Zu neuen Ufern

Interview
Focus
Susanne Müller
Nach zwei Jahrzehnten an der Spitze von Kiel-Marketing verabschiedet sich Geschäftsführer Uwe Wanger in den Ruhestand. Kaum jemand hat das Bild der Stadt in dieser Zeit so kontinuierlich mitgeprägt – durch Veranstaltungen, neue Orte, internationale Event-Großformate und eine Leidenschaft für die Marke Kiel.Sailing.City. In seinem Abschiedsinterview schaut er zurück auf prägende Projekte, wagt einen Blick in die Zukunft.
Kiel ist eine faszinierende Stadt mit dem Meer in der Innenstadt, wo Kreuzfahrtschiffe direkt bis zum Hauptbahnhof vorfahren. Das Segelschulschiff Gorch Fock ist dort beheimatet und ein international bekanntes Wahrzeichen, die Marine, eine gute Uni, die Strände liegen vor der Tür, und einmal im Jahr ist Kieler Woche – dann ist die Town zehn Tage lang im Ausnahmezustand. Das war auch schon vor 20 Jahren toll, aber damals gab’s noch viele Defizite. Einseitige Einzelhandelsstruktur, inhaltliche Quartiersbildung Fehlanzeige, nur wenige Unterhaltungsangebote oder Events für Einheimische und Gäste in der Innenstadt. Einen mehr oder weniger tristen Weihnachtsmarkt, von dem sich viele Kielerinnen und Kieler schon verabschiedet hatten. Plätze und Promenaden wie die Kiellinie waren nicht in den Fokus gerückt. Bis Uwe Wanger Kiel-Marketing übernahm – damals in keinem guten Zustand. Finanziell etwas in der Schieflage und nur schwach von Stadt und Wirtschaft unterstützt. Eigentlich aussichtslos, aber er hat’s gemacht, weil ihm diese Stadt am Herzen lag. Nach zwanzig Jahren Marketingerfahrung wollte er etwas zurückgeben und die Heimat seiner Kinder attraktiver machen.
Was hat sich in der Kieler City in zwanzig Jahren verändert?
Uwe Wanger: Nun, nahezu alles. Heute gibt es viele Dinge, Orte, Anlässe und Veranstaltungen, mit denen sich Kielerinnen und Kieler in ihrer Stadt identifizieren können und sich deshalb wohl fühlen, und das ist auch ein Grund, weshalb immer mehr Gäste nach Kiel kommen. Dazu gehört natürlich auch, dass der THW Kiel zwischenzeitlich viele Handball-Meistertitel gesammelt und Holstein Kiel es in die Fußball-Bundesliga geschafft hat. Nachdem ich meinen Job angetreten hatte, war mir schnell klar, dass Eventmarketing der richtige Weg für Kiel ist. Veranstaltungen haben eine Doppelfunktion: Sie sind für die Stadtgesellschaft da und machen Kiel zugleich national und international sichtbar. Tourismus-, Stadt- und Eventmarketing greifen dabei ineinander. Wir kommunizieren immer als Ganzes – für Gäste und für die Menschen vor Ort.
Wie hat sich die Aufenthaltsqualität in der Stadt konkret verbessert?
Die Kieler Stadtplanung hat mit dem Bau der Wasserverbindung „Fleet“ eine Initialzündung für viele Investitionen in der Innenstadt und für seine Weiterentwicklung gesetzt. Kiel-Marketing hat dieses Jahr das größte Winterbeleuchtungsprojekt in Deutschland darauf umsetzen können. So greifen hier in Kiel die Stadtplanung und Kiel-Marketing Hand in Hand. Dieses Jahr wird nun die Komplettsanierung der 1,4 km langen Einkaufsstraße – der Holstenstraße – beginnen, und Kiel-Marketing macht dazu eine Event- und Kommunikationsinitiative.
Kultur für den Nachwuchs
Ein gutes Beispiel dafür, was Kiel-Marketing konkret verändert hat, ist der Bootshafensommer. Die Stadt hatte zuvor gebaut, und wir haben dem Ort Leben eingehaucht und ihn ins Bewusstsein der Menschen geholt. Mit ihm haben wir einen neuen Veranstaltungsort und einen echten Nukleus in der Innenstadt für Junge – also Nachwuchskultur – geschaffen, umsonst und draußen, für jeden zugänglich. Studenten, Schüler und alle, die abends gerne mal irgendwo hingehen wollen, kommen her. Seit 17 Jahren regelmäßig nach der Kieler Woche von Juli bis September, an sechs Wochenenden mit jährlich über 60.000 Besuchern.
Aber auch andere Veranstaltungsformate haben wir neu erfunden, wie das Lichtermeer, und wieder mit Qualität gefüllt, zum Beispiel den traditionsreichen Kieler Umschlag oder auch den jährlichen Bauernmarkt. So kommen jeweils 100.000 bis 150.000 Besucher extra in die Stadt, was sehr wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg des Einzelhandels und der Gastronomie ist.
Widerstände ausgeräumt
Sehr stolz bin ich auf die Entwicklung der Kieler Weihnachtsmärkte. Das war ein extrem langer Prozess – acht Jahre hat es gedauert, bis wir eine neue Weihnachtsmarktlandschaft etablieren konnten. Früher war der Weihnachtsmarkt auf dem Holstenplatzkeine echte Attraktion – und im Winter in der Stadt touristisch kaum etwas los. Dabei wussten wir, dass Weihnachtsmarkttourismus ein riesiger Markt ist. Trotzdem gab es massive Widerstände: von Marktbeschickern, aus der Politik, aus der Verwaltung. Die Idee eines zweiten Weihnachtsmarktes auf dem Rathausplatz wurde lange abgelehnt. Als wir dann aber endlich starten konnten, haben sich die Besucherzahlen direkt verdoppelt. Plötzlich entstand ein stimmungsvoller Markt mit eigener Identität – und am Ende wollten alle dabei sein. Heute haben wir fünf Weihnachtsmärkte in der Stadt – mit rund 1,6 Millionen Besuchern die stärksten Weihnachtsmärkte im „echten Norden“.
Dritter Ort etabliert
Ein weiteres Beispiel ist das Segelcamp an der Kiellinie. Trotz amtlicher Widerstände ist dort mit Gastronomie und später mit einer innerstädtischen Badestelle ein echter dritter Ort entstanden. Heute trifft man sich dort unglaublich gerne nach Feierabend – bei gutem und bei schlechtem Wetter –, geht vorbei, holt sich ein Fischbrötchen, springt ins Wasser, fährt SUP, spielt Volleyball oder sitzt einfach nur am Wasser und schaut den Kindern dabei zu, wie sie segeln lernen. Da ist etwas an der Kiellinie entstanden, das heute ganz selbstverständlich zum Stadtleben gehört. Gehört übrigens auch zu meinen persönlichen Lieblingsorten in Kiel. Sogar die Aussicht auf die Werftkräne habe ich mittlerweile lieb gewonnen.
Gibt es weitere Projekte, auf deren Umsetzung Sie besonders stolz sind?
Ja, das ist das Ocean Race Europe. Mir war es immer wichtig, Segeln für die Menschen direkt an der Förde erlebbar zu machen – in einem Format, das verständlich ist. Etwas, wo der Claim der Stadt „KIEL.SAILING.CITY.“ erlebbar und glaubhaft ‘rüber kommt. Bei sportlichen Segelveranstaltungen sieht man oft nur Boote irgendwo draußen segeln, und man fragt sich, wer eigentlich gewonnen hat. Deshalb haben wir attraktive, publikumsnahe Formate gefördert so wie I-Shares-Cup, Extreme40 und MOD70. Daraus entstand auch die Idee, das Ocean Race nach Kiel in die Innenförde, in die City, zu holen. Die Boote, die Seglerinnen und Segler, die Präsenz von Segelstar Boris Herrmann, die Begeisterung der Menschen, ein riesiges Spektakel an der Kiellinie sowohl zum Ocean Race FlyBy 2023 als auch beim Ocean Race Race Europe 2025 – das war ein echtes Highlight. Der Erfolg, gemessen an 250.000 Besuchern und einer internationalen Mediareichweite von 735 Millionen Kontakten, hat bestätigt, dass Kiel genau das richtige Publikum für solche Formate hat und mit Eventmarketing mehr für eine Stadt getan werden kann als mit jeder deutlich teureren Werbekampagne.
Sechs Kieler Kieze
Wie geht es dem Einzelhandel in der Stadt, und welche Perspektive gibt es dafür in Kiel?
Mit der Konzeptentwicklung der „Sechs Kieler Kieze“, zusammen mit Eigentümern, Immobilien Maklern, Einzelhändlern und der Stadtplanunghaben wir in der Innenstadt die Grundlagen für eine zielgerichtete Entwicklung der innerstädtischen Angebotsstruktur gesetzt. Mit über 120 Leerstandsbespielungen von Kultur bis Start-Up, mit der Schaffung eines Zukunftsraumes für den Einzelhandel, mit einem festen Ort für die Kreativwirtschaft in einem ehemaligen Leerstand zeigen wir, wie auch eine gute Umnutzung funktionieren kann. Und besonders erfolgreich ist auch die Erfindung des SEALEVEL, eine neuartige aktive Ausstellungs- und Mitmachfläche für Jung und Alt zum Thema Meeresschutz, bei der Universität, Fachinstitutionen wie Geomar, Fachhochschule und viele weitere Partner mit den gleichen Zielen zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gemeinsam zeigen, was sie forschen und bewegen. 40.000 Besuchende in zehn Monaten in einem sonst problematischen Leerstand zeigen, wie es gehen kann. Mit anderen Worten, die Aussichten und Perspektiven sind großartig, ich kann es also kaum erwarten, wie es wird, werde aber wohl nur noch als Besucher zuschauen, was mein Nachfolger Johannes Hesse sowie unser neuer Oberbürgermeister – ab April 2026 – daraus machen.
Was geben Sie Ihrem Nachfolger Johannes Hesse mit auf den Weg?
Immer vorangehen. Locker bleiben. Nicht verkrampfen. Für Dinge brennen, Haltung zeigen und auch gegen Widerstände kämpfen. Die gibt es sowieso – immer. Diplomatisch sein ist gut, aber man muss für etwas stehen und das auch zeigen. Das ist wichtig, gerade als Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit, Wirtschaft, Politik und Verwaltung.
Das Interview führte
Susanne Müller