Traumkarriere – und dann?

Robert Harting
Robert Harting

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Susanne Müller

Von einem Rekord zum nächsten jagen, grandiose Triumphe feiern – und dafür alles geben: Robert Harting hat ein solches Leben gelebt. Ein Star in der Disziplin Diskuswerfen, mehrfacher Welt- und Europameister. 2012 gab’s Gold bei den Olympischen Spielen in London. Von UPs bis Downs: Er hat alles durch. Und Lebensweisheiten daraus gezogen.

Robert Harting stammt aus einer extrem sportlichen Familie. Vater Gerd und später Bruder Christoph ebenfalls erfolgreiche Sportler, Mutter Bettina Kugelstoßerin. Beide Elternteile waren dank ihrer sportlichen Leistungen in der ehemaligen DDR höchst angesehen. Klein-Robert verlegte sich mit acht oder neun Jahren aber erst einmal auf Handball und Fußball, wie so viele Jungs in dem Alter. Doch Enttäuschungen folgten auf dem Fuße und verleideten ihm den Spaß. „Ich bin nicht recht weitergekommen, mit den Trainern gab’s mitunter Ärger, und das habe ich persönlich genommen. Zumal ich im Handball ausgeschlossen wurde, da angeblich Beiträge nicht bezahlt wurden.“

Eigene Entwicklung steuern

Zum Glück gab’s Plan B: die Leichtathletik. „Sie ist toller Breitensport, sorgt für Vitalität in der Bevölkerung. Mir persönlich hat der Wechsel nur Freude gebracht. Alles Schamgefühl früherer Demütigungen war plötzlich weg.“ Folgerichtig besuchte Robert Harting ab dem zwölften Lebensjahr die Lausitzer Sportschule. Die Auswahlkriterien waren streng: Nur je elf Mädchen und Jungen pro Jahrgang trainierten neben dem schulischen Unterricht in einem Ganzheitskonzept acht- bis zehnmal pro Woche in der Sporthalle oder im Gelände.

Vermisst hat Robert Harting in diesen Jugendjahren nichts. „Wir haben unsere Freunde im Sport gefunden. Klar, wenn der Trainer mal schimpfte, war man traurig. Aber wir hatten unsere Mannschaft um uns herum und waren happy. Wenn ein Kind sich leidenschaftlich mit etwas beschäftigt, sind auch die Eltern glücklich.“ Heute ist er überzeugt: „Wahre Leidenschaft entsteht erst, wenn man sich über einen langen Zeitraum bestimmten Dingen aussetzt. Wer die eigene Entwicklung zu steuern vermag, wie den Biomechanismus, die Muskelbewegung und das Orchester der Befehle im Körper, erlebt Glücksgefühle. Diese Erfahrung habe ich im Teenager-Alter gemacht – und eine Art Optimierungszwang entwickelt.“

Leistungen zurückfahren

Gut oder nicht? Robert Harting sieht’s zweischneidig. „Heute, nach der sportlichen Karriere, muss ich meinen Leistungswillen 800 Prozent zurückfahren und eine Balance finden. Acht bis 14 Arbeitsstunden sind für mich normal und quälen mich nicht. Früher habe ich nach dem Belohnungsprinzip funktioniert: Medaillen und Preisgelder waren mein Antrieb. Heute, in meinem neuen Job, entscheiden ganz andere Dinge wie die Prinzipien des Marktes. Die Leidenschaft wird nicht mehr so oft getriggert.“

Das Phänomen Drop-out

Robert Harting hat seine herausragende sportliche Karriere 2018 beendet. Leicht fiel dieser Entschluss nicht. „Zuerst denkt man, ich brauche das nicht mehr. Aber dann schaut man in jede Ecke – wohin geht der Weg? Sport hat feste Regeln und einen Rahmen, und wer sich dort am Rand bewegt, empfindet Langeweile. Doch erst aus dem Kontrast vom Leistungssportler hin zum normalen Leben lassen sich bestimmte Dinge einordnen. Drop-out heißt dieses Phänomen, und das kennen auch sehr viele Top-Manager. Nach glorreichen Jahren haben sie oft Schwierigkeiten, sich auf neue Leistungslevel einzupendeln. Da fehlt anfangs einfach die soziale Säule der Identität, und wie man immer funktionierte. Von Orientierung zu Desorientierung – das ist ein harter Bruch und leider nicht selten.“

Kein Lohn für Leistung

Opfergabe, Disziplin, Motivation, das seien in der Gesellschaft mittlerweile schwierige Worte, meint Robert Harting: „Leidensfähigkeit kann man nicht lernen, die hat man. Das ist ein großes persönliches Plus. Aber ich finde, heute wird Leistung nicht mehr gebührend belohnt. Das ist eine Fehlentwicklung, und diese Einstellung bedroht das ganze Land. Beispielsweise wenn ein Kind bei den Bundesjugendspielen lediglich mit einer Teilnahmeurkunde abgespeist wird, ist das traurig. Doch Eltern beginnen, eine Petition gegen die Bundesjugendspiele zu starten, weil ihr Kind weint. Leistung und Leidenschaft sind nicht alles, aber total tolle Themen! Und Menschen, die solche Werte coachen können, sind ein echter Gewinn.“

Robert Harting hat sich heute sportlich zurückgezogen, macht  Situps, bewegt sich, um nicht aus der Puste zu kommen. Er möchte Energie sparen für Kids und Familie – „meine Frau findet ja, ich sollte mehr machen“, lacht er. Und gibt dann doch leise zu: „Aber ich brauche auch Druck, um aktiv zu werden.“

Sport bringt Mehrwert

Ausgleich findet er bei der Agentur brandstalentsrights: Als CEO und zuständig für Kreation und Strategie entwickelt er Kommunikationskonzepte für Athleten und Unternehmen – eine Schnittmenge zwischen einst und jetzt. „Sport ist Entertainment“, meint er. „Er bringt den Menschen einen Mehrwert, vermittelt Emotion, Werte, Haltung – so genannte Brand Values, die im Leben einer Marke wichtig sind.“ Gerade Sportler bräuchten extrem viel Hilfe bei der Umsetzung ihrer Themen. „Da geht’s um Außenwirkung und Marketing in Verknüpfung mit der Gesellschaft. Sie sind ja nicht zuletzt Botschafter eines Healthy Lifestyles.“

Mehr Development wäre super

Und dann kommt Robert Harting auf unsere Frage, was Business People sich denn abschauen können, mit einer überraschenden Aussage um die Ecke. „Ich finde, der Sport müsste von der Wirtschaft lernen und nicht umgekehrt. Nicht den Leistungsgedanken umfassend, aber auf der Ebene der Konsequenzen bei Entscheidungen. Fehler bleiben im Sportsystem – und leider auch in der Politik – meist ohne Folgen. Ich wünsche mir mehr Mini-Projekte, um sich im Spiel zu halten. Mehr Kreativität. Ein Programm außerhalb der Komfortzone. Die Dinge zueinander bringen, große Ideen umsetzen. Mehr Development – das wäre super!“

Susanne Müller