Von Argentiniens Präsidenten lernen

Stephan Ring
Stephan Ring © Louise Rose Photography

Interview
Spirit

Susanne Müller

Argentinien – ein Land, das jahrzehntelang am wirtschaftlichen Abgrund stand, scheint plötzlich wieder zu pulsieren. Verantwortlich dafür ist Präsident Javier Milei, der selbstbewusst als Anarchokapitalist auftritt, den Staat radikal schrumpft und das Land in eine Ära der Freiheit und Deregulierung führt. In seinem neuen Buch „Die Rettung Argentiniens: Javier Milei, die ersten 16 Monate“ beleuchtet Autor Stephan Ring, wie Milei in nur anderthalb Jahren die Weichen für wirtschaftliche Stabilität und marktwirtschaftlichen Aufschwung stellte.

Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Stephan Ring: Ich verfolge Javier Milei, seitdem er im Jahr 2023 die Stichwahl für die Präsidentschaftswahlen erreicht hat, praktisch täglich. Ein Präsident, der sich selbst Anarchokapitalist nennt, Volkswirtschaftsprofessor, Berater, Fußballprofi und Rocksänger ist, Ludwig von Mises auf Wahlkampfveranstaltungen zitiert und dort zudem volkswirtschaftliche Literatur zur sogenannten österreichischen Schule auslegt, weckt Neugier. 2024 habe ich dann in unregelmäßigen Abständen auf unserer Webseite www.misesde.org über Argentinien berichtet. Der Versuch, Anfang 2025 das gesamte Jahr 2024 in einem Beitrag zusammenzufassen, scheiterte an der Fülle des Materials. Bei 80.000 Zeichen entstand dann die Idee zu einem Buch. Dieses habe ich umgesetzt; es beschreibt die spannende erste Phase der Rettung Argentiniens, und wie es Milei nach 16 Monaten im Amt gelungen ist, mit der Freigabe der Währung den letzten Baustein seines Rettungsplans umzusetzen.

Argentinien lag wirtschaftlich am Boden. Warum lohnt es sich gerade für Entscheider im Handel und in der Wirtschaft, auf dieses Land zu schauen?

Milei ist dabei, Argentinien massiv zu deregulieren. Der Staat zieht sich aus allen Bereichen zurück, und es entsteht ein Vakuum für Wettbewerb. Argentinien ist das achtgrößte Land der Erde, reich an billigen Energiequellen und verfügt über eine relativ gut ausgebildete Bevölkerung mit hohem Konsumwachstumspotenzial. Die Situation ist durchaus mit dem Mauerfall vergleichbar. Die Wirtschaft war bisher extrem abgeschottet, und es fehlt daher an Erfahrung mit komplexen marktwirtschaftlichen Projekten ohne staatlichen Eingriff oder Subventionen. Ich kann mir vorstellen, dass Investitionen in dieser Umbruchsphase größeres Wertschöpfungspotenzial besitzen, da Argentinien aufgrund der Ausbeutung durch 20 Jahre Sozialismus über eigenes Kapital nur begrenzt verfügt.

Wenn Sie Mileis Reformkurs kurz beschreiben müssten: Was ist der Kern?

Ein Haushaltsüberschuss ohne neue Staatsschulden führt zu einer starken Währung und – zusammen mit aggressiver Deregulierung und Steuersenkungen – zu nachhaltigen, hohen einstelligen Wachstumsraten. Milei möchte Argentinien zum freiesten Land der Erde machen – noch vor der Schweiz, Singapur und Irland. Nur Freiheit schafft Wohlstand für alle.

Welche Reformideen aus Argentinien sind für die EU und Deutschland am dringendsten relevant?

Sicher zunächst die „Kettensäge“. Milei hat alle nicht verpflichtenden Zahlungen eingestellt und konnte so fünf Prozent des BIP allein im Bundeshaushalt einsparen. Das wären in Deutschland rund 200 Milliarden Euro pro Jahr. Mileis Ansatz bei der Schrumpfung des Staatsapparates lautet nicht: „Wie kann man das effizienter machen?“, sondern: „Braucht es das?“ Sein Kabinett hat am Anfang einen ganzen Tag lang darüber diskutiert, was der Staat zwingend leisten muss, wenn man Freiheit als Gut an sich berücksichtigt. Alles, was nicht auf dieser offenbar sehr kurzen Liste stand, wurde und wird abgebaut. Milei hat bisher schon über 200 Referate in den Ministerien geschlossen und die Ersparnisse über Steuersenkungen an die Menschen zurückgegeben – bisher 2,5 Prozent des BIP, ein Betrag, der in Deutschland 100 Milliarden Euro pro Jahr entsprechen würde. Besonders relevant und vorbildlich finde ich den Prozess der Deregulierung: Der Minister für Deregulierung und Transformation des Staates, Sturzenegger, hat einen genialen Prozess zum Bürokratieabbau entwickelt und in 18 Monaten 9000 einzelne Maßnahmen umgesetzt – von schlankeren Prozessen über die Komplettstreichung von Monopolen bis zur Abschaffung ganzer Gesetze.

Viele hielten Argentinien 2023 für hoffnungslos verloren. Was waren die wichtigsten Konstruktionsfehler des Systems, und welche Lehren kann Deutschland daraus ziehen?

Sozialismus verführt die Menschen – das kann man schwer als Konstruktionsfehler sehen. Ich würde im Gegenteil sagen, dass die Konstruktion des Landes zeigt, dass es keinen Fehler hat. Einen solchen sehe ich eher bei uns. Insbesondere wegen der Verwebung allen Rechts mit dem Europarecht gibt es bei uns keinen demokratischen Selbstheilungsmechanismus wie die direkte Wahl eines Präsidenten in Argentinien. Ein Zurück erscheint mir in Europa praktisch unmöglich. Sie können das an der Lieferkettenrichtlinie sehen: Einmal installiert, wird es schwer, auch nur ein bisschen zurückzudrehen. In Argentinien genügt dafür eine Wahl.

Milei gilt als Anti-Politiker. Was bedeutet das für Verbraucherbilder, Markenkommunikation, Vertrauen und Innenstadtrevitalisierung?

Dazu kenne ich den Markt eigentlich nicht gut genug. Ich könnte mir aber gute Chancen gerade für preissensible Ketten bei Dingen des täglichen Bedarfs wie Mode, Lebensmittel oder Drogerien vorstellen. Argentinien fehlt es an Erfahrung, wie man eine Marke wie Aldi oder Zara etabliert. Das Land war abgeschottet; der Konsument hatte oft keine Wahl, und Unternehmer konnten Preise ohne starken Wettbewerb setzen. Der Argentinier sagt dazu: „Jagen im Zoo“. Im Länderranking lag Argentinien vor Milei nur wenige Plätze über Nordkorea. Viele Produkte waren schlechte Kopien, Duschgel war offenbar sogar verboten, und qualitativ schlechtere Kleidung kostete oft mehr. Wer jetzt schnell eine deutsche Marke etabliert, könnte eine Marktlücke füllen.

Wie wirken sich Mileis Maßnahmen auf die Attraktivität des Standorts für Projektentwickler aus?

Das Konsumwachstum wird die nächsten Jahrzehnte hoch sein. Es gibt einen enormen Nachholbedarf, und im Großraum Buenos Aires leben rund 17 Millionen Menschen. Milei hat das Vertragsrecht komplett entschlackt – bis hin zur Freiheit in der Währungswahl. Besonders interessant ist, dass Argentinien nun praktisch alle internationalen Sicherheitszertifikate für Waren, auch europäische, anerkennt. Importe erfordern kaum noch eigene Zertifizierungen, auch bei Medikamenten. Importzölle wurden massiv reduziert. Erste Luxusmarken wie Bugatti haben bereits eröffnet. Der Markt sortiert sich neu. Baukosten sind relativ niedrig, da Milei alle öffentlichen Bauaufträge gestoppt hat. Es existiert Wettbewerb um Ansiedlungen zwischen den Gemeinden, manche mit libertären Bürgermeistern. Ein bisschen wie bei der deutschen Wiedervereinigung. Auch die Gemeindesteuern, häufig eine lokale Umsatzsteuer, sind offenbar verhandelbar, was zusätzliche Standortvorteile schafft.

Welche Entwicklung im argentinischen Alltag hat Sie am meisten überrascht?

Wie schnell die wilden Demonstrationen, die oft ganze Städte lahmlegten, aufgehört haben. 2023 wurden noch über 8000 wilde Straßensperren gezählt. Aktuell keine einzige. Milei musste dazu nur die angeblich sozialen NGOs, die in Wirklichkeit die Ärmsten unter Androhung von Essensentzug zur Teilnahme an den Demonstrationen zwangen, aus der Verteilung der Gelder herausnehmen.

Welche Faktoren entscheiden global und hierzulande in den nächsten Jahren über den Erfolg des Reformprojekts – auch mit Blick auf Handel und Wirtschaftsräume?

Das Wichtigste war der Gewinn der Zwischenwahl im Oktober 2025. Damit wird der ausgeglichene Haushalt mindestens bis 2027 festgeschrieben, und die Deregulierung kann schwere Themen wie das Arbeitsrecht anpacken. Für die Zeit nach 2027 muss Mileis Partei auch die Wahl zum Gouverneur der Provinz Buenos Aires gewinnen – die Hochburg der Linken, in der über 35 Prozent der Argentinier wohnen. Gelingt Milei 2027 selbst eine Wiederwahl und seiner Partei der Gewinn dieser Provinz, wird Argentinien in sechs Jahren ein echter Anziehungspunkt für deutsche Firmen sein. Das verstärkt sich, wenn das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur ratifiziert wird. Besonders energieintensive Branchen werden Argentinien auf ihren Investitionslisten ganz oben haben. Deutschland wird dann nur noch begrenzt Einfluss haben; die Argentinier orientieren sich stark in Richtung Nordamerika.

Wenn Sie Europa eine einzige Lehre aus Argentinien mitgeben dürften: Welche wäre das?

Bürokratie führt in die Armut breiter Bevölkerungsschichten. Wir sehen das ja schon bei unseren deutschen Rentnern.

Susanne Müller