Role-Model Überseequartier

Westfield Hamburg-Überseequartier
Das Westfield Hamburg-Überseequartier setzt urbane Maßstäbe. © ATP architekten ingenieure

Handel und Immobilien
Locations

Susanne Müller

Handelsflächen sind heute mehr als reine Konsumorte – sie prägen das Stadtgefüge und schaffen als vielseitige Mixed-Use-Modelle lebendige Begegnungsräume. Ein markantes Beispiel dafür ist das Westfield Hamburg-Überseequartier. Als Hauptkoordinator und Chefarchitektenstelle brachte ATP architekten ingenieure seine integrale Planungsexpertise ein, um komplexe Abläufe zu strukturieren und ein funktional wie gestalterisch hochwertiges Gesamtkonzept zu realisieren.

Das klassische Einkaufszentrum als isolierte Konsuminsel ist heute obsolet geworden. Um Retailräume zukunftsfähig zu machen, sollten sie komplett neu gedacht, in die urbane Entwicklung eingebunden und um den Faktor Erlebnis erweitert werden, so ATP architekten ingenieure. Gerade in Zeiten des zunehmendem Online-Handels müssten sie mehr bieten als bloßes Einkaufen: Überraschung, Atmosphäre, Begegnung und Magie. Das Erfolgsrezept: die Kombination von emotionaler Qualität und Community Building. Modelle, die attraktive öffentliche Plätze schaffen, Quartiere nachhaltig beleben und zur aktiven Stadtentwicklung beitragen, werden laut ATP architekten ingenieure auch in Zukunft erfolgreich sein.

Lebendiges Stück Stadt

Dreizehn Gebäude, 419.000 Quadratmeter Gesamtfläche, davon rund 100.000 Quadratmeter Gesamtmietfläche: Das Westfield Hamburg-Überseequartier ist ein Großprojekt der Superlative. Die Vision war ein kosmopolitischer Ort, der als multifunktionaler Stadtbaustein Anwohnerinnen und Anwohner, Touristen und Berufstätige gleichermaßen anziehen soll. Es ging darum, im Zentrum der Hamburger HafenCity ein Stadtquartier zu gestalten, das Shopping neu definiert – nicht als abgeschottete Retailwelt, sondern als offener, integrativer Raum mitten in der Stadt.

Mixed-Use als Motor

Mixed-Use-Modelle haben sich als Motor zur Belebung von Quartieren bewährt: Sie vereinen verschiedene Funktionen an einem Ort, erlauben kurze Wege sowie die Durchmischung der Nutzer und fördern die soziale Interaktion. Die Verbindung von unterschiedlichen Nutzungen ist dabei Chance und Herausforderung zugleich – nämlich, wenn es darum geht, diese nicht bloß nebeneinanderzustellen, sondern harmonisch miteinander zu verweben, um ein zusammenhängendes, in sich stimmiges Ganzes zu schaffen. Sonst zerfällt das Quartier in voneinander isolierte Zonen, sind die Experten von ATP überzeugt. Das Westfield Hamburg-Überseequartier vereint Handel, Gastronomie, Kultur und Entertainment, Wohnen, Büros und Mobilität. Highlight ist ein Kreuzfahrtterminal mit einem unterirdischen Busbahnhof. Zusammen mit attraktiven Freiflächen schöpft das Westfield Hamburg-Überseequartier das Potenzial der HafenCity voll aus und spielt eine Schlüsselrolle in der Hamburger Stadtentwicklung.

Menschenfreundliche Räume

„Städte müssen menschenfreundliche Räume schaffen – mit nachhaltigem Ansatz, viel Grün, attraktiven Wohnbereichen und kommerziellen Zonen, die mit dem urbanen Umfeld verwoben sind. Das Westfield Hamburg-Überseequartier folgt einem modernen Ansatz für innerstädtische Zentren: offene Mall, Außenräume, Integration mit der Uferzone und Verbindung von Innen- und Außenräumen“, erläutert Marek Borkowski, Geschäftsführer ATP Krakow, Hauptkoordinator und Chefarchitekt des Westfield Hamburg-Überseequartiers.

Synergieeffekte steigern Dynamik

In den ersten drei Monaten nach seiner Eröffnung im April 2025 verzeichnete das neue Quartier bereits vier Millionen Nutzer. Und Analysen zeigen: Es macht der Hamburger Innenstadt keineswegs, wie von manchen befürchtet, Besucher streitig. Im Gegenteil, dort sind die Frequenzen sogar gestiegen, versichern die Betreiber des ÜSQ. Das Westfield Hamburg-Überseequartier ziehe also nicht nur selbst neues Publikum an, sondern führe zu einer Belebung der Innenstadt insgesamt – ein Synergieeffekt, der die urbane Dynamik stärke.

Better Places 2030

Unter der Agenda „Better Places 2030“ engagiert sich der Auftraggeber Unibail-Rodamco-Westfield für einen hohen Nachhaltigkeitsstandard mit positiven ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Impulsen für Stadt und Gesellschaft. Das Westfield Hamburg-Überseequartier soll als „Stadtraum von morgen“ nicht zuletzt als Experimentier- und Praxisfeld für nachhaltige Ideen fungieren. Als erstes Großprojekt Deutschlands erhielt es die neue DGNB-Zertifizierung für nachhaltige Baustellen. Maßnahmen wie der Schutz von Ressourcen, recyclingfähige Materialien für die Konstruktion sowie Energie sparende Lösungen stehen für den ressourcenschonenden Ansatz des Projekts. Sämtliche Gebäude sind mit dem BREEAM-Excellent-Standard zertifiziert, mehrere Bürogebäude tragen das Zertifikat DGNB-Gold, eines erhielt eine LEED-Zertifizierung. Die Bauarbeiten erfolgten unter Berücksichtigung ökologischer Kriterien. Rund 90 Prozent des verwendeten Zements ist CO2-arm, was rund 23.800 Tonnen CO2 einspart. Zudem konnte durch die innerstädtische Nachverdichtung die Versiegelung von etwa 8000 Quadratmeter Natur- und Agrarfläche vermieden werden. „Nachhaltigkeit bedeutet heute mehr als grüne Architektur – es geht auch um wirtschaftliche Effizienz, soziale Aspekte und menschengerechtes Design. Da wir den Auftraggeber gut kennen, konnten wir die Nachhaltigkeitsstandards in seinem Sinne umsetzen“, so Marek Borkowski.

Auf Vertrauen gebaut

„Als uns Unibail-Rodamco-Westfield im Jahr 2018 mit der Koordination des Großprojekts Westfield Hamburg-Überseequartier beauftragte, wussten wir: Diese Aufgabe wird besonders. Besonders spannend und besonders anspruchsvoll“, erzählt Marek Borkowski. Die Beauftragung kam für den Geschäftsführer von ATP Krakow – vormals IMB Asymetria, seit 2023 Teil der ATP-Gruppe – nicht überraschend, sondern war die Fortsetzung einer bewährten Zusammenarbeit. Bereits beim Wroclavia Shopping Center in Breslau konnte sich Unibail-Rodamco von seiner Expertise im Bereich Retail überzeugen – mit einem Konzept, das gestalterische und technische Qualität mit einer klaren Bezugnahme auf den städtebaulichen Kontext verbindet. Schon in der Planungs- und Bauphase erhielt der kommerzielle Teil des Wroclavia die BREEAM-Zertifizierung mit dem Prädikat „Excellent“. Das Projekt erhielt außerdem die Auszeichnungen „Best Retail Architecture Europe“ und „Best International Retail Architecture 2018–2019“. Ein weiteres Projekt, bei dem Unibail-Rodamco bereits mit ATP architekten ingenieure zusammenarbeitete, war die Revitalisierung der Shopping City Süd in Vösendorf bei Wien – des größten Einkaufszentrums Österreichs. Im Rahmen der Generalsanierung wurde der weitläufige Komplex aus dem Jahr 1975 samt mehrerer Um- und Zubauten nicht nur einer umfassenden technischen Erneuerung unterzogen, sondern auch durch ein stimmiges Gesamtkonzept gestalterisch aufgewertet.

Wie ein präzises Uhrwerk

Für die einzelnen Teilprojekte des Westfield Hamburg-Überseequartiers war ein internationales Kollektiv aus mehr als 30 Architektur- und Fachplanungsbüros zuständig, mit ATP Krakow als Hauptkoordinator und Chefarchitektenstelle. Geschäftsführer Marek Borkowski orchestrierte mit seinem Team sieben Jahre lang den Entstehungsprozess des urbanen Quartiers. Insgesamt verantwortete ATP die BIM-basierte Planungskoordination, die Ausführungsplanung einzelner Teilbereiche sowie das Interior Design der Retailflächen von 100.000 Quadratmetern Mietfläche. Ein Mixed-Use-Projekt dieser Größenordnung mit unzähligen funktionalen, technischen und architektonischen Schnittstellen zu managen, gleicht einem präzisen Uhrwerk, in dem jedes Zahnrad reibungslos ins andere greifen muss. Die Aufgabe von Marek Borkowski und seinem Team war, diese Vielfalt nicht nur zu koordinieren, sondern in eine gemeinsame architektonische Sprache zu übersetzen – mit klaren Verantwortlichkeiten, durchdachter Struktur und einem funktionierenden Miteinander. Auch wenn die Gebäude des Quartiers nicht integral geplant wurden, konnte ATP seine Expertise als integraler Planer nutzen, um gezielt Schnittstellen abzubauen. Die jahrzehntelange Erfahrung in der interdisziplinären Zusammenarbeit aller Fachbereiche war ein entscheidender Vorteil, um der enormen Komplexität des Projekts Herr zu werden.

BIM als Gamechanger

Die Planung des Projekts war durch zahlreiche Schnittstellen geprägt – bedingt durch unterschiedliche Planungsverantwortliche, eine heterogene Softwarelandschaft sowie die große Dimension des Bauvorhabens. Als zentrales Steuerungsinstrument nutzte ATP Building Information Modeling (BIM). Die modellbasierte Arbeitsweise ermöglichte die Koordination zahlreicher Planungsbeteiligter und war der Schlüssel zur Komplexitätsbewältigung. Zudem konnten komplexe Anforderungen – insbesondere hinsichtlich der verkehrlichen Erschließung – strukturiert abgebildet werden. Infolge der Übernahme des Projekts verschlankte ATP gezielt die Schnittstellen. Die integrale Planungsmethodik sowie klare Vereinbarungen zu Arbeitsprozessen und Verantwortlichkeiten im Vertragswesen sorgten letztendlich für einen durchgängigen und koordinierten Ablauf.

Zukunft urbaner Entwicklung

Das Projekt Westfield Hamburg-Überseequartier zeigt, wie Retail als Impulsgeber für urbane Räume fungieren kann. Mit seinem durchdachten Mixed-Use-Konzept gilt es als Vorbild für neue Handelsräume, die über reine Konsumorte hinausgehen und als lebendige Quartiere Begegnung, Vielfalt und Nachhaltigkeit fördern. ATP architekten ingenieure trug als Hauptkoordinator und Chefarchitektenstelle entscheidend dazu bei, diese Vision umzusetzen. Durch die Erfahrung in der integralen Planung, den Einsatz von BIM und die konsequente Umsetzung hoher Nachhaltigkeitsstandards gelang den Experten, die Komplexität des Projekts zu strukturieren, Schnittstellen zu reduzieren und höchste Qualität auf allen Ebenen zu sichern. So entstand ein Quartier, das funktional, gestalterisch und städtebaulich überzeugt – und als Maßstab für zukünftige Retailräume gelten könnte.

Susanne Müller