Wachsen mit der Krise

Solidarität mit Kriegsflüchtlingen
Weltweite Solidarität mit den Ukrainischen Kriegsflüchtlingen © Katie-Godowski - pexels.com

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Handel

Richard Haimann

Krieg in der Ukraine, Lockdown in Chinas Häfen. Dazu kommen fragile Lieferketten, steigende Energiepreise und die Sorge vor der nächsten Infektionswelle. Einmal mehr steht der Handel vor massiven Heraus­forderungen. Dennoch sehen Unternehmen in den unsicheren Zeiten auch Chancen. Die Textilbranche hat im ersten Quartal dieses Jahres sogar mehr als 100.000 Quadratmeter Ladenflächen für neue Standorte in Deutschland angemietet. Der Grund:  Der Modehandel ist wieder deutlich agiler, weil viele Anbieter das staatliche Schutzschirmverfahren der Pandemiephase genutzt haben, um ihr Portfolio aufzuräumen

1.330 Gramm Gänsedaunen verteilt auf 32 Kammern umhüllt von reißfestem Polyamid: Mit dem Schlafsack »Thor Neo« des Herstellers Valandre aus Belcaire in den französischen Pyrenäen lässt sich eisigen Nächten trotzen. Bis minus 40 Grad reicht der Komfortbereich für unbeschwerten Schlaf in wohliger Wärme.

Was das 1982 gegründete Unternehmen seit Jahren für Höhenbergsteiger und Teilnehmer von Antarktis-Expeditionen schneidert, ist seit zwölf Wochen auch bei Normalbürgern gefragt. Seit Kremlherrscher Wladimir Putin am 24. Februar russische Truppen die Ukraine angreifen lässt, sind warme Schlafsäcke zu einem begehrten Gut in deutschen Haushalten geworden. Die Suchanfragen nach ihnen seien allein »zwischen dem 23. Februar und dem 1. März um 1.558 Prozent gestiegen«, sagt Thilo Gans, Geschäftsführer von solute in Karlsruhe, dem Betreiber des Preisvergleichsportals billiger.de, das regelmäßig die Nachfrage nach verschiedenen Produkten analysiert.

Begehrt wie nie: Heizstrahler, Stromgeneratoren, Campingkocher

69 Prozent der Bundesbürger fürchten nach einer Umfrage des Berliner Meinungsforschungsinstituts Forsa, dass der Krieg in der Ukraine auf ganz Europa übergreifen könnte. »Diese Angst führt dazu, dass sich viele Menschen auf so eine Situation vorbereiten wollen«, sagt Gans. Das spiegele sich auch im wachsenden Interesse bei anderen Produkten wider. Nach der Auswertung von billiger.de sind allein in den ersten sieben Kriegstagen die Suchanfragen nach Heizstrahlern um 236 Prozent gestiegen, die nach Stromgeneratoren um 198 Prozent. »Dies weist darauf hin, dass sich manche Menschen auf einen zeitweisen Ersatz ihrer klassischen Heizung einstellen«, sagt der Geschäftsführer. Und auf einen Ausfall der Gas- und Stromversorgung: Denn das Interesse an Campingkochern hat um 333 Prozent zugelegt.

Die massiv gestiegene Nachfrage hat bislang nicht zu Lücken im Angebot geführt. Bei Fachhändlern sind von manchen Schlafsäcken Ende April zwar nur noch wenige Exemplare vorrätig. Für den »Orbit +5°« vom deutschen Produzenten Deuter und für den »Helium 400 Long« vom britischen Ausrüster Mountain Equipment meldet die Website von Globetrotter Ende April einen Lagerbestand von jeweils nur noch drei Stück, beim »Bison« vom US-Hersteller Western Mountaineering sind es noch fünf Exemplare. Kunden müssten sich dennoch »nicht darum sorgen, einen Schlafsack für den nächsten Urlaub zu bekommen«, sagt eine Globetrotter-Sprecherin. Es seien genügend Modelle diverser Hersteller vorhanden.

Dass trotz des kräftig angezogenen Interesses weiterhin Schlafsäcke, Generatoren, Heizstrahler und Campingkocher verfügbar sind, zeigt, wie gut es Handel und Herstellern auch in Krisenzeiten gelingt, den Bedarf der Konsumenten zu decken. Und: Jüngste Studien zeigen zudem, dass Unternehmen trotz der unsicher gewordenen Konjunkturlage weiterhin bereit sind, ihre Aktivitäten auszubauen.

Der stationäre Modehandel ist zurück

Bestes Beispiel dafür ist die Textilbranche. Nach einer Untersuchung des Kreditversichers Allianz Trade, früher Euler Hermes, trübt der Krieg in der Ukraine die Aussichten für die Branche merklich ein. »Das Vertrauen der europäischen Verbraucher hat einen deutliche Dämpfer erlitten«, sagt Aurélien Duthoit, Branchenexperte bei Allianz Trade. Rund 4,85 Milliarden Euro an Konsumausgaben für Mode könnten 2022 in Europa verloren gehen. Besonders hart dürfte es dabei den Mode-Einzelhandel in Italien mit einem Minus von 1,45 Milliarden Euro und in Deutschland mit einem Umsatzeinbruch von 1,12 Milliarden Euro treffen. »Da könnte Modehandel außer Mode kommen«, sagt Duthoit.

Neben diesen Negativeffekten beim Umsatzwachstum müssten die Einzelhändler zusätzlich mit anhaltend hohen Rohstoffpreisen ringen, die die Bruttomargen noch weiter unter Druck bringen. »Das ist nach mehr als zwei Jahren Pandemie mit mehreren Lockdowns und den altbekannten strukturellen Problemen für viele Unternehmen ein sehr schwieriges Pflaster«, sagt der Experte. »Das Insolvenzrisiko im textilen Einzelhandel bleibt damit auch in den kommenden zwei Jahren hoch.«

Doch Risiken und Unsicherheit halten die Branchenunternehmen nicht davon ab, neue Standorte zu eröffnen, wie jüngste Daten der Immobilienberatungsgesellschaft JLL zeigen. Danach haben Einzelhändler im ersten Quartal dieses Jahres 109.000 Quadratmeter an Ladenflächen angemietet. »Damit wurde das durch den Lockdown gehemmte Vorjahresquartal um mehr als zehn Prozent übertroffen«, sagt Dirk Wichner, Head of Retail Leasing bei JLL. Vor allem Bekleidungshäuser und Young-Fashion-Anbieter hätten mit einem Anteil von 41 Prozent am Anmietungsgeschehen signifikant expandiert. »Im Schnitt hatte die Textilbranche in den vergangenen fünf Jahren nur 26 Prozent Anteil am Flächenumsatz erreicht und dabei die angestammte Spitzenposition mehrmals an die Gastronomie-Sparte abgeben müssen«, sagt Wichner.

Sonnenblumenöl statt Klopapier

Dass die Textilisten im Jahresauftaktquartal bei der Flächenanmietung deutlich zugelegt haben, liege auch daran, dass sich viele Branchvertreter in der Corona-Krise neu aufgestellt haben. »Der Modehandel ist wieder deutlich agiler, weil viele das staatliche Schutzschirmverfahren der Pandemiephase genutzt haben, um ihr Portfolio aufzuräumen«, sagt der Experte. »Entsprechend wurden weniger lukrative Standorte aussortiert und der Fokus ist nun auf gut sichtbare Läden in zentralen Lagen gerichtet.« Auffällig sei zudem, dass die Firmen nun bevorzugt größere Flächen anmieten, um die Mietkosten pro Quadratmeter zu senken. »Drei Viertel des Flächenumsatzes im ersten Quartal entfielen auf Mietabschlüsse über mehr als 1.000 Quadratmeter«, sagt Wichner. Modehändler hätten sich auf der Kostenseite neu aufgestellt. »Jetzt muss sich das Konzept auf der Einnahmenseite beweisen, damit die Rechnung aufgeht«, erklärt Wichner.

Dass Handelsunternehmen Herausforderungen stemmen können, haben sie in den vergangenen beiden Jahren mehrfach unter Beweis gestellt haben. Zu Beginn der Covid-19-Pandemie deckten sich Kunden mit Macht mit Klo- und Küchenpapier ein. Die Hamsterkäufe wiederholen sich mit Beginn des Ukraine-Kriegs. Nun stehen Nudeln und Sonnenblumenöl auf den Einkaufszetteln. Denn der Nudelrohstoff Weizen und Sonnenblumen zählen zu den großen Exportprodukten in dem von Russland angegriffenen Agrarland am Schwarzen Meer. Mit rationierten Abgaben und Nachbestellungen gelingt es den Geschäften jedesmal das Angebot für alle Kunden stabil zu halten. »Es droht keine flächendeckende Unterversorgung bei bestimmten Produkten«, sagt Christian Böttcher, Leiter Politik und Kommunikation beim BVLH Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Allein Hamsterkäufe könnten zu einer künstlich geschaffenen Verknappung führen. »Waren sollten nur in haushaltsüblichen Mengen erworben werden«, sagt Böttcher.

Masken-Förderprogramm ist ein Flop

Wie effizient deutsche Unternehmen Herausforderungen bewältigen können, zeigt auch das Beispiel der FFP2-Masken. Als die Pandemie im Frühjahr 2020 ihre volle Wucht entfaltete, wurden Mundnasen-Bedeckungen zum Schutz vor Virusinfektionen fast ausschließlich in Fernost produziert. Dort aber wurden die Masken damals selbst in großer Stückzahl für Ärzte und Pflegekräfte benötigt. Der Export nach Europa kam zeitweise fast zum erliegen.

Doch binnen weniger Monate gelang es hiesigen Unternehmen, gewaltige Produktionskapazitäten zwischen Aachen und Görlitz zu schaffen. »Mit ihren 4.641 Mitarbeitenden können die Hersteller in Deutschland derzeit pro Woche 29,3 Millionen FFP2-Masken und 50,05 Millionen OP-Masken produzieren«, sagt Stefan Bergmann, Sprecher des im Mai 2020 gegründeten Maskenverbands Deutschland. Dazu beigetragen hat auch ein 90 Millionen Euro schweres Förderprogramm der Bundesregierung. »30 Prozent der für den Kauf der nötigen Maschinen anfallenden Investitionen wurden vom Bundeswirtschaftsministerium übernommen«, sagt Bergmann. »70 Prozent des Betrags haben die Unternehmen aus eigenen Mitteln und über Kredite gestemmt.«

Dennoch ist das Förderprogramm zum Flop geraten. Denn Berlin hat es versäumt, das Vergaberecht so anzupassen, dass Masken Made in Germany beim Einkauf von öffentlicher Hand und im Gesundheitswesen bevorzugt werden. 95 Prozent der in Deutschland neu geschaffenen Produktionskapazitäten wären im vergangenen Jahr zeitweise nicht genutzt worden, weil es keine Aufträge gab. »Nachdem die gerissenen Lieferketten aus Fernost wieder instand gesetzt waren, sind öffentliche Großaufträge fast ausschließlich an dortige Hersteller gegangenen, weil allein der Preis das entscheidende Vergabekriterium war«, sagt Bergmann. Die Bundesregierung habe damit ihr millionenschweres Förderprogramm quasi obsolet gemacht.

Meilenstein in der Geschichte der Discounter

In China könnten OP-Masken pro Stück für 1,5 Cent und FFP2-Masken für 12,5 Cent  gefertigt werden. »In Deutschland kostet die Produktion einer OP-Maske hingegen sechs Cent und einer FFP2-Maske 25 Cent«, sagt Bergmann. »Wenn der Preis das einzige Kriterium ist, kann die hiesige Produktion mit der Fertigung in Fernost nicht mithalten.«

Andere europäische Staaten hingegen achten darauf, die heimische Produktion für den Fall einer neuen Pandemie dauerhaft zu schützen. In Frankreich beispielsweise hat das Gesundheitsministerium alle nachgeordneten Behörden und Departments verpflichtet, den Preis bei einer Vergabe nur zu 25 Prozent zu werten, dagegen Lieferketten, umweltbezogene und soziale Aspekte sowie Qualität mit 75 Prozent. Asiatische Lieferanten fallen damit im Nachbarland durch das Raster. »Eine ähnliche Vorgehensweise wäre auch in Deutschland möglich und dringend notwendig, um eine dauerhafte Produktion im Land zu halten«, sagt Bergmann.

Das haben inzwischen auch einige Landesregierungen verstanden. Die Landespolizei Berlin und das Land Baden-Württemberg haben in ihren Vergaberichtlinien neben dem Preis auch die CO2-Emissionen bei Fertigung und Transport der Masken zum Kriterium gemacht. »Seither gehen die Aufträge dort an Unternehmen, die in Deutschland produzieren«, sagt der Verbandssprecher.

In Shanghai stapeln sich 2,4 Millionen Container

Auf Mundnasenschutz aus hiesiger Fertigung setzt auch die Drogeriemarktkette dm. Für ihre in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertriebene Eigenmarke Mivolis lässt sie FFP2-Masken hierzulande produzieren – mit Filtermaterial, das ebenfalls in Deutschland hergestellt wird. »Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der Discounter«, sagt Bergmann. Zumal dm die Masken mit einem Stückpreis von 0,98 Cent günstiger anbietet als Mitbewerber, die im Ausland fertigen lassen.

Vor weiteren Herausforderungen wird der Handel in den kommenden Monaten stehen. Der Krieg in der Ukraine treibt die Preise von Gas und Öl und damit die Inflation in die Höhe. China hat, Stand 21. April, 45 Millionenstädte unter Quarantäne gestellt, um die Ausbreitung der Omikron-Variante des Sars-CoV-2-Virus zu stoppen – und damit erneut Lieferketten zerrissen.

In den betroffenen Ballungsräumen müssen Automobil-, Handy-, Kamera-, Textilfabriken und deren Zulieferer zum Teil über mehrere Wochen die Produktion einstellen. Mit der 15 Millionen Einwohner zählenden Metropole Shanghai wird im April zudem der größte Hafen der Welt mehr als 20 Tage lang stillgelegt. 43,3 Millionen Standardcontainer wurden vor der Pandemie pro Jahr am Jangtsekiang-Delta umgeschlagen – 118.630 Stück pro Tag. Durch den Lockdown sind damit allein in Shanghai derzeit Warenlieferungen von mehr als 2,4 Millionen Standardcontainer auf Eis gelegt worden.

Weil Lockdowns auch über andere chinesische Hafenstädte verhängt werden, können zudem mit Rohstoffen beladene Frachter ihre Ziele nicht erreichen. Zeitweise stauen sich nach Berechnungen des IfW Instituts für Weltwirtschaft in Kiel zwölf Prozent der globalen Handelsflotte vor der Küste der großen Wirtschaftsnation in Fernost. Erneut drohten »diverse Lieferketten aufgrund von Chinas Covid-19-Politik zusammenzubrechen«, sagt IfW-Projektleiter Vincent Stamer. »Der Schaden für die Weltwirtschaft wäre erheblich.«

C&A schneidert in Mönchengladbach

Deutsche Einzelhändler dürften in den kommenden Wochen gezwungen sein, ihren Kunden erneut mitzuteilen, dass manche in Fernost produzierten Waren vorerst nicht lieferbar sind. Doch dies soll künftig nicht mehr geschehen. Immer mehr Unternehmen beginnen, die Produktion aus Fernost nach Europa zurückzuholen. Inzwischen sogar die Textilbranche. Das Bekleidungsunternehmen C&A, Betreiber von rund 1.400 Filialen in 18 europäischen Ländern, schneidert Jeans seit September vergangenen Jahres in einer neuen Fabrik in Mönchengladbach.

Die Produktion ist zwar teurer als in Fernost. Dafür drohen jedoch keine Engpässe in den Lieferketten mehr. Und: Die Fertigung hierzulande ist deutlich nachhaltiger. Statt der in Asien üblichen 50 bis 60 Liter Wasser pro Herstellung einer Denimhose werden hier nur zehn Liter benötigt. Hinzu kommen geringere Transportkosten und ein entsprechend verminderter CO2-Ausstoß. »Nachhaltigkeit«, sagt Aleix Busquets Gonzalez, Director of Global Sustainability bei C&A, wolle das Unternehmen für sich »zur neuen Normalität machen«.


Ein Beitrag von
Richard Haimann,
freier Wirtschaftsjournalist