Verlauf der Frequenzen

Interview
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Susanne Müller
Frühsommerliche Hitze, verregnete Samstage und ein schwacher Juni – das erste Halbjahr 2025 war alles andere als konstant. Und doch zeigen die deutschen Innenstädte erstaunliche Widerstandskraft. Im Gespräch mit den beiden Geschäftsführern von hystreet.com, Nico Schröder und Julian C. Aengevoort, wird deutlich: Knapp eine Milliarde Passanten, ein stabiler hyX-Index und wachsende Besucherzahlen in kleineren Städten belegen, dass die Innenstädte trotz wachsendem Drucks Orte der Begegnung, des Handels und der Transformation bleiben.
Sie haben Anfang Januar vermeldet, dass die Innenstädte 2024 wieder gut gefüllt waren. Was lässt sich jetzt schon für das erste Halbjahr 2025 ablesen – sehen Sie eher Kontinuität oder neue Trends?
Julian C. Aengevoort: Das erste Halbjahr 2025 war geprägt von vielen Einflüssen – von frühen, heißen Sommertagen, nassen Samstagen, Extremwetter und einem extrem schwachen Juni. Trotzdem bleibt ein klares Bild: Die deutschen Innenstädte zeigen sich insgesamt stabil – wie immer mit regionalen Unterschieden.
An über 300 Messpunkten in 110 Städten hat hystreet.com im ersten Halbjahr fast 937 Millionen Passanten gezählt – ein leichter Rückgang von einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Während die Top-Seven-Städte Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart rund zwei Prozent verloren, konnten kleinere und mittlere Städte mitunter sogar zulegen.
Spitzenreiter bleibt die Kaufingerstraße in München – mit 13,1 Millionen gezählten Passanten, mit der absoluten Spitze mit 15.000 Besucherinnen und Besuchern in nur einer Stunde am Ostersamstag. Auch die Ehrenstraße in Köln mit plus sieben Prozent und Heidelberg mit plus sechs Prozent zeigten starke Entwicklungen.
Multifunktionale Lebensräume
Der hy-x-Index lag 2024 bei stabilen 103,32 Punkten, trotz wirtschaftlicher Unsicherheit. Welche Faktoren erklären diese Robustheit – und wie belastbar ist sie für die kommenden Jahre?
Julian C. Aengevoort: Die Robustheit deutscher Innenstädte lässt sich sehr gut am hy-x Index von hystreet ablesen. Dieser zeigt aktuell, dass die Innenstädte weiterhin als attraktive Orte für Handel, Begegnung und Freizeit wahrgenommen werden. Dieser Index basiert auf der Aggregation digitaler Messdaten von über 300 Laserscannern in mehr als 100 Städten und liefert somit eine valide und aktuelle Kennzahl für die Entwicklung der Besucherströme. Die Innenstädte sind resilient und lebendig, indem sie sich flexibel an neue Herausforderungen anpassen und gleichzeitig ihre zentrale Rolle als multifunktionale Lebensräume bewahren.
Wichtige Benchmarks
Kaufinger und Neuhauser Straße mit Spitzenwerten über 30 Millionen Passanten: Was können kleinere oder weniger frequente Standorte aus solchen Leuchttürmen lernen?
Nico Schröder: Für kleinere oder weniger frequentierte Standorte sind diese Straßen wichtige Benchmarks: Sie zeigen, wie eine konsequente Ausrichtung auf Besucherströme, Erlebnisqualität und Datenanalyse zu nachhaltigem Erfolg führen kann. Folgende Erfolgspunkte sind sicherlich Betrachtens wert.
Erreichbarkeit: Leuchtturm-Standorte sind meist hervorragend angebunden und fußgängerfreundlich gestaltet. Auch kleinere Standorte können durch gezielte Maßnahmen wie bessere ÖPNV-Anbindung, Radwege oder Aufenthaltszonen ihre Attraktivität steigern
Attraktiver Branchenmix: Die Vielfalt an Marken, Gastronomie und Dienstleistungen zieht unterschiedliche Zielgruppen an. Kleinere Standorte können durch lokale Kooperationen, Pop-up-Konzepte oder gemeinsame Events Synergien schaffen und so die Aufenthaltsdauer und Frequenz erhöhen.
Erlebnisorientierung und Aufenthaltsqualität: Erfolgreiche Einkaufsstraßen setzen auf Events, Aktionen und eine hohe Aufenthaltsqualität, zum Beispiel Sauberkeit, Sitzgelegenheiten und Begrünung. Auch mit begrenztem Budget lassen sich durch kreative Aktionen, lokale Feste oder Kooperationen mit Vereinen positive Impulse setzen.
Last but not least Daten nutzen: Mit modernen Technologien wie den Passantenzählern von hystreet.com können auch kleinere Standorte ihre Besucherströme präzise erfassen. So lassen sich Stoßzeiten, Schwachstellen und Potenziale identifizieren – eine Grundlage für gezielte Maßnahmen.
Effekte unterscheiden lernen
Während einige Städte überdurchschnittlich wachsen, bleiben andere zurück. Welche Maßnahmen empfehlen Sie Kommunen, die bislang nicht vom Frequenzzuwachs profitieren?
Nico Schröder: Die Grundlage, damit überhaupt über Frequenzwachstum gesprochen werden kann, liegt in einer validen Messung. Städte, die über Veränderungen aus dem Bauchgefühl berichten oder entscheiden, gibt es leider immer noch.
Maßnahmen, die wir in den letzten Jahren als sehr förderlich gesehen haben, müssen zwischen einmaligen Effekten und nachhaltigen Effekten unterschieden werden. Wichtig dabei ist auch, zu verstehen, dass einmalige Effekte ein sehr positives Licht auf eine Lage wirft, welche nachhaltig die Kommunikation über eine Innenstadt auch beeinflussen kann. So hat voriges Jahr die Fußball-EM nicht nur Millionen Fans in die Austragungsstädte gezogen, sondern auch in Innenstädten mit Gastronomie und Public Viewing dafür gesorgt, dass viele Menschen in die Stadt gekommen sind. Und dass Fans aus dem Ausland sehr oft ein positives Bild von unseren Innenstädten mit nach Hause genommen haben.
Weitere einmalige Effekte wie Events, Märkte und Festivals sind bewährte Instrumente, um Passantenströme zu generieren. Vor allem gezielte Veranstaltungsformate wie Weihnachtsmärkte oder Stadtfeste, die temporäre Frequenzspitzen erzeugen und neue Zielgruppen ansprechen. Alle diese Events können bei guter Durchführung auch für nachhaltige Frequenz sorgen.
Stadtentwicklung bringt‘s
Welche Faktoren wirken am stärksten auf die Frequenzentwicklung und Standortqualität?
Nico Schröder: Am stärksten wirken nachhaltige Maßnahmen. Auch hier gibt es jedoch ein breites Spektrum. Entscheidende Faktoren sind sicherlich Sauberkeit und Sicherheit. Wenn sich diese Rahmenbedingungen deutlich verbessern, hat das immer auch einen spürbaren Effekt auf die Passantenfrequenz.
Die nachhaltigsten Steigerungen sehen wir allerdings bei umfassenden Stadtentwicklungsmaßnahmen. Besonders eindrucksvoll sind Beispiele wie die Quartiersentwicklungen rund um den Peterbogen in Leipzig oder den Kö-Bogen II in Düsseldorf. Dort sind bauliche Projektentwicklungen mit städtebaulichen Maßnahmen im öffentlichen Raum zusammengekommen – das Ergebnis: ein dauerhafter Anstieg der Frequenzen um mehr als 50 Prozent im Vergleich zur Zeit vor den Maßnahmen.
Ein weiterer, sehr wesentlicher Erfolgsfaktor ist ein aktives Leerstands- und Ansiedlungsmanagement. Städte, die hier vorausschauend agieren, verkraften auch den Verlust eines Ankermieters deutlich besser. Ein Leuchtturmprojekt ist ohne Zweifel die Innenstadt von Hanau. Aber auch Städte wie Lüneburg, Mönchengladbach und Saarbrücken sind durch das Programm LeAn sehr aktiv – und die Zahlen belegen klar, dass sich diese Arbeit lohnt.
Auf valide Grundlagen setzen
Wo sehen Sie die Innenstädte in ein bis zwei Jahren – evolutionäre Stabilisierung oder strukturelle Transformation?
Nico Schröder: Wir erleben schon heute, dass Entscheidungen über die Zukunft der Innenstädte zunehmend datenbasiert getroffen werden. Wer auf valide Grundlagen setzt, kann daraus sehr gute Entscheidungen für die Weiterentwicklung ableiten. Natürlich lässt sich eine Stadtentwicklung nicht innerhalb von zwei Jahren grundlegend verändern – aber jede Stadt hat die Chance, kurzfristige Quick Wins umzusetzen.
Die Innenstadt war immer ein Ort, an dem Menschen einkaufen, handeln und verweilen. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Hinzu kommt, dass Themen wie Freizeitgestaltung, Bildung und Kultur künftig eine noch stärkere Rolle im Stadtkern spielen werden.
Gerade für Städte, die in Konkurrenz mit vergleichbar großen Nachbarstädten stehen, ist ein klares Leitbild entscheidend. Dieses Leitbild darf nicht nur auf dem Papier existieren, sondern muss sichtbar gelebt werden. Dabei geht es auch um die Frage, wie sich der Anteil von Handel, Gastronomie, Freizeit, Kultur, Bildung oder Sport entwickeln soll. Solche Weichenstellungen sollten von den Innenstadtakteuren wie Verwaltung, Händlern, Eigentümern, City-Managern, BID-Organisationen, Politik, Besuchern und Anwohnern gemeinschaftlich getragen werden.
Aus meiner Erfahrung in den täglichen Gesprächen mit den vorgenannten Innenstadt-Akteuren sehe ich viel Engagement und Willenskraft. Genau diese Haltung macht unsere Innenstädte Schritt für Schritt resilienter, nachhaltiger und lebenswerter.
Susanne Müller