Was Innenstädte ausmacht

Interview
Mission
Susanne Müller
Innenstädte sind im Wandel begriffen. Leerstände und die ungewisse Zukunft vieler Warenhäuser erfordern frische Ideen und das Engagement von Städten und Kommunen bei der Immobilienentwicklung. EXPO-REAL-Speaker Professor Dr. Andreas Kaapke im Interview zu Denkfehlern, nachhaltigen Perspektiven und erfolgreichen Umbruch.
Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass jede Innenstadt gerettet werden kann?
Professor Dr. Andreas Kaapke: Die Frage ist, was Rettung bedeutet. Wenn damit das Erhalten des gegenwärtigen Status Quo gemeint sein sollte, dann auf gar keinen Fall. Dies wäre übrigens auch nicht wünschenswert, da an manchen Orten die Bedeutung der Innenstadt schon vor Jahren geschrumpft ist. Wenn damit gemeint ist, dass mit sehr differenzierten Ansätzen und der jeweils machbaren Funktionalität von Innenstädten diese weiterentwickelt werden, dann meine ich, ist das eine lohnende und auch sehr wichtige Aufgabe, damit diese Standorte nicht kippen.
Was wissen wir über Innenstädte wirklich – und welcher Mythos hält sich hartnäckig, obwohl die Daten ihn nicht hergeben?
Das Kardinalproblem ist sicherlich, dass sich Innenstädte eventuell noch clustern lassen, ansonsten aber sehr individuelle Gebilde sind, was eigentlich Standards verbietet, zumindest aber nur bedingt erfolgreich erscheinen lässt. Die Bevölkerung unterscheidet sich, die Alternativen im Umkreis können völlig anders sein, und so fort. Demnach ist der Mythos wohl, dass man mit vereinfachenden Lösungen, die anderweitig vermeintlich erfolgreich waren, unverändert auch am eigenen Standort agieren kann. Das wird nur bedingt funktionieren. Und dann muss auch offen gesprochen werden, welcher Grad an Individualität nötig und gewollt ist und wie dies finanziert werden kann, denn Individualität kostet.
Reden wir bei der „lebendigen Innenstadt“ nicht viel zu oft über das, was Kommunen gerne hätten – statt über das, was Menschen tatsächlich wollen?
Muss das ein Widerspruch sein? Nicht zwingend. Denn wenn Kommunen ihren Auftrag richtig interpretieren, dann orientieren sie sich an den Wünschen der Bevölkerung, versuchen über Beteiligungsprozesse herauszuhören, was opportun ist und was nicht. Problematisch wird es, wenn besonders laut sprechende Gruppen ihre Sicht der Dinge prominent platzieren und nicht evaluiert wird, ob die weniger öffentlichkeitswirksamen Gruppen mit davon abweichenden Ansichten nicht doch in der deutlichen Mehrheit sind.
Zeitgeist setzt sich durch
Ist Leerstand eigentlich das Problem – oder nur das sichtbare Symptom einer viel größeren Herausforderung?
Leerstand ist die Folge, nicht der Ursprung. Das Konsumentenverhalten verändert sich seit Jahren stetig, das Angebot oft nur marginal. Dass irgendwann der stationäre Handel nicht mehr an Fläche zunehmen kann, wenn der Online-Handel stetig wäscht, ist bei einer nicht wachsenden Bevölkerung mit Sättigungstendenzen in manchen Warengruppen nachzuvollziehen. Jetzt hören wir aus einem aktuellen Branchenbericht des IfH zum Beispiel, dass sich der Absatz von Schuhen reduzieren wird und sich die Allrounder „Sneaker“ noch mehr durchsetzen werden, damit aber als Alltagsschuh andere Schuhtypen zurückdrängen. Wenn sich Anlässe verschieben und das, was bei Anlässen als en vogue angesehen wird, ebenfalls, dann wird neu sortiert. Das Problem ist, dass wir eine nicht mehr stark ausgeprägte Anpassungsbereitschaft haben – was zugebenermaßen auch nicht ganz einfach und auch teuer ist. Am Ende wird sich aber der durchsetzen, dessen Angebot den Zeitgeist abbildet.
Ist Frequenz überhaupt noch das richtige Ziel? Oder kann eine Innenstadt mit weniger Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich erfolgreicher sein?
Frequenz ist deshalb ein Ziel, weil belebte - nicht überfüllte - Orte als attraktiv empfunden werden. Wir kennen dies von dem Strandrestaurant, in dem Menschen sitzen, die andere Menschen anziehen, während jenes, das keine Menschen gewinnen konnte, weiter leer bleibt. Diese Form von Schwarmintelligenz gibt es auch an Handels- und Gastronomiestandorten nach wie vor. Deshalb ist die Frequenz nicht abzuschreiben, und entsprechende Events und ähnliche Faktoren sollten forciert werden. Die Frage ist dann eher, ob der „Tütenfaktor“ noch ganz so entscheidend ist oder aber die wertig gefüllte Einzeltüte nicht die Tütenschlacht schlägt. Dies hängt vom jeweiligen Konzept ab, kann aber funktionieren. Klasse statt Masse!
Inszenierung entscheidet
Die Menschen sagen in Befragungen gerne, sie wünschen sich mehr Aufenthaltsqualität. Aber würden sie dafür tatsächlich ihr Verhalten ändern – oder ist das eine typische Umfrageantwort, die in der Realität wenig wert ist?
Ich glaube sehr daran, dass der normal sterbliche Kunde unter Aufenthaltsqualität in der Mehrheit etwas anderes versteht als Stadtplaner und City-Manager. Kunden verstehen darunter, dass möglichst viele Formate, im Handel wie in der Gastronomie gleichermaßen, die sie gut finden und die sie besuchen wollen, vorhanden sind und somit auf einem überschaubaren Raum das feilgeboten wird, was man sehen und nutzen möchte. Dazu will man unterschiedliche gastronomische Angebote, je nachdem, ob man sich auch noch treffen möchte oder sich nur versorgen muss. Natürlich macht sich dabei ein Brunnen gut, sind Sitzgelegenheiten nützlich. Kein Mensch geht ins Theater, weil die Garderobe sensationell ist und gut funktioniert. Am Ende entscheidet die Inszenierung, die Rahmenbedingungen erhöhen aber die Convenience.
Sind verkaufsoffene Sonntage, Stadtfeste und Weihnachtsmärkte echte Innenstadtstrategie oder betreutes Bespaßen gegen den Bedeutungsverlust?
Offen gesagt, wäre mir das egal. Es scheint nach wie vor an vielen, nicht allen, Standorten zu funktionieren. Warum? Menschen sehnen sich nach Besonderheiten, und das ist hier der Fall. Man trifft andere Leute und folgt der alten Regel „Sehen und gesehen werden“. Natürlich wäre es jedem Anbieter lieber, wenn der Standard auskömmlich wäre - ist er aber nicht oder nicht immer. Und derlei Events gehen ja über den reinen Kompensationsansatz für die im Handel und in der Gastronomie stattfindenden Bedeutungsrelativierungen hinaus, da sie eben auch oder gerade eine Funktionalität von Städten abbilden, die sich in Begegnungsräume schaffen, in Erlebnisse generieren und in Besonderheiten anbieten niederschlägt.
Wenn Sie einen Innenstadtakteur zwingen müssten, eine liebgewonnene Maßnahme abzuschaffen: Was wäre Ihr erster Kandidat?
Offen gesagt, nichts. Menschen haben ein ganz gutes Gespür dafür, wann die Zeit für etwas abgelaufen ist. Was am Standort A noch funktioniert, kann an Standort B schon tot sein. Was ich aber abschaffen würde, sind wenig sachdienliche Beharrungstendenzen, wenn es dafür keine evidenten Gründe mehr gibt - mit der Begründung, die Menschen wollten dies. Meine Erfahrung ist, dass das Geschrei erst groß ist oder von Wenigen groß gemacht wird, sich der Empörungsalarm aber überraschend schnell legt, wenn man feststellt, dass es einem doch nicht ganz so wichtig ist. Wenn man Leute fragt, wie sie den Fachhandel finden, antworten wahnsinnig viele, enorm wichtig, ohne in den letzten drei Jahren dort eingekauft zu haben. Das ist wie ein vermeintlicher alter Freund, bei dem es aber nicht gelingt, sich regelmäßig zu treffen, weil andere Dinge dann doch wichtiger sind. Hier müssen intelligente Marktforschungsmethoden tatsächlich rauszukriegen versuchen, welchen Bedeutungsgrad etwas hat.
Probleme benennen
Was wäre die unbequeme Wahrheit über deutsche Innenstädte, die ein Bürgermeister auf einer Bühne lieber nicht hören möchte?
Innenstädte werden viel zu schnell und fast schon notorisch schöngeredet, und es herrscht die Tendenz vor, zwei, drei positive Dinge zu überhöhen und sich um die Probleme zu drücken oder diese totzuschweigen. Und die Probleme sind und bleiben Erreichbarkeit, Baustellenmanagement, Sicherheit. Statt zum Beispiel Subkulturen zu stigmatisieren, sind Diskussionen zu führen, wie man diese steuern und lenken kann. Durch einseitige Verbote pulverisieren sich ja die Subkulturen nicht.
Wo liegen Kommunen bei der Innenstadtentwicklung am häufigsten falsch: bei der Diagnose, beim Ziel oder bei der Umsetzung?
Das Ziel ist aus meiner Sicht in der Regel am ehesten hinzubekommen. Bei der Diagnose sind zu schnell erste Symptome im Fokus, und es wird nicht immer darauf geachtet, ob man die Situation tatsächlich umfassend reflektiert hat. Das führt dann nicht selten zu einer Fehlallokation von Ressourcen, die nach wie vor knapp sind und bleiben werden. Und das größte Problem ist die Umsetzung. Wenn Lösungen vorliegen, aber am Ende des Tages zum Beispiel die Genehmigungsprozesse bei den städtischen Ämtern zu lange dauern, wird aus einer guten, aktuellen, in die Zeit passenden Lösung ein Ladenhüter bei genervten und dann demotivierten Menschen. Hier haben sich die Behörden teilweise von den Notwendigkeiten entkoppelt und verstecken sich hinter bürokratischen Regeln, die nicht mehr zeitgemäß sind.
Sie kommen aus der Marktforschung: Woran erkennen Sie, ob eine Innenstadtmaßnahme tatsächlich funktioniert – und nicht nur auf dem Papier gut aussieht?
Da sind wir fast schon in der Zukunftsforschung. Hier möchte ich eher wissenschaftlich argumentieren. Wenn Marktforschung objektiv, reliabel, also belastbar und valide - wurde auch wirklich das untersucht, was untersucht werden sollte - durchgeführt wurde, signifikante Ergebnisse liefert, die auch prozentual überzeugend sind, haben sie eine gute Chance. Jetzt muss aber die Umsetzung zügig und gründlich erfolgen, gut kommuniziert und gerade am Anfang stetig mit Leben gefüllt werden. Dann klappt dies mit hoher Wahrscheinlichkeit. Schnellschüsse, irrationale Bauchentscheidungen oder auch suboptimale Umsetzungen sind in der Regel Geldverschwendung und Stimmungskiller.
Leben ändert sich
Wenn wir uns in zehn Jahren wieder sprechen: Woran würden Sie erkennen, dass die deutsche Innenstadt die Kurve tatsächlich bekommen hat?
Es wird sich aussortieren. Wenn wir an die gute alte Theorie der zentralen Orte denken, werden sich diese dort abgebildeten, dem jeweiligen Ortstyp zugeordneten Funktionalitäten nochmals verändert haben. Und so bitter dies für manche Stadt sein wird, wenn andere, etwas größere Städte - egal in welcher Dimension - im Umfeld liegen und auch die Arbeitsorte von Bewohnern schwerpunktmäßig andernorts sind, wird man sich neu justieren müssen. Die Städte, die Funktionalitäten verlieren, müssen sich dann an denen orientieren und gut meistern, die ihnen bleiben, und nicht krampfhaft versuchen, das Bestehende zu bewahren. Und die Städte, die ihre Funktionalitäten halten können oder gar ausbauen, sind aufgefordert, regelmäßig Anpassungen vorzunehmen. Das Leben ändert sich, und dies gefühlt immer schneller. Wenn Städte weiterhin Spiegelbild des Lebens sein und bleiben wollen, machen sie diese Änderungen mit und interpretieren dies standortindividuell.
Das Interview führte
Susanne Müller