Unterschätztes Attraktivitätsmerkmal

Handel und Immobilien
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Susanne Müller
Da schlenderst du beim ausgiebigen Einkaufsbummel entspannt durch die Stadt, guckst mal hier und mal da – doch plötzlich: ein dringendes Bedürfnis. Weit und breit kein WC zu finden. Ohne Konsum verweigern Geschäfte und Restaurants meist den Zugang zur Toilette – sofern sie denn überhaupt eine haben. Öffentliche Alternativen? Rar, schlecht zu finden, oft verdreckt bis unbenutzbar. Was tun?
Die aktuelle Deutschlandstudie Innenstadt von CIMA belegt, dass die Verfügbarkeit öffentlicher Toiletten oft als unzureichend empfunden wird. Dies betrifft insbesondere die Dichte der Anlagen sowie deren Zustand. Eine Erhebung von CWS Hygiene zeigt, dass über die Hälfte der Europäer öffentliche Toiletten meiden – in Deutschland sogar 65 Prozent. Die stillen und im Notfall vor allem schnell zu erreichenden Örtchen fehlen überall: in der City, an Verkehrsknotenpunkten, in Parks. Und wenn sie vorhanden sind, ist deren Zustand oft schlecht: verstopfte Abflüsse, mangelndes Papier, fehlende Seife, unhygienische Zustände.
Studie „Vitale Innenstädte“
Auch die aktuelle, repräsentative Studie „Vitale Innenstädte“ des IFH KÖLN belegt: Die Toilettenfrage rangiert bei Innenstadt-Besuchern weit vorne. Für ein verbessertes Angebot votierten 51 Prozent der Befragten mit „unbedingt“ und weitere 33 Prozent mit „sinnvoll, aber nicht dringend“. Lediglich der Rest von 16 Prozent urteilte mit „unnötig“ oder „weiß nicht“. Der Wunsch nach sanitären Anlagen im öffentlichen Raum nimmt somit nach dem Leerstandsmanagement einen deutlichen zweiten Platz ein. Stadtplaner sollten hinhören.
Projekt Nette Toilette
Aber halt – da gibt‘s ja das Programm „Nette Toilette“. Gastro-Betriebe stellen ihre sanitären Anlagen kostenfrei zur Verfügung und erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung der Kommunen. In Münster zum Beispiel funktioniert das scheinbar, dort sind viele Betriebe und Einrichtungen beteiligt. Auch Gotha, Bochum und Gronau ziehen mit, um nur einige zu nennen.
Neuer Ansatz
Sanifair, gestartet 2023, verfolgt einen neuen Ansatz: mit erweiterten City-Standorten. Das Unternehmen hat soeben seine erste eigene Anlage eröffnet. „Unser Konzept bietet sich an für die Expansion in Eins-A- und Eins-B-Innenstadtlagen und dort vor allem in ehemaligen Ladengeschäften“, so Geschäftsführer Thomas Klaffke. 2023 startete das Unternehmen ein Pilotprojekt am Firmensitz Bonn. Genutzt hat das Unternehmen dafür ein leer stehendes Ladenlokal in einer denkmalgeschützten Häuserreihe und umfangreiche Umbauten vorgenommen. Auf 110 Quadratmetern finden sich nun sechs Unisex-WC-Kabinen, vier Urinale mit Sichtschutz und vier Waschbecken, ein behindertengerechtes WC, das mit Euroschlüssel kostenfrei nutzbar ist, sowie eine Babywickelkabine mit Stillecke.
Klarer Bedarf
„Wir sind zufrieden und stellen fest, dass für ein Innenstadt-Konzept ein klarer Bedarf besteht“. Das Format sei erfolgreich angelaufen, treffe auf hohe Akzeptanz bei Besuchern der Innenstadt und entwickle sich gut. Besucher zahlen einen Euro und erhalten als Gegenwert einen 50-Cent-Bon, den sie in rund 20 Geschäften und Restaurants der Innenstadt einlösen können.
Ausbau des Netzes
Bochum und Köln sollen folgen – auch andere NRW-Städte haben wohl Interesse angemeldet. „Laut unserer Umfrage Vitale Innenstädte 2024 wünschen sich 68,5 Prozent der Befragten einen Ausbau des Toilettenangebots. Für eine Großstadt wie Köln ist es daher sinnvoll, wenn ein privater Anbieter das Sanitärangebot ergänzt“, so Benjamin Ruchser, Citymanager bei der Wirtschaftsförderung KölnBusiness.
City-Qualität steigern
Wie auch immer: Das Thema sollte in moderne Stadtgestaltung einfließen. Berlin beispielsweise hat die Anzahl öffentlicher Toiletten seit 2016 um 60 Prozent gesteigert. Der Hamburger Senat stellte für den Ausbau seit 2022 gut acht Millionen Euro zur Verfügung. Ob Senioren, Mütter mit Kleinkindern oder generell Menschen, die längere Zeit beim Stadtbummel verbringen: Hygienische öffentliche WCs sind ein Must-Have zur Steigerung der Aufenthaltsqualität.
Susanne Müller