Tugenden von heute

Aktuelles
Values
Susanne Müller
In Zeiten, da gesellschaftliche Debatten von Polarisierung und Unsicherheit geprägt sind, wächst die Sehnsucht nach Orientierung und Verlässlichkeit. Gerade deshalb gewinnt ein klarer Wertekompass an Bedeutung. Der Verein „Ehrbare Versicherungskaufleute“ setzt sich dafür ein, die seit Jahrhunderten bewährten Tugenden des Ehrbaren Kaufmanns als Leitbild verantwortungsvollen Handelns in der Versicherungsvermittlung zu verankern. Doch die dahinterstehenden Prinzipien reichen weit über die Branche hinaus. Präsident Jürgen Rohm im Gespräch – über Vertrauen, Verantwortung und den Faktor Mensch in einer zunehmend digitalen Welt.
Geschwindigkeit, Digitalisierung und kurzfristige Erfolge bestimmen heute viele Geschäftsmodelle. Gleichzeitig stehen Unternehmen aller Branchen vor der Frage, wie sie Kundenbindung, Mitarbeiterloyalität und Glaubwürdigkeit langfristig sichern können. Hat das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns noch praktische Relevanz – oder ist es eher ein Gegenentwurf zum Zeitgeist? „Vertrauen ist eine zeitlose Währung“, betont Jürgen Rohm. „Und Haltung gehört zu den Grundprinzipien des Menschen. Schon vor Jahren, vor dem KI-Hype, sagte mal ein bekannter Psychologe: Je höher der Grad der Digitalisierung, desto größer ist der Wunsch nach Mensch. Wir sind fest überzeugt, auch aus unserer täglichen Arbeit mit Kunden: Wir, die menschlichen Ansprechpartner, werden nun noch kostbarer. Erst recht mit unseren Themen Absicherung, Analyse, finanzielle Bildung und Hilfe im Schadensfall.“
Vertrauen als Basis
Was Rohm für die Versicherungswirtschaft beschreibt, lässt sich ebenso auf den Einzelhandel, Dienstleistungsunternehmen oder moderne Führungsteams übertragen: Produkte und Prozesse werden vergleichbarer, Technologie wird für alle verfügbar – den Unterschied machen zunehmend Haltung und persönliche Beziehungen. Seit jeher gilt Vertrauen als Grundlage jeder nachhaltigen Geschäftsbeziehung – vom klassischen Kaufmann, der per Handschlag Geschäfte besiegelte, bis zum heutigen Unternehmer, der seine Kunden durch Transparenz und Verlässlichkeit bindet. Es stellt sich die Frage: Wie kann Vertrauen in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, Online-Handel und zunehmender Anonymisierung erhalten bleiben?
Unbezahlbarerer Service
„Gerade unsere Branche hat hier zum Glück einen weit über 100 Jahre langen Vorsprung“, erläutert Rohm. „Wir beraten in Familienbetrieben über mehrere Generationen und binden auch seit Generationen Firmen- und Privatkunden. Die Problemstellungen im Alltag waren schon immer komplex. Und erst recht blendet der Mensch mögliche Schicksalsschläge aus. Was bildet da mehr Vertrauen, als zuverlässiger Ansprechpartner in jeder Lebensphase präsent zu sein? Mit Leidenschaft, Herzblut, und Empathie. Der Kümmerer, bevor etwas passiert oder passieren könnte. Aber auch derjenige, der dann die Fäden zieht, wenn es darauf ankommt. Aus vielerlei Hinsicht ist das unbezahlbar.“
Auch hier liegt eine Erkenntnis, die weit über die Versicherungsbranche hinausreicht: Ob im Fachgeschäft vor Ort, im mittelständischen Familienunternehmen oder im Management großer Organisationen – Menschen erinnern sich selten an Prozesse, aber immer an diejenigen, die Verantwortung übernehmen, zuhören und Lösungen schaffen. Nachhaltigkeit, Transparenz und gesellschaftliche Verantwortung gehören heute fast zum Standardrepertoire der Unternehmenskommunikation. Doch wie erkennt man, ob diese Werte tatsächlich gelebt werden oder lediglich Teil einer Marketingstrategie sind?
Kunden im Fokus
„Wenn es darauf ankommt, sind wir da. Und davor. Das klingt nun aber auch schon wieder nach einer abgedroschenen Marketingphrase. Wenn einer unserer Mitgliedsbetriebe nun seit 30, 40, 50 oder noch mehr Jahren erfolgreich am Markt ist: Ist das nicht ein sehr markantes Merkmal? Zudem müssen Kunden unserer Mitgliedsbetriebe nicht erst warten, dass etwas passiert, um dann feststellen zu müssen: Die werben nicht nur mit Leistung, sie stehen auch wirklich für mich und meine Situation ein. Was ich damit meine: Mitglieder im VEVK bekennen sich zu den zehn Tugenden des ehrbaren Versicherungskaufmanns. Mit Brief und Siegel, besser gesagt bei uns konkret: mit Bekenntnis und zwei Bürgen. Dort steht unter anderem, dass das Kundeninteresse im Mittelpunkt steht. Und die Frage muss erlaubt sein: Warum kann das Mitbewerber B nicht auch wie selbstverständlich?“
Gerade im Handel und in der Unternehmensführung zeigt sich Authentizität nicht in Kampagnen, sondern im täglichen Handeln. Langfristige Kundenbeziehungen, eine hohe Mitarbeiterbindung und eine über Jahrzehnte gewachsene Reputation sind oft die überzeugendsten Belege dafür, dass Werte tatsächlich gelebt werden.
Verantwortung leben
Viele der zehn Tugenden stammen aus einer jahrhundertealten Kaufmannstradition. Welche davon heute wichtiger denn je ist, kann Jürgen Rohm klar benennen: „Die sozialpolitische Verantwortung, die wir haben und jeden Tag leben, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Für uns alle! Warum? Der Vorteil unserer Tugenden in ihrer Abstraktheit erlaubt auch die Interpretation. Was ich damit meine: Auf dem ersten Blick könnte man vermuten; hier geht es um die Vorsorgethemen wie Alter, Krankheit, Pflege, Tod. Das ist so. Auf dem zweiten Blick gehört dazu aber auch jede andere Risikoabsicherung mit Versicherungen. Denn ist der finanzielle Schaden größer als das finanzielle Polster, ist auch dieser Kunde schon morgen ein Fall für die Sozialhilfe und fällt damit allen zur Last.“
Ob eine weitere Tugend neu interpretiert werden muss, diskutiert der Verein derzeit mit seinen Mitgliedern: „Wir erheben gerade, wie die zehn Tugenden im Alltag gelebt werden. Und ob sie abschließend sind. Das Ergebnis ist aktuell offen. Wir sind aber immer in Bewegung.“
Mensch im Mittelpunkt
Verbraucher erwarten inzwischen, dass Unternehmen Haltung zeigen. Wo endet die wirtschaftliche Verpflichtung eines Unternehmers, und wo beginnt seine gesellschaftliche Verantwortung? Jürgen Rohm: „Gegenfrage: Welcher Unternehmer ist sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst? Ich kenne keinen. Sie wird nur sehr unterschiedlich ausgelebt. Und zum ersten Teil der Frage: wenn das flächendeckend so ist, fühlen wir uns mit unserem Verein und unserem Handeln nur bestätigt. Schon den Jungunternehmern in den ersten Stunden ihrer beruflichen Orientierung erklären wir: Ihre Haltung, bestätigt durch die Mitgliedschaft im VEVK, ist ein riesiger Wettbewerbsvorteil, ein starkes Argument im Vergleich zum Markt. Kunden, die so etwas schätzen, werden nur sehr selten wechseln oder Vergleiche anstellen. Denn hier steht der Mensch im Mittelpunkt.“ Eine Erkenntnis, die für Versicherungsvermittler ebenso gilt wie für Händler, Unternehmer und Manager. Denn nachhaltiger Erfolg entsteht dort, wo wirtschaftliche Vernunft und menschliche Verantwortung kein Widerspruch sind, sondern einander ergänzen.
Das Gespräch führte
Susanne Müller