Store-Konzepte mit Wow-Effekt

LOOP5
Rundgang durchs LOOP5. © Jörn Wolter / GCSP

German Council
Restart

Susanne Müller

„Ganz schöne Fallhöhe“, staunten einige Teilnehmer der Powerdays des German Council of Shopping Places (GCSP) beim Blick aus der Vogelperspektive auf den Klettergarten. In Deutschlands erstem Retailtainment-Center LOOP5 in Weiterstadt gab’s für die rund 120 Branchen-Insider des zweitägigen Kongresses nicht nur jede Menge Freizeitattraktionen zu bestaunen, sondern auch anregenden Input.

„Referenten aus der Praxis anstatt Theoretiker“ kündigte das Moderatoren-Duo Dr. Andreas Martin (CONCEPTA Projektentwicklung) und Jens Betge (Jens Betge Real Estate Management) für die Retail und Leasing Konferenz am ersten Tag an. „Der Einzelhandel scheint auf der Intensivstation zu liegen – andererseits expandieren Marken. Was machen sie anders?“ Auf diese Frage gab’s profunde Antworten aus berufenem Munde.

Gerade richtig expandieren

Auf Wachstumskurs ist zum Beispiel das schwedische Modelabel Lager 157. Mit Basic Fashion in cleanem Design zu moderaten Preisen umfasst das Unternehmen mittlerweile 85 Stores in fünf Märkten und peilt fürs laufende Jahr 25 Neueröffnungen an. Unterstützt von Expansionsberater Reinhard Blanke (LAGOM), berichtete Lager-Expansionschef Jonas Ivarsson von der Arbeit über Direktkanäle, faire Konditionen und einer Fokussierung der Kollektion auf lediglich 500 Stücke, die alle Bevölkerungsgruppen ansprechen soll und vor allem von jungen Leuten regelrecht gehypt wird. In Deutschland visiert Lager 157 binnen fünf Jahren rund 100 neue Standorte auf Flächen von 2000 bis 3000 Quadratmetern an – der bisher einzige Shop befindet sich in Bremen. Nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern gerade richtig, lautet die Devise der Brand beim Expansionstempo.

Von Katzen und Cookies

Innenstädte funktionieren nicht ohne Gastronomie – je origineller, desto besser. Sascha Pillmann-Behr und Sascha Nobbe (JUSA Expansionsberatung) präsentierten denn auch zwei innovative Konzepte. Vor allem das Franchise-Format Katzentempel kommt gut an, ein veganes Restaurant, in dem lebendige Samtpfoten den Gästen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. „Rentner, Teenies, junge Familien – Banker und Punks – im Katzentempel kommen sie alle miteinander ins Gespräch“, so Pillmann-Behr. 16 Standorte gibt’s in Deutschland, und die Umsätze sollen siebenstellig sein. Enorm ist auch die Reichweite in Social Media, TV und Presse. Katzentempel-Restaurants benötigen Tageslicht und 200 bis 400 Quadratmeter Fläche. Lange Warteschlangen gibt’s auch bei Eröffnungen von Cookie Couture, ein Format, das auf warm servierte und frisch verzierte Cookies setzt. Allein das Opening in Stuttgart generierte mehr als zwei Millionen Views auf Instagram und TikTok.

Kaufhaus für Kinder

„Keep it simple“ lautet die Firmenphilosophie von Smyths Toys. Philipp Schwake, Operation Director Central Europe, bezeichnete die kontinuierliche Verbesserung des Konzepts als wichtigsten Wert. Das Unternehmen, das in 2018 auch den Konkurrenten Toys R Us übernahm, steht für Spielwaren, Outdoor und Baby sowie optimal abgestimmte Kundenservices, ob auf der Fläche oder im Omnichannel-Bereich. „Ein Kaufhaus für Kinder und Eltern, die noch Kind sind, mit starken Spielwaren-Namen und vielen Eigenmarken“, beschrieb Schwake das Geschäftsmodell. Fürs laufende Jahr sind bis zu zehn neue Niederlassungen geplant. Wichtig ist für Smiths Toys vor allem eine gute Anbindung, denn in der Saison geht viel große Ware in den Verkauf. Mit den etwa 1000 Quadratmeter großen Stores, die schnell aufgebaut sind, will Smyths Toys sich nun zunehmend in Shopping Centern ansiedeln – bisher waren Fachmarktzentren die bevorzugte Umgebung.

Rein stationärer Handel

„Irische Erfolgsgeschichte“ hat Primark geschrieben – in Deutschland längst bekannt und dementsprechend fest im Sattel. Gegründet 1969 in Dublin, ist das Fashion-Label inzwischen mit 450 Shops auf 17 Märkten präsent – 27 davon in Deutschland, der erste eröffnete 2009 in Bremen. Allein 2023/24 kamen konzernweit 22 neue Filialen hinzu. Hierzulande stehen in diesem Jahr Openings im Donau-Einkaufszentrum Regensburg und im Ostsee Park Rostock an, und zwar mit einem neuen, kompakten Store-Konzept. Retail Director Lisa Shannon stellte die Bandbreite vor: erschwingliche Mode für alle, mit Lizenzware unter anderem von Disney und Barbie, Mode für Menschen mit Handicap, Kinderbekleidung, einer Premium-Linie und einer Herren-Kollektion. Das Besondere: Primark agiert ausschließlich stationär, was eine geringe Rückgabequote zur Folge hat. Das Unternehmen investiert beständig in die Filialen und legt den Fokus auf effiziente Technologie und Lagerhaltung.

Riesen-TamTam in Hamburg

Viel Lob für seine  Offenheit bekam Lars Sammann (CBRE), Center Manager des Hamburger Hanseviertels. Dort ist im Juli 2024 mit bundesweiter Beachtung Le Big TamTam an den Start gegangen, ein Gastro-Court, der nach 17 Jahren Stillstand eine brach liegende Fläche „mit einem Kracher“ reaktiviert hat. Beteiligt ist die Berateragentur tellerrand consulting: Die Experten holten sechs angesagte Hamburger Gastronomen ins Boot, die ihre Stände um eine stylishe zentrale Bar gruppiert haben. Sammann sprach von großem Echo mit 3000 Besuchern täglich und einer Million Euro Medienwert. Doch er schlug auch kritische Töne an: „Auf der Baustelle ist fast alles schiefgegangen – insbesondere der historische Charakter des Hanseviertels hat uns viele Probleme bereitet. Auch Bestellungen über Scan-Order-Pay funktionieren noch nicht so gut, weil das Netz zu schlecht ist.“ Dennoch: „Le Big TamTam ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man etwas mutig in die Hand nimmt. Das Haus hat auf jeden Fall gewonnen.“

Kids nicht vergessen

Eline Hutten reiste aus den Niederlanden an und erzählte die Geschichte von Kiddieland: Ihre Eltern hatten die Grundidee 1989 aus den USA mitgebracht, das erste Kiddyland ging 1995 in Betrieb. Aktuell bespielt das Unternehmen mehr als 100 Locations in Holland, Deutschland und Österreich. Neben Kiddy-Rides und kleinen Karussells bespaßen Mini-Bahnen und interaktive Spiele die kleinen Gäste – ein Mix aus Kinder- und Familienentertainment. Dass die knallbunten „Fuhrparks“ Frequenzen generieren, davon ist Eline Hutten überzeugt: „Quality Time gibt es nicht online. Die jüngste Zielgruppe darf in einem Einkaufszentrum nie vergessen werden. Wir haben maßgeschneiderte Lösungen für nahezu jedes Center und planen bis zu 25 neue Standorte pro Jahr.“ Neu ist die Coool! Arena, die 2024 erstmals in den Mercaden Böblingen eröffnet hat, ergänzt mit actionreichen Arcade-Games. Die große Arena-Version umfasst sogar Bowling und Darklight-Golf und ist voraussichtlich ab Mai im Forum Schwanthalerhöhe in München zu erleben.

Mit Passion zur Sache

Begeisterung, Passion und klare Fokussierung auf die Kundenbedürfnisse strichen die Moderatoren als Fazit des ersten Tages heraus: „Der Mensch muss im Vordergrund stehen, und zwar auf authentischem Weg, wenn wir unsere Marken wirklich leben.“ Das anschließende Business-Dinner fand äußerst ungewöhnlich zwischen Kinderwagen und Babybettchen auf der Retailfläche von BabyOne statt.

Susanne Müller