filialen, die gut erreichbar und kompatibel zu den Alltagsroutinen unserer Kunden sind. Der Wert bemisst sich für ALDI SÜD daran, wie attraktiv der Standort auf Dauer für die Kunden ist. Ein Standort, mit dem wir nah an unseren Kunden und ihren Alltagsroutinen sind, ist für uns nachhaltig wertvoll – egal ob als alleinstehende Filiale oder als Mixed-Use-Projekt. Weil Mixed-Use-Projekte je nach Standort und Rahmenbedingungen der Schlüssel zur Weiterentwicklung unserer Filialen sind, haben sie einen entsprechend hohen Stellenwert. Wir gehen davon aus, dass diese Standorte in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen, weil immer mehr Menschen in Städte ziehen und dort leben werden. Unabhängig von diesem Trend verlieren wir die ländlichen Regionen nicht aus dem Blick. Auch dort werden wir weiter die Nähe zu unseren Kunden und ihren Alltagsroutinen suchen.

Welches ist der außergewöhnlichste Markt, den Sie in der letzten Zeit realisiert haben?

Wir testen bereits seit Jahren, unter welchen Bedingungen der Einsatz von Holz als Baumaterial für unsere Filialen ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig ist. Ende vergangenen Jahres haben wir in Duisburg einen Prototyp gebaut, dessen Grundkonstruktion oberhalb des Fundaments vollständig aus Holz besteht. Die Filiale ist kein Vorzeigemodell, sondern skalierbar. Sie ist die erste einer neuen Reihe ökologisch und wirtschaftlich nachhaltiger Bauten. Die Eröffnung war ein Meilenstein bei der Reduzierung unseres CO2-Fußabdrucks und ein wichtiges Ereignis. Außergewöhnlich ist auch unser neues Bauprojekt in Kenn bei Trier. Zum ersten Mal revitalisieren wir dort ein ehemaliges Einkaufszentrum. Der ehemalige Real-Standort nahe der Autobahn verfügt über ein rund 40.000 Quadratmeter großes Grundstück mit insgesamt drei Gebäuden. Das Herzstück der Liegenschaft bietet rund 8500 Quadratmeter Nutzfläche. Als Ankermieter stehen bereits der Vollsortimenter REWE sowie der Drogeriemarkt dm fest.  Mit unseren Partnern werden wir den Handels­standort neu beleben und ihm regionale Anziehungskraft verleihen.


Das Interview führte
Dr. Andreas Martin,
Concepta Projektentwicklung GmbH