Weltwährung in der Krise

Die USA machen Rekordschulden. © Michele Ursi – alamy.com

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Susanne Osadnik

Die Welt steuert auf ein multipolares Finanzsystem zu, in dem der Dollar zwar die stärkste Währung bleibt, aber seine absolute Monopolstellung verliert. Was das für den Euro bedeuten könnte. 

Donald Trump liebt Superlative und Reichtum – am besten in Kombination miteinander. Vom jüngsten Rekord der USA ist er jedoch wenig erfreut: Denn erstmals in der Geschichte des Landes haben sich Schulden in Höhe von mehr als 40 Billionen US-Dollar angehäuft. Damit entfallen rund 120.000 Dollar auf jeden einzelnen Staatsbürger der Vereinigten Staaten. Nur zum Vergleich: Hierzulande liegt die Staatsverschuldung pro Kopf bei etwa 34.000 US-Dollar. Das konnten die Hörer des Deutschlandfunks kürzlich erfahren. 

In diesem Jahr muss die US-Regierung bereits rund eine Billion Dollar für Zinsen ausgeben – das ist mehr, als die USA für ihre Verteidigung veranschlagen. Kriegsminister Pete Hegseth verkündete im Sommer, dass sein Etat bis dato schon 37,5 Milliarden US-Dollar verschlungen hat. Für das kommende Jahr bekommt er weitere 1,15 Billionen Dollar – zugebilligt durch das Repräsentantenhaus. 

Je nachdem, wie lange der Krieg mit dem Iran noch andauern wird, dürfte es noch teurer werden. Die Unberechenbarkeit und der stetige Kurswechsel des amerikanischen Präsidenten machen Prognosen schwierig. Nicht umsonst wird dem mächtigsten Mann der Welt das Akronym „Taco“ zugeordnet, was für „Trump always chickens out“ steht – und das Verhalten des US-Präsidenten beschreibt, wirtschaftspolitische Ankündigungen abzuschwächen oder zurückzunehmen, sobald die Finanzmärkte negativ reagieren. 

Trump in der Schuldenspirale 

Internationale Finanzexperten führen das Debakel der enormen Staatsverschuldung neben dem andauernden militärischen Konflikt mit dem Iran auch auf die absurde Zollpolitik Trumps  und die langfristigen Zahlungsverpflichtungen sowie die steigenden Kosten für Zinszahlungen zurück: Die USA müssen immer neue Schulden machen, um die alten abzutragen – zu immer höheren Zinsen. Denn die Investoren verlieren langsam aber sicher das Vertrauen ob des politischen und wirtschaftlichen Schlingerkurses eines Donald Trump. Sie verlangen mehr Sicherheiten. 

Das könnte der Beginn einer Schuldenspirale sein, die im schlimmsten Fall darin gipfelt, dass die Schuldner nicht mehr daran glauben, die Politik könne das Problem in den Griff bekommen. Das würde sprunghaft ansteigende Zinsen und sofortigen Abzug von Investorenkapital nach sich ziehen – und eine Krise auslösen, die kaum noch zu kontrollieren ist, prognostiziert die deutsch-amerikanische Finanzexpertin Sandra Navidi. 

Die CEO und Gründerin der New Yorker Unternehmensberatung Beyond Global Navidi geht davon aus, dass Trump der Verlauf der Realwirtschaft aber ohnehin egal ist: „Wenn es irgendjemand schaffen sollte, Amerika in die Pleite zu schicken, dann ist es Donald Trump.“ 

Navidi kritisiert Trumps Politik seit Jahren vehement und warnt vor den Auswirkungen seiner Amtszeit auf die USA und die Weltwirtschaft. „Ein Bankrott der USA hätte unvorstellbare Auswirkungen. US-Staatsanleihen sind die Referenzgröße für praktisch alles im globalen Finanzsystem“, so Navidi. „Bislang sind die Märkte davon ausgegangen, dass die USA ihre Schulden zurückzahlen. Zwar sind die USA kein Unternehmen, das pleitegehen könnte. Immerhin verfügen sie über die mächtigste Zentralbank der Welt und können ihr eigenes Geld nachdrucken. Aber Donald Trump hat mehrmals angedeutet, dass die USA ihre Schulden nicht unbedingt komplett zurückzahlen müssten. Das war ein absoluter Tabubruch, der die Märkte aufhorchen ließ.“ 

Weltweit reduzieren Staaten - allen voran die BRICS+-Staaten - inzwischen ihre Dollar-Reserven und weichen auf Gold oder digitale Alternativen aus. Verliert der Dollar schleichend seine Rolle als Weltreservewährung, verlieren die USA ihr „exorbitantes Privileg“, sich unbegrenzt und billig im Ausland zu verschulden. 

Schleichende Erosion des Dollars 

Die größte Bedrohung für den Dollar ist jedoch nicht BRICS, sondern die US-Politik selbst, wie auch Analysten von J.P. Morgan und dem Bretton Woods Committee warnen. Ihr Fazit: Der Dollar wird nicht über Nacht kollabieren. Die Welt steuert vielmehr auf ein multipolares Finanzsystem zu, in dem der Dollar zwar die stärkste Währung bleibt, aber seine absolute Monopolstellung verliert.

Der britische Ökonom Lord Jim O’Neill – der Erfinder des Begriffs „BRIC“ – hat seine jahrzehntelange Haltung zu diesem Thema kürzlich drastisch revidiert. Während er Pläne für eine Abkehr vom Dollar lange Zeit als „lächerlich“, „peinlich“ oder reine „Fantasie“ abtat, sieht er das Szenario heutzutage deutlich realistischer: Er hält Alternativen zur Dollar-Dominanz durch neue digitale Technologien inzwischen für durchaus denkbar und begründet seinen Meinungsumschwung vor allem mit den rasanten Fortschritten bei digitalen Zahlungstechnologien. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters erklärte er im Sommer, dass neue blockchainbasierte Systeme es Staaten ermöglichten, direkt in ihren eigenen Währungen zu handeln, ohne das US-zentrierte SWIFT-System oder den Dollar nutzen zu müssen. Aus seiner Sicht verliert der Dollar dadurch seine absolute Vormachtstellung, weil die Welt digitale Wege findet, sich aus der Abhängigkeit von Washingtons Finanzpolitik zu befreien. Das sei kein plötzlicher Tod, sondern eine schleichende, unaufhaltsame Erosion. 

Extreme Abhängigkeit

Die Vormachtstellung des Dollars ist für O´Neill ohnehin „idiotisch unproportional“, weil das Gewicht des Dollars im globalen Finanzsystem in keinem Verhältnis zur realen Wirtschaftskraft der USA stehe: Die USA stellten nur noch etwa 18 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung (BIP), während die Schwellenländer rund 60 Prozent ausmachen. Trotzdem werde der Dollar weiterhin für fast 90 Prozent aller weltweiten Devisengeschäfte genutzt, so der Ökonom. Diese extreme Abhängigkeit führe dazu, dass die Geldpolitik der US-Notenbank (Fed) den Rest der Welt unverdient stark belaste, weshalb O'Neill den globalen Drang zur Entdollarisierung als logische Konsequenz sieht.

Sein Fazit: Der Dollar wird seine Vormachtstellung verlieren, aber nicht durch eine alles dominierende Konkurrenzwährung ersetzt werden. Stattdessen ebnen digitale Technologien den Weg für ein multipolares System, in dem regionale Währungen im direkten Handel an Bedeutung gewinnen werden.

Auch hierzulande gibt es Gedankenspiele angesichts der amerikanischen Staatsschuldenkrise und der Frage, ob der Dollar als die unumstrittene Leitwährung noch lange Bestand haben wird. 

Euro als neue Leitwährung? 

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, warnte kürzlich vor einer massiven fiskalischen Überdehnung der USA angesichts einer Schuldenquote von über 120 Prozent des BIP, gepaart mit den politischen Konflikten um die Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed. Das beschädige das weltweite Vertrauen in den Dollar nachhaltig, so Hüther. Er ist daher überzeugt, dass die internationale Währungsordnung an einem Wendepunkt steht. „Der Dollar offenbart strukturelle Schwächen, die Märkte nicht ignorieren: hohe politisch-institutionelle Unsicherheit, fiskalische Überforderung und den Bruch etablierter Allianzen“, erklärte Hüther Anfang September in einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung. „Noch dominiert er, aber er wirkt weniger alternativlos. Das genügt, um Bewegung zu erzeugen.“ 

Den Euro als globale Leitwährung zu positionieren, ist für den IW-Direktor angesichts der Verunsicherung der Kapitalmärkte und der impliziten Drohung, US-Staatsanleihen nicht mehr bedienen zu wollen, „ein strategisches Projekt von neuer Relevanz“. Für jene Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die der Währungsunion bisher ferngeblieben sind, könnte es ein starkes Beitrittsargument liefern, erklärt Hüther. Staaten, die eine internationale Leitwährung bereitstellten, gewännen zudem Verhandlungsmacht und damit geopolitische Resilienz. Zugleich würde es der Entwicklung der Kapitalmarktunion, die dafür unabdingbar sei, eine verständliche Rahmenerzählung liefern. 

Eine Leitwährung diene Notenbanken weltweit als Reservewährung, dem Welthandel als Transaktionsmittel und Kapitalanlegern als sicherer Hafen. Das verschaffe dem Emittenten von Staatsanleihen erhebliche Vorteile: niedrige Finanzierungskosten, die Möglichkeit, globale Liquidität zu steuern, und nachhaltigen Einfluss auf Struktur und Funktionsweise internationaler Finanzmärkte. Rüthers Fazit: Für Europa wäre das die Chance, ein starkes Signal der Einheit und Verlässlichkeit zu setzen.


Susanne Osadnik, 
freie Journalistin