Was Stadtmenschen glücklich macht

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Susanne Müller
Nicht Berlin, nicht München, nicht Hamburg – sondern das vergleichsweise beschauliche Kassel führt erneut das Städteranking im Glücksatlas 2025 der Süddeutschen Klassenlotterie (SKL) an. Inmitten wachsender gesellschaftlicher Spannungen, steigender Lebenshaltungskosten und urbaner Sicherheitsdebatten liefert der Bericht ein bemerkenswertes Signal: Glück hat in deutschen Städten offenbar weniger mit Größe als mit Lebensnähe und gefühlter Sicherheit zu tun.
Auffällig bei der Studie ist: Die sicherheitspolitische Lage spielt eine zunehmend relevante Rolle bei der Einschätzung des subjektiven Glücksempfindens. Die Analyse des Freiburger Ökonomen Professor Bernd Raffelhüschen, der das Städteranking wissenschaftlich begleitet, verweist klar auf die „gleichmäßige Verteilung von Zufriedenheit“ als Schlüsselindikator. Diese ist nicht zuletzt dort gegeben, wo Menschen sich sicher, versorgt und eingebunden fühlen. Gerade kleinere Großstädte wie Kassel, Münster und Aachen profitieren: Sie verzeichnen geringere Kriminalitätsraten, kürzere Wege, überschaubare Wohngebiete und einen stärkeren sozialen Zusammenhalt. All das trägt zur gefühlten Lebenssicherheit bei – einem Aspekt, den Experten als unterschätzt, aber zentral einstufen.
Groß ist nicht gleich gut
Die Studie basiert auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 23.000 Menschen in Deutschlands 40 größten Städten über 200.000 Einwohnern. Das Ergebnis zeichnet ein eindeutiges Bild: In Millionenstädten wie Berlin (Platz 37), Frankfurt (35) und München (27) sinkt die durchschnittliche Lebenszufriedenheit messbar – trotz überdurchschnittlicher kultureller und wirtschaftlicher Angebote. „Mit wachsender Stadtgröße nehmen typischerweise Kriminalität, Mietpreise, Verkehrsbelastung und Umweltprobleme zu“, heißt es im Bericht. Das ist nicht weiter verwunderlich. Der Stress des urbanen Alltags, das Fehlen grüner Rückzugsräume und die soziale Fragmentierung führen vielerorts zu einem Rückgang der subjektiven Lebensfreude. Sicherheit – sowohl im realen wie im gefühlten Sinne – gerät dabei unter Druck.
Erfolgsformel: überschaubar, grün, safe
Kassel führt das Ranking mit 7,44 von zehn Punkten an – zum zweiten Mal in Folge. Die Stadt in Nordhessen punktet mit einer außergewöhnlich hohen Zahl an hoch Zufriedenen, guter Gesundheitsversorgung, stabilen Mietverhältnissen und einem Sicherheitsgefühl, das das Leben vor Ort als „überschaubar und verlässlich“ erscheinen lässt. Die Zahl der gemeldeten Gewaltdelikte pro Einwohner liegt dort unter dem Städtedurchschnitt. Krefeld und Düsseldorf folgen auf den Plätzen zwei und drei. Auch sie überzeugen durch vergleichsweise stabile soziale Gefüge, gute medizinische Versorgung und verhältnismäßig niedrige Kriminalitätsraten.
In Kiel, wo die Zufriedenheit im Vergleich zum Vorjahr sank, wurden hingegen wachsende Unsicherheiten, etwa durch steigende Mieten und zunehmende Kriminalität, als Gründe genannt.
Spagat der Großstädte
Wie also schaffen Städte das Gleichgewicht zwischen Urbanität und Lebenssicherheit? Die Antwort darauf dürfte künftig entscheidend für Stadtplanung und Kommunalpolitik werden. Denn wenn das Glück der Menschen dort wächst, wo Städte als lebenswert, sicher und menschennah empfunden werden, gerät der klassische Wachstumsgedanke unter Druck. Städte wie Kassel und Erfurt zeigen, dass ein gelingendes Stadtleben nicht zwangsläufig in Millionenmetropolen stattfindet. Vielmehr lässt sich an ihnen ablesen, dass soziale Kohärenz, gute Infrastruktur, geringe Kriminalität und ein stabiles Sicherheitsgefühl zentrale Bausteine eines glücklichen urbanen Lebens sind.
Weckruf für mehr Qualität
Der Glücksatlas 2025 geht somit über den Ranking-Status hinaus – er gilt als Weckruf. Während politische Debatten oft um Wirtschaftskraft und Metropolenattraktivität kreisen, machen die Bürgerinnen und Bürger deutlich, was ihnen wirklich wichtig ist: ein sicheres, überschaubares Umfeld, das Lebensqualität schafft – und das Vertrauen, dort dauerhaft gut leben zu können. Künftig wird die Frage, wie sicher und lebenswert eine Stadt ist, weit mehr darüber entscheiden, ob sie als glücklich gilt, als jeder ökonomische Indikator.
Susanne Müller