Warten auf den Aufschwung

Aufschwung
Warten auf den Aufschwung. © gopixa – stock.adobe.com

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Susanne Osadnik

Der Krieg im Iran und die Blockade der Straße von Hormus hemmen das erhoffte Wirtschaftswachstum. Hohe Energiekosten treiben die Inflation an, was den privaten Konsum der Haushalte stark ausbremst. Steigende Produktionskosten und höhere Zinsen verzögern die privaten Investitionen der Unternehmen spürbar. Die Bundesregierung wollte in dieser desaströsen Lage zumindest mit der neuen Rentenregelung für mehr Planungssicherheit sorgen. Dabei ist vor allem der mögliche Wegfall sogenannter Mini-Jobs ein weiteres Damoklesschwert, das jetzt über dem Einzelhandel schwebt. 

Der Krieg im Iran und die Blockade der Straße von Hormus hemmen das erhoffte Wirtschaftswachstum. Hohe Energiekosten treiben die Inflation an, was den privaten Konsum der Haushalte stark ausbremst. Steigende Produktionskosten und höhere Zinsen verzögern die privaten Investitionen der Unternehmen spürbar. Die Bundesregierung wollte in dieser desaströsen Lage zumindest mit der neuen Rentenregelung für mehr Planungssicherheit sorgen. Dabei ist vor allem der mögliche Wegfall sogenannter Mini-Jobs ein weiteres Damoklesschwert, das jetzt über dem Einzelhandel schwebt. 

Mal ist sie offen, mal geschlossen und manchmal weiß niemand so recht, ob das ein oder andere zutrifft. Seit Monaten hat die Weltöffentlichkeit ihren Blick fest auf die Straße von Hormus gerichtet – jene kleine Meerenge, die den Persischen Golf im Westen mit dem Golf von Oman im Osten verbindet und im Norden durch den Iran und im Süden durch Oman sowie die Vereinigten Arabischen Emirate begrenzt wird. 

Seit April herrscht eigentlich Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran und man verhandelt – mit regelmäßigen Unterbrechungen – darüber, wie es weitergehen soll mit der strategischen Wasserstraße, die schon seit 2000 Jahren das Tor zum Orient ist. Haben in der Antike phönizische Händler und später arabische Seefahrer sie genutzt, um Seide, Weihrauch und Gewürze von Indien nach Mesopotamien und Ägypten zu bringen, ist die ehemalige Gewürzroute heutzutage die wichtigste Tanker- und Containerpassage der Welt und damit schon seit den 1970er Jahren das Zentrum globaler Energiekrisen. 

Als „Nadelöhr“ der globalen Energiewirtschaft passieren täglich rund 20 Prozent des weltweit verbrauchten Erdöls diese Passage – wenn die Schiffe denn durchkommen. Die anhaltenden Spannungen und Handelsblockaden stören die maritimen Lieferketten und erschweren den globalen Containerumschlag weiterhin. Und die Nachwirkungen des Energiepreisschocks belasten die energieintensive deutsche Industrie nach wie vor stark im internationalen Wettbewerb. Das Halle-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) stellte daher kürzlich klar, dass Deutschland in diesem Jahr nur dann ein minimales Wachstum verzeichnen kann, wenn der Seeweg dauerhaft befahrbar wird. Andernfalls droht eine komplette Stagnation.

Dramatische Entwicklungen in allen Branchen

Drastische Aussagen gab es in den vergangenen Monaten reichlich. Etwa von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die erklärte, dass die europäische Importrechnung für fossile Brennstoffe durch die Krise bereits in den ersten eineinhalb Monaten um über 22 Milliarden Euro gestiegen sei. 

Eurogruppen-Chef Kyriakos Mitsotakis warnte, dass ein anhaltender Konflikt die wirtschaftliche Lage Europas massiv erschweren werde. Insbesondere im Frühsommer werde eine verschärfte Preiskonkurrenz mit Asien um Flüssigerdgas (LNG) befürchtet. 

Politiker aller politischer Couleur verwiesen auf Berichte, wonach fehlende Vorprodukte, Chemikalien und Düngemittel aus der Golfregion zu spürbaren Produktionsengpässen führen – vor allem in der Chemie-, Elektro- und Automobilindustrie. 

Cornelius Bähr von Institut der Deutsche Wirtschaft erklärte, dass die Auswirkungen der See-Blockade noch länger spürbar bleiben werden. „Dabei sind nicht nur Transporte von Öl- und Gasprodukten betroffen“, Bähr. „Die Anrainerstaaten des Persischen Golfs – Kuwait, Katar, der Irak, der Iran, Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind nicht nur zentrale Akteure für die Produktion von Öl- und Erdgasprodukten. Sie spielen auch für Produktion und Welthandel bei einer Reihe anderer Rohstoffe und Vorprodukte für weitere Industriezweige eine wichtige Rolle. Viele dieser Güter wurden bislang über den Seeweg im Persischen Golf transportiert, da alternative Transportwege aufwendiger wären. Entsprechend beeinträchtigt die Blockade den Export solcher Güter.“ 

Nicht zuletzt fürchtet der europäische Flugverkehr die nächste Kostenkrise: Steigende Preise für Flugbenzin belasten den Kontinent schwer. Allein Air France-KLM erwartet Mehrkosten von 2,4 Milliarden Dollar, was europäische Verbraucher durch höhere Ticketpreise treffen wird. Die Lufthansa rechnet für 2026 mit Treibstoff-Mehrkosten von rund 1,7 Milliarden Euro – rund 24 Prozent mehr als prognostiziert. Daher wurden erst mal für den Sommer 2026 rund 20.000 europäische Kurzstreckenflüge. Durch die hohen Treibstoffpreise seien diese Routen unrentabel geworden. 

Und auch bei der Dienstleistungsbranche, die lange der schwachen Konjunktur trotzen konnte, schlägt die Krise voll durch. Das zeigt eine Sonderauswertung der DIHK-Konjunkturumfrage Frühsommer 2026, in der mehr als 11.000 Dienstleistungsunternehmen zur ihrer wirtschaftlichen Lage befragt wurden. Dirk Binding, DIHK-Bereichsleiter Digitale Wirtschaft, Infrastruktur, Regionalpolitik: „Viele Dienstleistungsunternehmen von der Logistik über die Werbebranche bis hin zu IT arbeiten für große Industrie- und Gewerbekunden. Geht es diesen schlecht, kommt das zeitverzögert auch bei den Dienstleistern an.“ Doch auch die personenbezogenen Dienstleistungen rund um Gesundheit, Tourismus, Kultur und Verkehr gerieten immer stärker unter Druck. „Die geschwächte Kaufkraft und Unsicherheit der Verbraucher drücken die Nachfrage“, erklärt Binding.

Egal, welche Branche man betrachtet: Die Gemengelage aus geopolitischem Konflikt, Energiekrise, aber auch strukturellem Wandel hemmt weiterhin die Konjunkturerholung. Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet hierzulande in seiner Jahresprojektion mit einem Anstieg des Bruttosozialprodukts (BIP) von lediglich 0,5 Prozent, während andere Wirtschaftsforschungsinstitute für das Gesamtjahr 2026 ein Wachstum zwischen 0,1 Prozent (ifo), 0,6 Prozent (IMK) und knapp 1,0 Prozent (IW) voraussagen.

Verhaltener Optimismus statt Panikmodus

Aber: Die Stimmung unter den Unternehmen in Deutschland hat sich verbessert – wenn auch vielleicht nur kurzfristig. Der ifo Geschäftsklimaindex stieg im Juni auf 85,6 Punkte, nach 85,0 Punkten im Mai. Die Firmen bewerteten ihre aktuelle Lage besser als zuvor. Auch die Erwartungen fielen etwas weniger skeptisch aus. Die Unternehmen schätzen das Umfeld als weniger unsicher ein als noch vor wenigen Wochen. Denn immerhin gibt es einen Rahmenvertrag zwischen den USA und Iran, und es wird auf neutralem Boden verhandelt. Die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung im Iran-Konflikt und die damit verbundene Entspannung im Persischen Golf sowie der Straße von Hormus machen den Unternehmern Mut.

Der Ölpreis ist gesunken, was vor allem energieintensive Branchen wie den Transport- und Logistiksektor entlastet. Schlüsselbranchen wie die Elektroindustrie und die Pharmabranche blicken wieder optimistischer auf ihre Auslandsumsätze. Und auch der Handel schaltet vom Panikmodus auf verhaltenen Optimismus um. Die Händler bewerteten ihre aktuelle Geschäftslage im Juni spürbar besser als in den Vormonaten. Auch der Ausblick auf die kommenden sechs Monate fiel weniger pessimistisch aus.

Das Geschäftsklima im Handel ist laut ifo Geschäftsklimaindex im Juni 2026 auf -26,7 Punkte gestiegen – nach verheerenden -32,6 Punkten im April und -30,0 Punkten im Mai. Für das gesamte Jahr prognostiziert das Ifo Institut eine graduelle Erholung der Wirtschaftsleistung mit einem Anstieg des Bruttosozialprodukts (BIP) um 1,3 Prozent. Der weitere Verlauf hänge maßgeblich von den kommenden EZB-Sitzungen ab (nächster Termin am 23. Juli 2026), bei denen geopolitische Risiken und die Entwicklung der Energiepreise im Fokus stehen werden. 

Erst im Juni hatte die EZB einen Kurswechsel vorgenommen. Erstmals seit September 2023 erhöhte sie die Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte. Damit endet eine Ära, indem sie die Leitzinsen kontinuierlich gesenkt oder eingefroren hat. Der Grund für diesen Schritt: Die anziehende Inflation im Euroraum und die schwächelnde Konjunktur. Die EZB zog die Notbremse: „Der Beschluss zur Zinsanhebung ist robust gegenüber einer Bandbreite von Szenarien, die aufzeigen, wie sich der Schock entwickeln und auf die mittelfristigen Aussichten für den Euroraum auswirken könnte.“

Florian Pfaffinger, Zinsexperte und Mitglied im Dr. Klein Expertenrat, ordnete den aktuellen EZB-Zinsentscheid so ein: „Es zeichnet sich eine zweite Inflationswelle nach 2022 ab. Die EZB musste daher einen Kurswechsel vornehmen, um den Inflationsanstieg im Euroraum zu dämpfen. In den nächsten Monaten wird sie wahrscheinlich die Leitzinsen abermals erhöhen.“

Weitere Zinserhöhungen wahrscheinlich

Das bestätigte EZB-Direktorin Isabel Schnabel Ende Juni: „Um die Inflation mittelfristig wieder auf unseren Zielwert von zwei Prozent zurückzubringen, werden wir aus heutiger Sicht die Zinsen weiter anheben müssen“, sagte sie gegenüber der Wochenzeitung Die ZEIT. Ausmaß und Zeitpunkt weiterer Schritte hingen jedoch davon ab, wie sich der Konflikt im Nahen Osten, die Wirtschaft und die Inflation entwickelten.

Bei der heimischen Wirtschaft stoßen diese Aussichten auf wenig Gegenliebe. Schon den aktuellen Zinsschritt hat Dr. Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) als problematisch eingestuft: „Viele mittelständische Unternehmen finanzieren Modernisierungen, Digitalisierung, Lagerhaltung oder die Transformation ihrer Geschäftsmodelle über Kredite. Steigende Zinsen erhöhen diese Kosten unmittelbar und bremsen notwendige Investitionen. Das schwächt Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung.“ 

Die aktuelle Geldpolitik ist aus seiner Sicht Gift für die deutsche Wirtschaft. „Eine Reduktion der unendlichen Berichtspflichten aus Brüssel würde hingegen schnell zu mehr Beinfreiheit für uns Unternehmerinnen und Unternehmer führen und könnte die wirtschaftliche Entwicklung wirksam stärken“, so Jandura.

Auch der Einzelhandel bekommt die Zinswende der EZB vom Juni deutlich zu spüren. Höhere Zinsen und die hartnäckige Inflation von rund drei Prozent belasten die Branche sowohl auf der Konsum- als auch auf der Kostenseite. Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet für das Gesamtjahr 2026 zwar mit einem nominalen Umsatzplus von 2,0 Prozent, inflationsbereinigt (real) bleibt davon jedoch nur ein minimales Wachstum von 0,5 Prozent übrig. 

Wer spart, gibt weniger aus

In der aktuellen Lage verschieben Verbraucher größere Anschaffungen für Möbel oder Autos auf, weil Ratenkredite teurer werden. Konsumenten wandern verstärkt zu Discountern und den günstigeren Eigenmarken ab, was die Margen der Fachhändler schmälert. Und steigende Tages- und Festgeldzinsen bieten Verbrauchern wieder mehr Anreiz, Geld anzulegen, statt es direkt auszugeben. Wer spart, gibt weniger aus. 

Die Konsumzurückhaltung und verändertes Kaufverhalten treffen auf eine ohnehin gebeutelt Branche: Im laufenden Jahr 2026 werden 4900 Geschäfte in Deutschland verloren gehen, so eine aktuelle Prognose des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Bei dieser Zahl sind die Neueröffnungen in der Branche bereits gegengerechnet. HDE-Präsident Alexander von Preen warnt: „Seit zehn Jahren verlieren wir in Deutschland jährlich mindestens 4500 Geschäfte oder mehr. Besonders bitter waren die Corona-Jahre zwischen 2020 und 2023, da stieg der Wert teilweise auf über 11000. Für 2026 verheißt der Verlust von 4900 Geschäften nichts Gutes. Viele Innenstädte leiden heute schon sichtlich unter Leerständen. Besserung erscheint bei den Zahlen der letzten Jahre nicht in Sicht. So kann und darf es nicht weitergehen. Der Einzelhandel als Rückgrat lebendiger Innenstädte braucht bessere Rahmenbedingungen. Ansonsten erreichen immer mehr Stadtzentren Kipppunkte.“ Von Preen wirbt stattdessen für mehr Investitionen in ein sauberes und ein attraktives Umfeld bessere Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen.

Minijobs müssen bleiben 

Doch Besserung scheint nicht in Sicht. Inzwischen droht vielmehr ein weiteres Dilemma: Die Pläne zur Abschaffung von Minijobs im Rahmen der Rentenreform. „Es ist richtig und wichtig, dass die Rentenkommission Wege sucht, die Sozialversicherungen und damit auch die Lohnnebenkosten zu stabilisieren und zu senken. Die weitgehende Abschaffung der Minijobs ist dabei aber ein gefährlicher Irrweg. Das vernichtet hunderttausende Jobs im Einzelhandel. Denn viele Minijobber können beispielsweise wegen fehlender Möglichkeiten zur Kinderbetreuung gar nicht Vollzeit arbeiten. Und auch für viele Rentner und Studenten würde das ein wichtiges Standbein ihrer Alltagsfinanzierung wegschlagen“, mahnt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Auch aus Sicht der Handelsunternehmen wäre die Entscheidung fatal. „Minijobs ermöglichen es den Händlern, Personal flexibel einzusetzen und die branchentypischen Stoßzeiten abzufedern. Es kann nicht das Ziel sein, Arbeitnehmer und Unternehmen in der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage zusätzlich zu belasten“, so Genth. Immerhin arbeiten im Einzelhandel rund 800.000 auf dem Ticket eines Minijobs. 


Susanne Osadnik
freie Journalistin