Smarte, safe Städte der Zukunft

Dr. Thomas Spies
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, Magistrat der Stadt Marburg, begrüßt das Plenum. © Georg Kronenberg / GCSP

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Susanne Müller

„Jede Stadt präsentiert sich anders und zeigt ihre Stärken“, freute sich GCSP Vorstand  Harald Ortner über den Anklang des Formats Kommunal Konferenz und eröffnete somit den zweiten Teil der Veranstaltung im Congresszentrum Marburg. Im Foyer: ein originaler, knallroter Formel-Eins-Ferrari von Michael Schumacher. Durch die mit rund 60 Teilnehmern besetzte Konferenz führte gut gelaunt Jan-Bernd Röllmann, Geschäftsführer Stadtmarketing Marburg. 

Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies sei sehr stolz auf „seine“ Stadt Marburg. „Ich lebe hier seit 60 Jahren und entdecke immer noch Feinheiten“, freute er sich. Insbesondere der kleinteilige Einzelhandel sei ein steter Quell für Inspiration. Als Beispiel für eine erfolgreiche städtische Initiative nannte er das Stadtgeld: Als nach dem ersten Lockdown im Sommer 2020 die Kunden ausblieben, gab’s für jeden Einwohner einen 20-Euro-Gutschein, für Kids sogar 50 Euro, die sie ausschließlich in betroffenen Betrieben einlösen konnten. Und siehe da: Die Auslastung lag plötzlich wieder bei 120 Prozent – eine Investition, die sich gelohnt und zu dauerhaft stabilen Frequenzen geführt habe. „Viele Win-Win-Projekte beleben die Innenstadt, und weitere unerwartete Highlights wollen wir noch setzen. Geplant ist ferner ein Nachhaltigkeitszentrum“, gab er einen Ausblick. „Lokale Vernetzung, so das im Vorjahr eingeführte Wirtschaftsdinner, ist von enormer Bedeutung“, stellte Spies klar. „Wir entwickeln ein Life-Science-Ökosystem – eine Zukunftsbranche erster Ordnung. Stärken Start-Ups und holen neue Akteure heran.“

Zuverlässige Datenbasis

Der Projekteiter der Smart City Marburg, Dr. Martin Graffenberger, erläuterte das Prinzip von Frequenzmessung und Sensorik. Seit März 2024 werden an sechs relevanten Standorten Personen, Autos und Fahrräder erfasst. Aus den Messparametern lässt sich ablesen, welchen Effekt Veranstaltungen und verkehrstechnische Maßnahmen auf die Frequenzen  haben – als faktenbasierte Planungsgrundlage für die Stadtverwaltung, fürs Stadtmarketing und das Ordnungsamt oder auch als Grundlage für Sicherheitskonzepte. Im Ausbau befindet sich ein LoRaWAN-Netzwerk, das mittels batteriebetriebener Sensoren unter anderem Umweltdaten wie Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit an eine IT-Plattform übermittelt. Monitoring zur Baumgesundheit gehört dazu, sodass zum Beispiel Jungbäume effizienter bewässert werden.

Marketing at its Best

Ihr „Herzensprojekt“ marburgliebe brachten Projekt- und Veranstaltungsmanagerin Lea Sophie Michel und – live aus Thailand zugeschaltet – Social-Media-Managerin Luzie Marie Hegele vom Stadtmarketing Marburg den Teilnehmern näher und bekamen für ihr Projekt viel Applaus. Ihre Strategie: bei der Betreuung der Social-Media-Kanäle wie Instagram und TikTok neben den obligatorischen Inhalten auf witzigen Content zu setzen und eine interaktive Community aufzubauen. Bewegtbilder, Handyaufnahmen der User, Straßen-Umfragen, helle und farbenfrohe Gestaltung statt Hochglanz-Look vermitteln ein buntes Stadtbild. „Hey Marburg“ lautet fröhlich der Slogan und holt die Nutzer binnen Sekunden ab. Formate wie „Laden-Lieblinge“ und „52 things to do in Marburg“ binden lokale Geschäftsleute ein und haben neben Unterhaltungs- auch Informationswert. Knapp acht Millionen Views auf den Instagram-Reels in den letzten 90 Tagen sprechen für sich.

News aus der Smart-Stadt Bochum

Aus dem Austragungsort der vorigen Kommunal Konferenz, der Smart City Bochum, war Chief Digital Officer Denes Kücük angereist. Bürger, Unternehmen und kommunale Mitarbeiter verlangen nach einfachen, gut funktionierenden Lösungen, unkomplizierten Verfahren und effizienten Prozessen, merkte er an. Das städtische Serviceportal als digitale 24/7-Dienstleistungspattform – vom ticketlosen Parken bis zur Dokumentenausgabebox – mache den Standort Bochum aus. Eine Veränderungskultur und moderne Strukturen bringen in der Ruhrpott-Metropole die Dinge in Bewegung. „Man muss die Bürger abholen und sie dazu bewegen, als Tester für smarte Prozesse zu fungieren“, so seine Erfahrung. „Wir müssen Tempo machen, transparent vorgehen und echte Probleme von echten Menschen lösen.“

Best-Practice Digitalisierung

Wo Digitalisierung hervorragend funktioniert, ist das Münsterland-Städtchen Ahaus. Aufgrund von Personalmangel hätten dort immer mehr Betriebe und Freizeiteinrichtungen schließen müssen, berichtete Dieter van Acken, Botschafter The Embassy Tobit.Labs. Bis die Digitalisierung Abhilfe schaffte. So gibt’s in Ahaus jetzt ein Hotel, das völlig ohne Personal auskommt – von Reinigungskräften abgesehen – und wo die Gäste alles per Smartphone selbst händeln. Der Bootsverleih für Touren entlang des Wasserschlosses lässt sich ausschließlich per Handy buchen. Auch im Park in Boxen hinterlegte Spielgeräte für den spontanen Fun lassen sich online öffnen. Ob unbemannter Hofladen, digitale Speisekarte, das Restaurant ohne Küche, beliefert von einem externen Caterer, oder Buchung von Gutscheinen, den Ahausern ist Digitalität in Fleisch und Blut übergegangen. Wie das funktioniert? Eine Über-App dient als einfacher Zugang und leitet zu Mini-Apps weiter, die von Intelligent Agents betreut werden. Das System gibt eine persönliche Note und ist sogar lernfähig. Van Acken bot sich als Unterstützer für Kommunen, die Ähnliches planen, an.

Genehmigungen im Eiltempo

Hochinteressante Einblicke zum Thema „bürgerliche Stadt“ gewährte Professor Dr. Martin Kment von der Uni Augsburg. Das Thema „Beschleunigte Genehmigungsentscheidungen durch KI“ wusste er unterhaltsam aufzubereiten. So berichtete er von unter Aktenbergen ächzenden Verwaltungen vor dem Hintergrund verdreifachter Einzelaufträge, immer komplexerem EU-Recht und der Fachkräftelücke – alles Sachgründe, um eine Digitalisierung voranzutreiben. „Was wir brauchen, ist End-to-End-Digitalisierung für sämtliche Verfahrensschritte“, forderte er. „Automatisierung per KI dient zur Entlastung der Mitarbeiter, spart Zeit und bringt Qualitätsgewinn. Es kann doch nicht angehen, dass ich weiß, wo mein Amazon-Paket ist, aber nicht mein Behördenantrag! Deutschland braucht mehr Mut und Geschwindigkeit, steckt digital aber noch im Mittelalter.“ Sich ein Beispiel am Ausland zu nehmen, sei da nicht verkehrt. Die AI entsprechend mit Daten, Synonymen und Rechtsquellen zu füttern, also das Feintuning, bleibe Sache des Menschen. „Wir werden digitale Städte bekommen, und Filme entstehen, während wir zuschauen“, gab er einen Ausblick. „Roboter und Mensch werden interagieren, das Metaverse wird eigene Welten erschaffen.“

Impulse vom Podium

Der anschließenden Podiumsdiskussion schlossen sich Dr. Sarah Versteyl, Geschäftsführerin der Architektenkammer NRW, Thomas Binsfeld von der Landmarken AG und Kiels parteiloser OB-Kandidat Gerrit Derkowski an. Erkenntnisse aus dieser Runde: Auf Kommunen zuzugehen, Verbindlichkeit und Vertrauen zu schaffen, sei unerlässlich. Oft bremse aber die eigene Verwaltung solche Prozesse aus, anstatt KI in die Stadt zu holen. Dr. Vesteyl berichtete vom so genannten Oldtimer-Modell: Ungenutzte Bestandsgebäude, die das Verfahren bereits einmal durchlaufen haben, bleiben genehmigungsfrei – ein Projekt, das die Architektenkamer NRW gerade in ein Gesetz zu gießen versucht. Zudem sei sie mit dem Aufbau einer digitalen Wissensdatenbank befasst, und auch der digitale Gebäude-Zwilling soll kommen.

Prävention gegen Cyber-Hacks

Dem Thema digitale Resilienz widmeten sich abschließend Ethic-Hacker Immanuel Bär, Prokurist und Co-Founder ProSec GmbH, sowie – auf der Leinwand zugeschaltet – der Leiter des Krisenstabes der Stadt Koblenz, Stefan Kux. Bär verwies auf zahlreiche IT-Sicherheitsvorfälle in Kommunalverwaltungen – darunter Bitterfeld, das nach einem Angriff 207 Tage lang bürgernahe Dienste nicht mehr erbringen konnte. Von Betroffenen zu lernen, legte er den Teilnehmern dringend ans Herz. Und: „Immer aus dem Blickwinkel der Hacker denken.“ Mit diversen Beispielen zeigt er anschaulich, wie leicht gerade Smart Cities mit ihren vielen Schnittstellen angreifbar sind: „Nichts wächst so schnell wie Cyber-Crime“, warnte er. Sein Rezept: das Eintrittsrisiko reduzieren, die Reaktionsfähigkeit steigern und alle an einen Tisch setzen – vom Krisenstab über die IT bis zur Wirtschaft. In Koblenz läuft das offenbar sehr gut. So berichtete Stefan Kux von Vorbereitungen gegen eine Gas- und Energiemangellage und Zivilschutz gegen Folgen des Klimawandels. Ein mit Experten besetzter Fachbeirat für Cybersicherheit ist Impulsgeber für neue Ideen. Realistische Übungen dienen zur Prävention. Immanuel Bär erzählte zudem von einem Bildungsangebot in einer Schule, das viral ging und mit dem er jetzt auf Road­show geht. 

Viele coole Socken

Fazit zur Kommunal Konferenz zogen das Orga-Team mit Martin Bieberle, Ralf Meyer und Jan-Bernd Röllmann mit Jana Schönemann und GCSP Generalsekretär Ingmar Behrens: coole Socken getroffen, herausragende Vorträge genossen, eine wunderschöne Stadt kennengelernt, entspannten und lockeren Austausch gepflegt – so der Tenor. Marco Eißing, Teamleiter für Stadtteilentwicklung in Essen, überbrachte persönlich die gute Botschaft, dass die nächste Kommunal Konferenz kommendes Jahr in der Ruhr-Stadt durchgeführt wird.

Susanne Müller