Vieles läuft grundfalsch

Wolfgang Gruschwitz
Wolfgang Gruschwitz

Interview
Tacheles

Susanne Müller

Drei Fragen an
Wolfgang Gruschwitz
Geschäftsführender Gesellschafter
GRUSCHWITZ GmbH International

Grundstruktur ist gefährdet

Welches sind politisch, wirtschaftlich und/oder unternehmerisch zurzeit Ihre größten Ängste und Sorgen?

Politisch ist die freiheitliche Grundstruktur, in der wir unsere beste Zeit hatten, gefährdet, weil die nationalen und fanatischen Strömungen zunehmen. Wirtschaftlich sind und bleiben die Dreh- und Angelpunkte die Energieversorgung und die Stabilität der Preise. Die überhandnehmende Bürokratie in allen Bereichen und ein komplettes Versagen der letzten vier Jahre. Nicht, dass vor dieser Zeit nicht schon Defizite bestanden hätten, doch jetzt ist die Weichenstellung in die Zukunft komplett verfehlt worden. In der Bildungs-, Immigrations-, energetischen Versorgungs -, Verteidigungs-, Wirtschaftspolitik – es gibt keinen Bereich mehr, den die letzte Regierung nicht negativ beeinflusst hätte… Hierin liegen eine große Gefahr und ein Risiko für die Zukunft Deutschlands. Unternehmerisch fehlen die Planungssicherheit und die Stringenz in der Führung… das Personalproblem ist nicht mehr so dominierend, die Nachfolge im Mittelstand eher schon. Die neuen Investitionen werden im Ausland getätigt, und im Retail dominieren ausländische Investoren im Premiumbereich. Shoppen ist ein Hybridvergnügen – online und offline – geworden, und nur essen kann der Mensch auch nicht – außerdem ist das zu teuer geworden. Handwerker stehen wieder zur Verfügung, das bedeutet, die Bautätigkeiten werden verlangsamt und gehen zurück: Wenn die Bauwirtschaft komplett erliegt, braucht es etwa ein bis zwei Jahre, bis es wieder anläuft, das wäre dann also so etwa 2026 bis 2027. Im Augenblick ist die Bauwirtschaft verlangsamt, doch nach den Jahren des Hochbetriebes ist das etwas entspannend.
 
Welchen unbequemen Wahrheiten muss sich Deutschland stellen – und welchen speziell die Retail-Branche?

Warum lässt sich die deutsche Wirtschaft so von der Politik behandeln? Warum ist die Politik daran interessiert, das Land zu schwächen und die Stärken der Innovation und der Anpassungsfähigkeit an neue Situationen, die die deutsche Wirtschaft und Wissenschaft immer ausgezeichnet hatten, so zu beschneiden? Warum werden europäische gute Initiativen, wie CO2-neutrale Energien wie Atomkraft nicht akzeptiert, dafür andere Vorschriften, die uns einschränken, vehement zur Umsetzung getrieben? Andere Länder sehen das entspannter. Warum will man gewisse Industrien nicht mehr in Deutschland sehen, obwohl diese mit innovativen und CO2-neutralen Techniken brillieren? Arbeitskräfte werden frei gesetzt ohne Sinn und Verstand – und ohne Perspektive? Warum werden so massive Unterschiede in der Flüchtlingsfrage gemacht? Warum werden Erfahrungen und gute Ideen zur Integration von Immigranten / Flüchtlingen etc. nicht umgesetzt? Warum wird der Leistungswille mit einer zweiten Lohnsteuerkarte und wahnwitzigen Abzügen erstickt? Wenn man mehr Personal möchte, dann muss die Arbeit sich lohnen – auch für Leute, die nur im Teilzeitjob arbeiten.  Die Baurestriktionen und die GEG sind zu starr und behindern teilweise effizientes und schnelles Arbeiten.
 
An welchen Hebeln würden Sie ansetzen, um Optimismus zu verbreiten und etwas zur positiven Entwicklung beizutragen?

Zinsenverwaltung reduzieren – die Wirtschaft den Weg bestimmen lassen, um die Ziele zu erreichen – im Augenblick gibt die Politik den Weg vor, wie ein Ziel erreicht werden soll, das kann nicht gut gehen. Erfindungen sind oft zufällig entstanden, aus ganz unterschiedlichen Forschungsrichtungen – Anreize für die Investition in zukunftsträchtige Branchen – mehr Mobilitätsbejahung in der Stadt und weniger Restriktionen. Tempo 30 auf dem mittleren Ring ist kontraproduktiv, breitere Fahrradwege als Straßen, keine Parkplätze in der Innenstadt mehr – die Ansätze zur Verbesserung sind vielfältig.

Susanne Müller